Cybill – Staffeln 1 – 4 (Sitcom, DVD)

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Cybill - Staffeln 1-4 (DVD)Denkt man an Chuck Lorre, so bringt man den Namen zur Zeit wohl hauptsächlich mit den Sitcoms „Two And A Half Men“, „The Big Bang Theory“ und ferner auch „Mike & Molly“ in Verbindung, doch der US-Amerikaner war bereits in den Achtzigern und Neunzigern Vater solcher Produktionen wie „Grace“, „Roseanne“ und um die Jahrtausendwende herum auch „Dharma und Greg“ – und „Cybill“ ist eine weitere seiner erfolgreichen Kreationen.

Die Quasi-Namensgeberin Cybill Shepherd ist ebenfalls keine Unbekannte und dürfte einigen aus „Das Model und der Schnüffler“ an der Seite von Bruce Willis in Erinnerung geblieben sein, und aus diversen anderen Filmen und Serien („The L Word“, „Psych“) oder als Jazz-Sängerin werden sie wohl auch viele kennen.

In den Mitt- bis Endneunzigern entstanden vier Staffeln der Sitcom „Cybill“, in welcher Shepherd die semi-erfolgreiche Schauspielerin Cybill Sheridan mimt, die sich mit schlechten Filmen und noch schlechteren Werbespots ein paar Dollars verdient. Sie lebt mit ihrer stark pubertierenden, aufbrausenden jüngeren Tochter Zoey (Alicia Witt) zusammen, die sie aus der Ehe mit ihrem zweiten Ex-Ehemann Ira Woodbine (Alan Rosenberg, u.a. „Numb3rs“), einem Buchautoren mit ähnlichen (hüstel!) Karrierehochs mitgebracht hat. Die anfangs brav wirkende ältere Tochter Rachel (Dedee Pfeifer), welche Cybill mit ihrem ersten Exmann, dem eher einfach gestrickten und auch nicht gerade in Erfolg badenden Stuntman Jeff (Tom Wopat, u.a. „Ein Duke kommt selten allein“) zustande gebracht hat, ist auch regelmäßig zu Besuch.

Sie alle sind irgendwie eine große Familie, denn auch die beiden Herren gehen alle Nase lang im Haus ein und aus. Fest dazu gehört auch Cybills beste Freundin Maryann (Christine Baranski, wohl in der Rolle ihres Lebens), deren Markenzeichen zu viel Geld, zu viel Alkohol, ausgefallene Kleidung und extrem flapsige Sprüche sind. Heterogener kann der Mix aus Charakteren also nicht sein, und genau das wusste das Team wunderbar in eine zum Dauerlachen anregende Ansammlung gepfefferter Dialoge und urkomischer Situationen zu verpacken.

Affären, seltsame Vögel, amouröse Geschichten, ein schlagfertiger schwuler Kellner und viel Prominenz bereichern die Episoden obendrein, doch gerade was die prominenten Gastauftritte angeht, sind diese nie Effekthascherei, sondern einfach nur das Sahnehäubchen auf einer ohnehin schon schmackhaften Gag-Torte. Was schnell auffällt, ist, dass in dieser Sitcom, die in den Endneunzigern auch auf ProSieben lief, viel Medienkritik und -satire mitschwingt, Shepherd lässt es sich auch nicht nehmen, sich sehr häufig selbst auf die Schippe zu nehmen. Diese Selbstironie ist sehr mutig, denn es finden sich in puncto Erfolg viele Parallelen zu ihrer eigenen Karriere, die nie wirklich all zu optimal verlief – umso schöner, wenn man über sich selbst lachen kann, denn das macht „Cybill“ zu einer sehr sympathisch-charmanten Angelegenheit.

Doch dieser Teil ist nur einer von vielen, denn da sind auch noch Zoeys Liebeleien, Maryanns Hatz auf ihren Ex „Dr. Dick“, Iras Persönlichkeitskrisen, Jeffs neue Schnapsideen, Rachels Herzblatt Kevin und was nicht alles – und all das ergibt ein schönes zackiges Wortgefecht nach dem anderen. Und die Mimik, Leute, die Mimik…

Die aus dreizehn Episoden bestehende erste Staffel geht gleich von Anfang an in die Vollen – der Zuschauer wird sofort mit aberwitzigen Situationen vollgeballert, doch es wird, sobald man die folgenden Staffeln gesehen hat, offensichtlich, dass hier trotz einiger Eindeutigkeiten und eindeutigen Zweideutigkeiten noch mit etwas Vorsicht agiert wurde. In der vierundzwanzig Folgen umfassenden Staffel numero zwo wurde die ganze Sache nämlich langsam noch frecher und unamerikanischer. Unamerikanischer? Ja, unamerikanischer, denn selbst Ende der Neunziger waren die TV-Anstalten noch gnadenlos durchtränkt von Prüderie, und da war es umso gewagter, wie weit „Cybill“ schon damals über das Ziel hinaus schoss.

Ein paar Riesenschritte weiter ging es dann mit der dritten Staffel, bei der angedeutete Schlüpfrigkeiten nicht mehr ebensolche blieben, sondern stattdessen schon deutlich klarere Worte gewählt wurden. Nicht selten bleibt einem glatt die Spucke weg. Wer jedoch glaubt, mit diesen sechsundzwanzig Folgen sei alles gesagt gewesen, sollte sich die abschließende, vierte Staffel zu Gemüte führen, die noch einmal mit vierundzwanzig Folgen aufwartet, denn diese toppt ihre Vorgänger in allen Disziplinen: Noch abgedrehter, noch schriller, noch kaputter – und das geht gnadenlos auf die Lachmuskeln.

Ein grandioses Finale ist also garantiert. Was allerdings auffällt, ist, dass in dem letzten doppelten Dutzend Folgen noch mehr ernste Themen als zuvor aufgefasst wurden, die teilweise ganz schön ergreifend sind. Besonders die Tatsache, dass die Cybills Mutter Virginia verkörpernde Schauspielerin Audra Lindley während der Produktionszeit den Kampf gegen Leukämie verloren hat – an ihrem Krankenbett lag unter anderem auch ein Cybill-Script – und ihr ein würdiges TV-Ende auf den Leib geschrieben wurde, geht einem ganz schön an die Nieren. Besonders herzerwärmend ist diesbezüglich auch der Nachruf am Ende der entsprechenden Folge.

Nach diesen vier Staffeln war dann leider Schluss mit dieser Sitcom, denn hiernach stellte CBS die Produktion einfach so, von heute auf morgen, ein. Laut Shepherd, die als Executive Producer die Fäden zog, lag es wohl primär daran, dass dem Sender zu viel Sexualität und zu viel Feminismus im Spiel war. Vielleicht war damals für solche Inhalte die Zeit noch nicht reif, denn eines ist ziemlich klar: „Cybill“ war seiner Zeit ein beachtliches Stück voraus. Eigentlich dokumentiert diese Sitcom doch einfach nur nur das ungeschönte, normale Leben, so wie es ist – gehüllt in ein Gewand aus Wortwitz, Ironie und Sarkasmus. Aber „damals“ haben sich die Sender wohl schlichtweg noch nichts getraut – obwohl… selbst heute tun sie das nur selten.

An der Sitcom selbst gibt es eigentlich gar nichts zu bemängeln, denn die ganzen Charaktere wurden glaubwürdig umgesetzt, die Episoden haben einen exzellenten Flow, man möchte permanent am Ball bleiben, und der typische Einsatz von Lachmaschinen fällt erfreulicherweise gar nicht negativ auf. Einzig und allein an an der deutschen Synchronisation muss etwas Kritik geübt werden, oder besser gesagt an den Übersetzungen, die den Sprechern, welche selbst einen brillanten Job abgeliefert haben, vorgelegt wurden. Wenn man sich die US-Originalversion nämlich mal zum Vergleich anhört, wird sehr schnell deutlich, dass dort vieles derber ausgesprochen wurde, während im Deutschen viel Entschärfungsarbeit ihren Einsatz fand und manche Textpassagen inhaltlich so rein gar nichts mit denen in englischer Sprache gemein haben. Das ist schade, denn so geht viel des ursprünglichen Wortwitzes verloren. Doch an dieser Krankheit leiden ja so einige eingedeutschte Produktionen – selbst „The Big Bang Theory“ und „2 Broke Girls“ bleiben hiervon nicht verschont.

Sunfilm Entertainment hat mit „Cybill“ einen kleinen Schatz aus den Neunzigern ausgegraben, bei dem man froh sein kann, dass er nun noch einmal das Licht der Welt erblickt. Die jeweiligen Staffeln kommen jeweils in einem hübschen Schuber daher, und in der darin befindlichen Amaraybox findet man einen fein aufgemachten Episodenguide, den man aber nicht wirklich braucht, da man sowieso kaum anders kann, als die DVD einfach durchlaufen zu lassen, bis die nächste an der Reihe ist. Und die nächste. Und die nächste. Flasche Wein auf den Tisch, den oder die Liebste (je nach Geschlecht oder Neigung) neben sich auf dem Sofa, „Cybill“ schauen – und der Abend ist gerettet.

Bonusmaterial findet sich lediglich auf der ersten DVD der ersten Staffel – neben einigen, sehr interessanten „Cybill“-bezogenen Beiträgen sind das je eine Pilotfolge von „Die wilden Siebziger“, „Hinterm Mond gleich links“ und „Venus & Apoll“.

Cover © Sunfilm Entertainment

  • Titel: Cybill
  • Staffeln: 1 – 4
  • Episodenanzahl:
    Staffel 1: 13 Episoden (3 DVDs)
    Staffel 2: 24 Episoden (4 DVDs)
    Staffel 3: 26 Episoden (4 DVDs)
    Staffel 4: 24 Episoden (4 DVDs)
  • Erschienen: 2010
  • Produktionsland: USA
  • Produktionsjahre: 1995-1998
  • Label: Sunfilm Entertainment/Tiberius Film
  • Idee: Chuck Lorre
  • Produktion: Tom Werner, Marcy Carsey
  • Spielzeit: 87 x ca. 24 Minuten
  • Musik: Jim Latham
  • Darsteller:
    Cybill Shepherd
    Christine Baranski
    Tom Wopat
    Dedee Pfeiffer
    Alicia Witt
    Alan Rosenberg
    Peter Krause
    uvm.
  • Extras: 
    Staffel 1:
    2 Featurettes
    Bonus-Episoden weiterer Serien
    8-seitiger Episodenguide als Extrabooklet
    Staffel 2:
    Bonus-Episoden weiterer Serien
    12-seitiger Episodenguide als Extrabooklet
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Dies ist eine Kombirezension zu allen vier Staffeln, die jeweils einzeln erhältlich sind!

Wertung: 11/15 dpt

(Dieser Artikel erschien ursprünglich in noisyNeighbours #31 und wurde vom Verfasser überarbeitet. Vielen Dank an dieser Stelle für die Gestattung der Artikelübernahme!)


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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