Alan Bennett – Schweinkram: Zwei unziemliche Geschichten (Hörbuch, gelesen von Christoph Maria Herbst)

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Alan Bennett - Schweinkram (Hörbuch)Über den 1934 geborenen britischen Schriftsteller, Regisseur, Dramatiker und Schauspieler Alan Bennett noch viele Worte zu verlieren und etwa zu erklären, um wen es sich da handelt, wäre reichlich sinnfrei, hat er doch in und an insgesamt weit über einhundert Werken mitgewirkt, sie gelesen, geschrieben und entworfen. Mit seinem neuesten Schriftwerk „Schweinkram: Zwei unziemliche Geschichten“ erfreut er seine treuen Leser mit für ihn typischem Stoff, der einerseits britischer kaum sein könnte, andererseits eben einmal mehr per Blick durch das Schlüsselloch offenbart, was zwischen den vier Wänden des als steif und prüde geltenden Inselvolks hinter verschlossenen Türen tatsächlich passieren mag – und das auf brillant komödiantische Art und Weise.

In „Mrs. Donaldson erblüht“ bekommt der literarische Voyeur einen Einblick in das Leben der Mrs. Donaldson. Wider Erwarten hinterlässt der just verstorbene Ehemann der älteren Dame nicht das finanzielle Wohl, das zu erwarten gewesen wäre, und so muss sich die Frau wohl oder übel Arbeit suchen, um die spärliche Rente aufzustocken. Für die Medizinstudenten mimt sie die Kranke, was ihr einige Pfund einbringt. Obendrein vermietet sie in ihrem Haus Zimmer an die Studenten Laura und Andy, doch deren Mietzahlungen mangels finanzieller Mittel auch eher unregelmäßig eintreffen, müssen sich die beiden etwas einfallen lassen. Und so kommt ihnen sehr bald eine pikante Idee – eine, die Mrs. Donaldsons eher verklemmte Tochter so gar nicht zu begeistern vermag, allerdings Mrs. Donaldsons Sexualhormonproduktion wieder ein ganzes Stück weit anzukurbeln weiß…

Geschichte numero zwei, „Mrs. Forbes wird behütet“, handelt hingegen von einem sehr ungleichen werdenden Ehepaar, nämlich der sehr durchschnittlich aussehenden, gut betuchten Betty und dem mit Erfolg gesegneten, optisch als absoluter Leckerbissen geltenden, aber auch leicht narzisstische Züge besitzenden Graham Greene – der eigentlich auf Männer steht und dies heimlich auslebt. Grahams Mutter gefällt es gar nicht, dass Graham Betty heiraten wird, und die Kollegen haben auch nichts Besseres zu tun, als über Grahams künftige Gemahlin und letztendlich auch ihn selbst zu lästern. Ihrem kodderschnäuzigen Ehemann hingegen (»Wie alt muss man sein, wenn man noch ‚Titten‘ sagen will?«) ist die Sache eher gleichgültig. Doch spätestens ab der Hochzeitsnacht entwickelt die verzwickte Situation allmählich eine sehr bedenkliche (oder erleichternde?) Eigendynamik, die sich im Verlauf der Story noch verstärkt.

Beide Kurzgeschichten lassen schmunzeln und auflachen und treiben einem selbst als Hartgesottenem durchaus die Schamesröte ins Gesicht, denn Bennett geizt nicht gerade mit Details und eindeutigen Formulierungen – aber es ist beileibe nicht so, dass die beiden Geschichten lediglich eine Aneinanderreihung von genitalgesteuerten Handlungen darstellen. Ganz im Gegenteil: Der Autor beweist viel Feingeist und konstruiert intelligente, mit köstlichem Humor geschmückte Brücken in Richtung Wertachtung und -ächtung. Sehnsüchte, Geheimnisse, Lust, Eifersucht, Neid, das Überraschtsein von sich selbst – all diese kleinen und großen Kleinigkeiten, die letztendlich jeden Menschen zu einem Unikat machen, deckt Bennett auf eine nicht revolutionäre aber doch ganz andere Art auf – und vermittelt dem Lesenden somit augenzwinkernd und gelegentlich auch wunderbar durchtrieben, dass es bei jedem Individuum aus anderen Gründen im Lendenbereich kribbelt.

Schauspieler und Synchronsprecher Christoph Maria Herbst übernimmt für die Hörbuchversion des herzallerliebst aufgemachten Buches die Mikrofonarbeit, und wenngleich er es manchmal ein wenig zu gut meint mit der ein oder anderen karikierenden Darbietungsform, so hätte man wohl kaum einen besseren Sprecher für „Schweinkram“ verpflichten können, denn er ist in der Lage, sich zu einhundert Prozent in die einzelnen Charaktere hineinzuversetzen und ihnen so ihre jeweils ureigene Stimme zu verleihen. Sämtliche Eigenschaften der unterschiedlichen Personen werden hervorragend ins Hörbare transportiert – eine verklemmte Figur klingt verklemmt, der Coole klingt cool, die Entrüstete entrüstet, der/die vor Lust schwitzige und bebende Person hört sich entsprechend rollig und nervös an, und das lässt beide Geschichten wunderbar lebhaft auf den Hörer wirken, sodass der bei einigen Andeutungen und Avancen, die einige der Protagonisten von sich geben, selbst mit den Augenbrauen wackeln und schelmisch grinsen muss.

Fazit: Der zum Zeitpunkt der Rezension bald seinen neunundsiebzigsten Geburtstag feiernde, über mehr als fünfzig Jahre Erfahrung verfügende Hansdampf in allen Gassen demonstriert mit „Schweinkram“ einmal mehr sein Können hinsichtlich erotisch-humoriger Literatur. Möge er seinen Anhängern noch lang erhalten und literarisch weiterhin derlei, ähem, potent bleiben.

Cover © der Hörverlag

  • Autor: Alan Bennett
  • Titel: Schweinkram: Zwei unziemliche Geschichten
  • Originaltitel: Smut: Two Unseemly Stories
  • Übersetzer: Ingo Herzke
  • Verlag: der Hörverlag
  • Erschienen: 03/2013
  • Sprecher: Christoph Maria Herbst
  • Spielzeit: 236 Minuten auf 3 CDs
  • ISBN: 978-3-84451-049-2
  • Sonstige Informationen:
    Vollständige Lesung

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Alan Bennett – Schweinkram: Zwei unziemlic…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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