Existentielle Fragen vor rauer KulisseCover Nordwasser © mare Verlag

Wie eine ungestüme Naturgewalt kommt „Nordwasser“ daher. Der 2016 erstmals erschienene Roman ist ganz in der Tradition des klassischen Abenteuerromans verfasst. Der Vergleich mit Erzählungen von Jack London oder auch „Butcher’s Crossing“, dem Kultbuch John Williams, drängt sich auf. Mit seinem historischen Roman wirft McGuire seine Leserschaft direkt hinein in die Mitte des 19. Jahrhunderts, in das raue Milieu des Walfangs. Längst hat diese Branche ihren Zenit überschritten. Der Umbruch in die Moderne ist allerorts spürbar als das Walfangschiff Volunteer zu seiner vielleicht letzten großen Fahrt aufbricht. Im Zentrum steht der Arzt Patrick Sumner, der wegen einer finanziellen Notlage angeheuert hat.

„Sehet den Menschen.“

Mit diesem biblischen Satz beginnt McGuire seinen Roman. Ein Satz, den er scheinbar zusammenhangslos dem darauffolgenden Text voranstellt. Und doch beschreibt genau dieser Satz das Motto des gesamten Buches. Denn immer geht es um den Menschen und sein Tun. Die Lektüre ist nichts für zartbesaitete Gemüter.

Mit nahezu orgiastischer Detailverliebtheit schildert der Autor das Leben an Land und an Bord. Jede Seite trieft vor Blut, Rotz und Schweiß. Es wird geflucht und gehurt, gemordet und geschlachtet. Eine Buchverfilmung, sollte es je soweit kommen, müssten die Coen-Brüder oder Quentin Tarantino übernehmen.

McGuire beschreibt das rücksichtslose Vorgehen der Walfänger, die sich mit ihren Aktionen an der Natur versündigen.

„Gebt diesen Haien einen Schlag auf die Nasen, oder zwei“, ruft Cavendish zu Jones (..) hinunter. „Wir wollen doch nicht, dass sie unseren Profit auffressen, oder?“
Jones nickt, nimmt einen frischen Fettspaten (…), wartet, bis einer der Haie nahe genug kommt, sticht auf ihn ein und reißt ihm eine klaffende, gut dreißig Zentimeter lange Wunde in die Flanke. Eine lose Girlande von rosa, roten und blauen Eingeweiden quillt sogleich aus der Wunde. Der verletzte Hai zappelt einen Moment, dann krümmt er sich und verschlingt die eigenen Gedärme.
„Herrgott, diese Haie sind elende Bestien“, sagt Cavendish.

Die Bestie ist hier der Mensch, der kein Gewissen zeigt und ohne Reue zerstörend und mordend durch die Gegend zieht, ohne Mitleid für andere Kreaturen, ohne Einsicht für die eigene Tat.

Dem Menschen gegenüber steht die Natur. McGuire inszeniert sie in grandiosen Bildern, die ihre Überlegenheit demonstrieren. Der Mensch, der sich ihr widersetzt, indem er diese Überlegenheit leugnet, muss scheitern.

Sehet den Menschen – Immer wieder kehrt McGuire zu diesem zentralen Gedanken zurück: Welche Rolle spielt der Mensch als Teil der Natur? Nutzt er sein Menschsein, seine Fähigkeiten zur Reflektion, um sich anzupassen? Besitzt er ein Gewissen, mit dem er sich von der Erbarmungslosigkeit der Natur abgrenzen kann?

Das existenzielle Ringen „um das Gute“, um das Menschsein, bündelt der Autor in der Figur des Patrick Sumners, dem er als Gegenpart den skrupellosen Harpunierer Dax gegenüberstellt. Die Feindschaft dieser beiden Protagonisten nährt die Spannung des Romans bis zum Schluss. „Nordwasser“ ist absolut mitreißend geschrieben. Ein hervorragender Unterhaltungsroman mit perfekt platzierter und top-aktueller Öko-Botschaft.

„Nordwasser“, übersetzt von Joachim Körber, war nominiert für den Man Booker Prize 2016.

  • Autor: Ian McGuire
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Titel: Nordwasser (Originaltitel: The North Water)
  • Verlag: mare Verlag
  • Umfang: 336 Seiten
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Erschienen: Februar 2018
  • ISBN: 978-3866482678


Wertung: 13/15 dpt


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