Oliver Uschmann – Nicht weit vom Stamm (Buch)

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Oliver Uschmann - Nicht weit vom Stamm (Buch)Dass Oliver Uschmann auch anders kann als nur Unterhaltungsliteratur zu verfassen, bewies er 2009 bereits mit  seinem ersten Jugendroman „Das Gegenteil von oben“ und dem fünften, ganz schön verstörenden „Hartmut und ich“-Band „Feindesland“. Mit „Nicht weit vom Stamm“ lag 2011 der bislang wohl dunkelste, heftigste und intensivste Roman des gebürtigen Weselers vor.

Protagonist der Story ist der heute neunzehnjährige Sven, Sohn eines Bestsellerautors und großer Bruder der 16-jährigen Lina. Als er noch im jungen Teenie-Alter war, strotzte der Junge nur so vor Schaffenslust und wilder Ideen und war im Grunde ein prima Kerl, bis ein von ihm verschuldeter Unfall seiner Schwester alles in ihm veränderte und Sven eine scharfe Kurve in Richtung schiefe Bahn genommen hatte.

Mit seinen „besten Freunden“ Frederick und Boris vertreibt er sich nun die Zeit, prügelt sich, mischt alle auf, säuft, nimmt Drogen, behandelt alle wie Dreck und das einzige weibliche Cliquenmitglied Debby lässt jeden mal ran – so ist also auch für die körperlichen Gelüste gesorgt. Eines Tages wird jedoch sein Schwesterherz bedroht, und das bringt Vollasi und Riesenarschloch Sven einerseits komplett zum Durchdrehen, andererseits zum Umdenken – also was tun? So werden wie Vater? Sich ändern? Vom Rand der Gesellschaft ins Nichts abstürzen?

Diesen Roman in seiner Gesamtheit in Worte zu fassen, ist eigentlich fast unmöglich. Es ist äußerst beeindruckend, mit welcher visuellen Kraft das Geschriebene wirkt. Die Geschichte packt den Leser gnadenlos und bohrt ihre Krallen tief in dessen Fleisch, denn die Emotionen, Svens innerer Konflikt, all die detailreichen Umschreibungen der Figuren und Kulissen, all das kommt fast zum Anfassen echt beim Beobachter an, sodass dieser die Euphorie, den Hass, die Wut, die Hilflosigkeit, den Tatendrang, Liebe, die Enttäuschung, das Gefühl nach dem Versagen, den Schmerz, die Negativa, die Positiva und all die Nuancen dazwischen regelrecht mitfühlen kann.

Ist man mit Empathie gewappnet, so bleibt einem bei der Lektüre von „Nicht weit vom Stamm“ oftmals die spucke weg, weicht einem die Luft aus den Lungen, man zittert mit, erleidet Schweißausbrüche, hat ein flaues Gefühl im Magen, leidet mit. Uschmann nimmt kein Blatt vor den Mund, alles in dieser Story wird schonungslos erzählt, ungeschönt, in all seinen extremsten Details, präzise und mit entsprechendem Vokabular, ohne literarische Pieptöne.

Diese Faktoren lassen die Geschichte trotz der stellenweise doch wieder typisch uschmannesken Abgedrehtheit – wenn auch nicht in gewohnt hohem Maße – authentisch und ehrlich wirken. Der Leser wird hier zum scharfen Beobachter sozialer und psychologischer Probleme, Missstände und Zwickmühlen, als stünde er mittendrin. Als müsse er Sven an den Armen halten, um ihn zu bremsen. Oder als müsse er ausweichen, um selbst keinen Kieferbruch zu erleiden.

Uschmann und seine bei sämtlichen Romanen kreativ mitwirkende Frau Sylvia Witt toben mittlerweile auf so einigen unterschiedlichen Plätzen im Literaturdschungel, doch im dunkleren Sektor der eigenen Bibliographie ist dieses Schriftwerk wohl das intensivste und emotionalste und legt diesbezüglich die Messlatte beachtlich hoch.

Cover © script5

  • Autor: Oliver Uschmann
  • Titel: Nicht weit vom Stamm
  • Verlag: script5
  • Erschienen: 2011
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 528
  • ISBN: 978-3-8390-0120-2

Wertung: 12/15 dpt

(Dieser Artikel erschien ursprünglich in noisyNeighbours #32 und wurde vom Verfasser für booknerds.de überarbeitet und übernommen. Vielen Dank an dieser Stelle für die Gestattung der Artikelübernahme!)

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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