Mats Schönauer, Moritz Tschermak - Ohne Rücksicht auf Verluste (Cover © Kiepenheuer & Witsch )Mats Schönauer und Moritz Tschermak – Ohne Rücksicht auf Verluste

Seit fast nunmehr 70 Jahren nach Erscheinen der Erstauflage gilt die BILD als mächtigstes Medium Deutschlands und seit dieser Zeit bestimmt sie, worüber das Land spricht und vor allem, wie es spricht.
Mehr als vier Jahrzehnte nach Günter Wallraffs Der Aufmacher haben sich Mats Schönauer und Moritz Tschermak, Betreiber des BILDblogs, ebenfalls der Aufdeckung der mehr als kruden Vorgehensweisen der BILD verpflichtet und diese in ihrem Buch Ohne Rücksicht auf Verluste – Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet festgehalten.

Dass BILD mit reißerischeren Schlagzeilen Aufmerksamkeit generiert, ist allgemein bekannt, mit welchen Methoden diese aber erstellt werden, nicht allzu sehr. Thematisch in verschiedene Kapitel gegliedert gehen die Autoren daher diesen Praktiken auf den Grund und erläutern genau, mit welch perfiden Tricks (aggressive) Stimmung in der Leserschaft und Facebook-Kommentarspalten erzeugt wird, sei es mittels verfälschter oder gar erfundener Studien, aus dem Zusammenhang gerissene und absichtlich falsch wiedergegebener Zitate, dem groben Eingriff in die Privat- und Intimsphäre prominenter und nichtprominenter Personen oder dem bewussten Auslassen wichtiger Informationen.

Dank dieser Techniken gelingt es dem Medium immer wieder, Hetzkampagnen zu starten, minderjährige Mädchen zu sexualisieren, wahlweise verschiedene Gesellschaftsgruppen (beispielsweise und besonders beliebt Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen, die von sozialer Unterstützung leben), ganze Länder (Griechenland) oder einzelne Personen zu stigmatisieren und so unter anderem dem griechischen Finanzminister anhand seiner Handschrift ein zutiefst dämonisches Wesen zu diagnostizieren oder dem Moderatoren einer bekannten Kindersendung bis zu seinem Tod den Ruf eines „Kinderhassers“ anzuhängen.

Diese populistischen und menschenverachtenden Taktiken, die Einfluss auf Politik, Justiz und Gesellschaft nehmen und letztere in der Tat mit Angst und Hass spalten, werden von Mats Schönauer und Moritz Tschermak gründlich recherchiert und entlarvt. Mit sorgfältig ausgebreiteten Details beleuchten sie systematisch genauere Hintergründe, sowohl hinter denen der Arbeit in der BILD-Redaktion als auch hinter denen der dramatischen, auf Empörung ausgelegten Schlagzeilen, sprechen mit (ehemaligen) Mitarbeitern bzw. Menschen aus dem Umfeld der BILD und Opfern der BILD-Berichterstattung und bieten darüber hinaus auch eine interessante Bandbreite an politischen, geschichtlichen, gesellschaftlichen und justiziablen Aspekten.

Dies alles fungiert in klar verständlichen sowie auch im Gegensatz zum aggressiv-skandalheischenden Umgangston der BILD in angenehm unaufgeregten Formulierungen, die sich dennoch einprägen und welche die Manipulationen einer der reichweitenstärksten Zeitungen schonungslos aufdecken.
Ein äußerst wichtiges, schockierendes und lesenswertes Buch, das dazu einlädt, den journalistischen Blick zu sensibilisieren und das eigene Leseverhalten zu hinterfragen.


Wertung: 15/15 dpt

  • Autor: Mats Schönauer, Moritz Tschermak
  • Titel: Ohne Rücksicht auf Verluste – Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 05/2022
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3-462-05354-8
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten

 

Cover © Verlag Kiepenheuer & Witsch 


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