Mark Lowery – Das peinlichste Jahr meines Lebens (Hörbuch, gelesen von Christian Ulmen)

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Mark Lowery - Das peinlichste Jahr meines Lebens (Hörbuch, gelesen von Christian Ulmen)Wer ist hier eigentlich der Freak? Das muss sich der englische Schüler Michael Swarbrick fragen, denn in seinem Leben geht momentan so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann. Mitschülerin Lucy, wie er selbst Mitglied im selben Schwimmverein, ist beispielsweise sein großer Schwarm – seine Herzklappen tanzen eine arhythmische Mischung aus Rhumba, Polka und Pogo, sobald er sie sieht, doch wie es der Zufall will, ist es sein völlig dämlicher, narzisstischer und großkotziger Bruder Steve, selbsternannter Frauenheld namens „Stevenator“, der ihm das Mädchen vor der Nase wegschnappt. Dieser Idiot, der ihn Zeit seines Lebens schikaniert und lächerlich gemacht hat, hat sich SEINE Lucy gekrallt.

Sein Freund Paul Beary ist ihm bei alledem keine große Hilfe, denn der ist eher damit beschäftigt, zu jeder sich bietenden Gelegenheit bei den Mädels zu spannen und untermauert seinen Ruf als notgeiler Perverser stets aufs Neue. Pauls unmögliches und tollpatschiges Verhalten trägt immer wieder dazu bei, dass Michael immer tiefer in den Sumpf unglaublich peinlicher Ereignisse gezogen wird. Allerdings kann er sich auch im Elternhaus nicht fallen und seine Seele baumeln lassen, denn als er eines Tages verfrüht nach Hause kommt, findet er seine Eltern splitterfasernackt vor. Und das nicht etwa, weil er sie bei einem Schäferstündchen erwischt hat, was ja schon schlimm genug wäre, sondern, weil sie Nudisten sind. Die neugewonnene Erkenntnis, sich ohne die Fesseln der Kleidung endlich frei zu fühlen, veranlasst sie zum „Üben“ zwischen den eigenen vier Wänden. Doch jetzt, wo Michael ohnehin schon alles gesehen hat, was er nicht sehen wollte, sehen sich die Eltern bestärkt, ihre Nacktheit Stück für Stück öffentlicher auszuleben.

Michael ist kurz davor, durchzudrehen, und die Lehrer sind über sein eigenwilliges Verhalten sehr besorgt. Sie glauben, dass seine Schwierigkeiten primär psychologischer Natur sind und irgendwo in seiner Vergangenheit fußen. Fortan muss er gemeinsam mit der sensiblen, schüchternen, seltsamen Beratungslehrerin Patricia O’Malley Gesprächssitzungen namens „Umgang mit Gefühlen“ führen, und recht bald stößt auch Psychiater Chas hinzu. Dieses berufsjugendliche Unikum krönt alles an Peinlichkeiten, denn er, der bereits ein halbes Jahrhundert auf dem Erdball lebt, ist die Fremdscham in Person – betont lässige Kleidung inklusive umgedrehter Baseballkappe, ein ergrauter Pferdeschwanz und einen Jugendslang auf den Lippen, der bereits Jahrzehnte zuvor obsolet war: »Okey, dokey, Alter!“«, »Yo Mann, was geht ab?« oder »Alles fit, Mikey-Boy?« sind da noch die am wenigsten schlimmen verbalen Auswüchse.

Als wären die Ereignisse mit Lucy, Steve, seinen Eltern, Paul und diversen anderen Personen nicht schon entsetzlich genug, soll er sich nun auch mit diesen beiden sonderbaren Gestalten abplagen und gerade DENEN sein Herz ausschütten? Seine Seele öffnen? Ihnen seine Gedanken offenbaren? Michael ist völlig am Boden zerstört. Komplett. Total. Absolut. Jedes Mal, wenn er glaubt, schlimmer ginge es nicht mehr, brät ihm sein Umfeld im übertragenen Sinne noch eins über. Denn während sich die ganze Welt offenbar gegen ihn verschworen hat, bekommen all die vermeintlich Kaputten um ihn herum auch noch größtenteils Streicheleinheiten vom Schicksal spendiert.

Was der britische Autor Mark Lowery mit seinem ersten, in knackig-kurze Kapitel unterteilten und sehr gut strukturierten, fußnotenreichen Roman zu Papier gebracht hat, ist eine Fremdschäm-Komödie der Sonderklasse, köstlich kaputt, wunderbar peinlich, und wenngleich man immer mehr Mitleid mit dem Hauptcharakter, der in der ersten Person seine Schilderungen weitergibt, empfindet, ist es eine Mordsgaudi, ihm dabei zuzusehen, wie er sich mehr und mehr aufregt. Nicht selten muss man erst einmal eine kleine Pause einlegen, um wieder etwas Sauerstoff zu tanken, welchen man sich bei all den erzählten Situationen aus den Lungen gelacht hat.

Doch es ist beileibe nicht so, dass der als Lehrer tätige Lowery seinem Roman stumpf auf Lachattacken-Dauerfeuer getrimmt hat – denn immer wieder gibt es nachdenkliche und hochemotionale Momente voller Herzlichkeit, die „Das peinlichste Jahr meines Lebens“ eine angenehme Wärme verleihen. Hin und wieder lassen sich Parallelen zur Sitcom „Raising Hope“ und zum Spielfilm „Silver Linings“ ziehen, wobei man diese Vergleiche nicht überbewerten sollte – denn dafür ist vorliegendes Werk schlichtweg zu eigenständig. Vielmehr sollten sie als vage Fingerzeige hinsichtlich Atmosphäre (Peinlichkeit diverser „Raising Hope“-Charaktere) und noch vager hinsichtlich Thematik (siehe Eingangsfrage, was an „Silver Linings“ erinnert).

Der Lesegenuss mag sicherlich groß sein, doch in der Hörbuchversion wird diese Story erst so richtig zum Leben erweckt, denn dessen Sprecher, das Film- und Fernsehchamäleon Christian Ulmen, holt aus „Das peinlichste Jahr meines Lebens“ alles heraus. Fast könnte man das Gefühl haben, nicht Lowery habe diese Geschichte geschrieben, sondern Ulmen selbst habe sie erlebt, denn der geht, salopp formuliert, beim Vorlesen ab wie ein Zäpfchen. Die Momente, in denen sich Michael Swarbrick aufregt, sind dermaßen authentisch dargeboten, dass man als Zuhörer von Ohr zu Ohr grinsen muss, und auch die anderen Emotionen und Regungen werden derart glaubwürdig wiedergegeben, dass man glauben möchte, diese Geschichte sei nie und nimmer fiktiv. Doch auch die anderen Figuren bekommen von Ulmen ihre eigenen Stimmen verliehen, die allesamt erfrischend ungekünstelt klingen. Da sollte sich der beliebte Stimmen-Morpher Stefan Kaminski jedenfalls mächtig ins Zeug legen, bevor ihm dieses Multitalent den Rang ganz nebenbei abläuft.

In der ersten Jahreshälfte 2013 sind so einige wirklich starke Hörbücher erschienen, doch speziell im humorigen Sektor dürfte „Das peinlichste Jahr meines Lebens“ qualitativ mindestens zu den besten drei Produktionen zählen. Wenn nicht zur besten überhaupt. All jene, die gerne lachen, sich gerne mitschämen und denen Empathie nicht fremd ist, treffen mit diesem Hörbuch ganz sicher eine exzellente Wahl.

Cover © Random House

 

 

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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