Virginia Ironside – Nein! Ich möchte keine Kaffeefahrt! (Hörbuch, gelesen von Hannelore Hoger)

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Virginia Ironside - Nein! Ich möchte keine Kaffeefahrt! (Hörbuch)Fallen wir gleich mit der Tür ins Haus: Für dieses Buch wurde der Titel durchaus unglücklich gewählt, denn er suggeriert dem erwartungsvollen Leser – oder in diesem Fall Hörer – eher eine komödiantische Geschichte, und das ist bei „Nein! Ich möchte keine Kaffeefahrt!“ praktisch nicht der Fall. Aber was wollen wir schimpfen, denn beim Originaltitel „No! I Don’t Need Reading Glasses!“ verhält es sich auch nicht anders. Auch das Lesen des Textes auf der Rückseite des Druckerzeugnisses beziehungsweise der Tonträgerhülle führt in die Irre, denn die Gewichtung der dort aufgezählten Figuren ist so ganz anders, als man vermutet.

Im dritten Marie Sharp-Roman der 1945 geborenen britischen Autorin, die seit ihrem neunzehnten Lebensjahr Bücher schreibt, erzählt die Protagonistin einmal mehr in Tagebuchform aus ihrem Leben, welches schwer aus den Fugen geraten ist. Denn ihre Jugendliebe Archie verhielt sich in letzter Zeit äußerst merkwürdig, wird vergesslich, glaubt an Elefanten im Schrank, und die anfängliche Vermutung bestätigt sich: Alzheimer. Zu allem Überfluss stellt ihr Sohn Jack sie vor vollendete Tatsachen: Er schnappt sich seine Familie und zieht mit ihr in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Mittsechzigerin fasst einige Veränderungen ins Auge. So möchte sie in Zukunft die Finger vom Alkohol lassen, sich etwas mehr Bewegung gönnen, gesünder leben, Akupunktur ausprobieren, und um auch optisch dem Alter entgegenzuwirken, plant sie ein Facelifting. Allerdings hilft ihr das Aufräumen ihres eigenen Lebens nicht allzu sehr, ihre Sehnsucht nach ihren Liebsten zu verkraften. Auch ihr Umfeld kann sie darüber nicht hinweg trösten, so hilfsbereit sie auch sind. Und selbst Skype, das sie sich auf ihrem Computer installieren lässt, ist nur eine wirkungsarme Medizin. Ihr wird klar: Sie muss wenigstens mal eine Weile in die USA reisen, um ihren Sprössling samt Familie wieder zu sehen.

Dass die optische Wiederauffrischung ihrer Selbst nicht vergebens war, merkt sie spätestens, als sie im Flugzeug dem zwanzig Jahre jüngeren Journalisten Louis begegnet, denn der verliebt sich unverhofft in sie, ohne zu wissen, welch ein Altersunterschied zwischen den zweien besteht. Ein schöner Nebeneffekt, der allerdings im Buch nicht in dem Umfang behandelt wird, mit dem es, wie eingangs kritisch angedeutet, angepriesen wurde.

Marie durchlebt eine emotionale Achterbahnfahrt, in der sie lernen muss, in vielerlei Hinsicht loszulassen. In der sie sich daran gewöhnen muss, dass ältere Menschen langsam aber stetig den Gesetzen des biologischen Selbstabbaus entgegentreten, und zwar in verschiedenen Geschwindigkeiten. In der ihr klar wird, dass die ihr wichtigen Menschen ihr eigenes Leben leben und jeder seinen eigenen Weg gehen muss. In der sie selbst feststellen muss, dass auch ihr eigenes Leben endlich ist. In welcher letztendlich auch deutlich wird, dass man bis zu seinem letzten Atemzug nie auslernt. Man tagtäglich mit Verlusten, aber auch mit Freuden zu rechnen hat. Und in der immer wieder die Frage im Hinterkopf auftaucht: Wie viel Aufopferung für andere ist für das Ego tragbar? Wie viel des An-sich-denkens ist für die anderen akzeptabel?

Der in fünf Stunden vorgetragene Lebensgeschichtenabschnitt von einem Jahr wird warmherzig und gefühlvoll erzählt, immer wieder mit einer liebenswürdigen Flapsigkeit, einer nie verlorenen Naivität und im Gegenzug wertvollen Lebensweisheit gesegnet – man muss mit Marie Sharp schmunzeln, trauern, man wird mit ihr melancholisch, freut sich mit ihr über die vielen Kleinigkeiten, die das Leben lebenswert machen, und selbst in ihren egoistischsten, traurigsten, genervtesten und galgenhumorigsten Momenten fühlt man sich immer wieder mit ihr verbunden.

Wie schon bei „Nein! Ich will keinen Seniorenteller!“ und „Nein! Ich geh nicht zum Seniorentreff!“ saß die aus unzähligen Filmen und TV-Serien bekannte Schauspielerin Hannelore Hoger („Bella Block“) im Tonstudio, um dem audiophilen Literaturliebhaber dieses einfach nur liebevollen Buch vorzulesen. Schon allein hinsichtlich des fortgeschrittenen Alters beider – Buchfigur und Erzählerin – eine exzellente Wahl, denn die weiche, warme und reife Stimme des Rotschopfs passt wunderbar zum Hauptcharakter.

Bemängeln könnte man schlimmstenfalls, dass Hannelore Hoger das Hörbuch vergleichsweise langsam vorträgt und – wohl generationenbedingt – manch englisches Wort oder englischen Namen ein wenig ulkig ausspricht, doch diese Kritikpunkte sind keine gravierenden, die den Freund erwachsener, berührender, mitten aus dem wertvollen Leben gegriffener Geschichten etwa davon abhalten sollten, sich „Nein! Ich möchte keine Kaffeefahrt“ zu Gemüte zu führen.

Cover © der Hörverlag

 

  • Autor: Virginia Ironside
  • Titel: Nein! Ich möchte keine Kaffeefahrt!
  • Originaltitel: No! I Don’t Need Reading Glasses!
  • Übersetzer: Sibylle Schmidt
  • Verlag: Der Hörverlag
  • Erschienen: 11/2012
  • Sprecher: Hannelore Hoger
  • Spielzeit: 301 Minuten auf 5 CDs
  • ISBN: 978-3-86717-938-6
  • Sonstige Informationen: Gekürzte Lesung

Wertung: 10/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Virginia Ironside – Nein! Ich möchte kein…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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