Bob der Streuner (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Bob der Streuner - Bob der Streuner - Cover © ConcordeCovent Garden, wahrscheinlich am Morgen, und ein Straßenmusiker mit einer ramponierten Gitarre macht den Sound dazu. Passant*innen gehen vorbei, ein halbes Sandwich landet in der Gitarrentasche. Am Abend holt ihn der Regen ein, die Suche nach einem Schlafplatz und das Verlangen nach Heroin.

James (Luke Treadaway) ist ein Junkie; immerhin einer, der versucht, sein Leben zu retten. Mithilfe von Methadon und der Sozialarbeiterin Val (Joanne Froggatt), die ihm eine Wohnung beschafft, will er sein Leben auf die Reihe bekommen. Auch die neue Nachbarin Betty (Ruta Gedmintas) wird eine wichtige Unterstützerin im Kampf gegen die Sucht. Aber es ist Bob, ein roter Charakterkater, der die entscheidende Wendung in James‘ Leben einleitet.

Eine autobiographisch inspirierte Literaturverfilmung und dann auch noch ein Katzenbuch – kann das mehr sein als Kitsch für Liebhaber*innen der eigensinnigen Samtpfoten?

Zunächst für die Katzenladys männlichen und weiblichen Geschlechts unter den Leser*innen: Ja, ihr werdet den Film mögen. Der Kater Bob spielt sich selbst und man kann es nicht anders sagen: Er ist ein Naturtalent. Vermutlich gibt es nicht allzu viele seiner Artgenossen, die sich von einem Schauspieler durch eine Menschenmenge tragen ließen.
Spannend ist auch die Idee, die Kamera immer wieder durch die Augen des Kater schauen zu lassen. Frei nach dem Titel von James Bowens zweitem Buch „Bob und wie er die Welt sieht“; das erste ist die Vorlage für den Film. Aber wer 103 Minuten niedlichen Cat Content erwartet, irrt sich – schon weil Bob zwar großartig, aber nicht niedlich ist. Nicht nur das macht den Film auch für Bipetuale, Hundemenschen und andere kinoaffine Wesen sehenswert.

Denn „Bob der Streuner“ ist viel weniger ein Film über einen Kater, sondern über dessen Besitzer und sein Leben am Rand der Gesellschaft – auf der Straße und in der Sucht: Einer zugedröhnten Nacht auf der Straße folgt der Katzenjammer des Entzugs im Krankenhaus. Diese Szene wie auch der spätere Methadonentzug haben durchaus „Trainspotting“-Qualität. Die Sucht nach Heroin verursacht nicht nur geistiges Leid, sie schmerzt körperlich, macht unruhig, lässt verzweifeln. Treadaway spielt das mit großer Überzeugung.
Auch jenseits dieser dramatischen Höhepunkte ist das Setting des Films alles andere als rosig: James‘ neue Wohnung ist letztlich ein Loch in einer üblen Gegend, wo der nächste Dealer nur eine Straßenecke weit entfernt ist. Auseinandersetzungen mit anderen Obdachlosen gehören mit oder ohne Bob zu seinem Leben genauso wie die Scham vor Leuten, die keine Drogenproblem haben – allen voran vor Betty und vor seinem Vater (Anthony Head).

Regisseur Roger Spottiswoode ist kein Sozialromantiker und vielleicht gerade darum gelingt ihm ein respektvoller Blick auf dieses harte Leben: In seinem Narrativ wechseln sich tiefe Verzweiflung und Leichtigkeit ab. Weder dramatisiert er James‘ Leben zu einer einzigen Katastrophe noch beschönigt er die Tiefpunkte. Diese Ausgeglichenheit der Erzählperspektive wird sowohl von der Bildsprache als auch der Musik aufgegriffen und untermalt. Reduzierte Farbintensität und zurückgenommene, aber unruhige Klangkompositionen wechseln mit freundlichen Szenen im Sonnenlicht, die von heiterer Singer-Songwriter-Musik begleitet werden. In der schönen Tradition des britischen Kinos erschließt sich Spottiswoode ein schwieriges Thema, ohne in Aufregung zu verfallen und schafft ein versöhnliches Ende.

Fazit: „Bob der Streuner“ ist weniger ein Katzenfilm als einer über die Unwegbarkeiten am Rand der Gesellschaft, dessen Darstellung aber ohne Beschönigung oder Dramatisierung auskommt. In dieser Beziehung erinnert „Bob der Streuner“ an den kleinen, aber sehr sehenswerten „Angels´ Share“, dessen Figuren sich in einem ähnlichen Milieu bewegen.

Cover © Concorde

  • Titel: Bob der Streuner
  • Originaltitel: A Street Cat Named Bob
  • Produktionsland und -jahr: GB, 2016
  • Genre:
    Drama
  • Erschienen: 18.05.2017
  • Label: Concorde Home Entertainment
  • Spielzeit: 103 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller*innen:
    Luke Treadaway
    Ruta Gedmintas
    Joanne Froggatt
    Anthony Head
  • Regie: Roger Spottiswoode
  • Drehbuch:
    Tim John
    Maria Nation
  • Kamera: Peter Wunstorf
  • Schnitt: Paul Tothill
  • Musik: David Hirschfelder
  • Extras: gesamt 115 Minuten
    Interviews
    Trailer
    Making-off
    B-Roll

  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    Bildverhältnis 16:9
    Sprachen/Ton
    :
    D. DTS-HD Master Audio 5.1, D DD 2.0, Eng. DTS-HD Master Audio 5.1
    Untertitel:
    D für Hörgeschädigte
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 Pfötchen

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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1 Kommentar zu "Bob der Streuner (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)"

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Sabine Kettschau
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Na, ich finde schon, dass es auch ein Katzenfilm ist! Wieviele andere Miezen auch, hilft Bob seinem selbst ausgesuchten Herrchen durchs Leben. Ich hab auch so ein Exemplar daheim, der mir das Lachen wieder ins Leben brachte und es da festhält… von daher liebe ich diesen Film!

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Bob der Streuner (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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