Mechthild Gläser – Nacht aus Rauch und Nebel (Buch)

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 -Mechthild Gläser -  Nacht aus Rauch und Nebel (Buch) Cover@ Loewe-Verlag»“Stadt aus Trug und Schatten“ ist ein spannendes, schön schauriges Lesevergnügen zum Hineinverlieren.«  – so urteilte die Jury der Phantastischen Akademie, die im März 2013 auf der Leipziger Buchmesse den Seraph-Preis in der Kategorie „Bestes Debüt“ an Mechthild Gläser verlieh. Gepunktet hatte die junge Autorin aus dem Ruhrpott vor allem mit der originellen Idee, eine Traum-Parallelwelt im Steampunk-Stil zu erschaffen und eine etwas vorlaute Schülerin in bizarre Abenteuer zu schicken. Zielgruppe der Dilogie „Stadt aus Trug und Schatten“ und „Nacht aus Rauch und Nebel“ sind junge Erwachsene, und so darf eine bittersüße Liebesgeschichte natürlich nicht fehlen.

Zu Beginn von „Stadt aus Trug und Schatten“ wurde die Schülerin Flora Gerstmann aus Essen von einer Schlafenden zu einer Wandernden. Das heißt, dass sie bewusst miterlebt, wie ihre Seele,  sobald sie eingeschlafen ist, in eine andere Welt fällt. In Eisenheim lebt sie nun ein eigenes Leben und begegnet den Mitmenschen der realen Welt. Doch hier nehmen sie, wie sie selbst, andere Positionen ein. Ihr Vater ist mitnichten Zierfischverkäufer, sondern der Schattenfürst. Ihre Haushälterin in Essen ist seine Leibwächterin und der angebliche finnische Austauschschüler Marian, in den sich Flora verguckt hat, ist in Eisenheim ein Kämpfer des Grauen Bundes. Und war offensichtlich einmal ihr Geliebter. Denn nur zu bald wird Flora klar, dass sie hier schon zuvor ein Leben hatte, als eine ganz andere Flora. Ihr altes Ich beging in Eisenheim einen Diebstahl. Nachdem die wandernde Flora sich daran erinnerte, versteckte sie das Diebesgut erneut. Womit sie sich mächtige Feinde machte, einerseits den unsterblichen „Eisernen Kanzler“, andererseits ihren einst und erneut geliebten Marian. Flora wurde zur Gejagten und wusste nicht einmal genau, warum dieser Stein so begehrt war. Und immer noch ist – höchste Zeit also herauszufinden, was es mit dem „Weißen Löwen“ auf sich hat. Warum ist der Stein so mächtig und seine Kraft an Floras Seele gebunden? Wieso lässt das Nichts immer mehr Schlafende  und Gebiete der Schattenwelt verschwinden? Und was genau bedeutet diese unvollständig überlieferte Prophezeiung, die andeutet, dass all das miteinander verbunden ist?

Das Ende naht…

Mechthild Gläser wählte für ihre Geschichte in der schwarz-weißen Traumwelt Eisenheims die Ich-Perspektive ihrer Hauptfigur. So sieht der Leser das Geschehen durch Floras Augen und es erscheint ihm ebenso rätselhaft wie der siebzehnjährigen Heldin. Ursprünglich hatte die junge Autorin einen Zweiteiler geplant, der Loewe Verlag favorisierte allerdings das beliebte Trilogie-Format. Nun ist der zweite Band „Nacht aus Rauch und Nebel“ doch der Abschlussband geworden, es galt den Plot zu Ende zu führen und alle offenen Fragen aus „Stadt aus Trug und Schatten“ zu klären.
Leser jedes Alters waren von dem ungewöhnlichen Thema des Jugendromans begeistert und die erhaltenen Lorbeeren dürften zusätzlich die Erwartungshaltung an den finalen Band geschürt haben. Sicherlich keine einfache Herausforderung für eine junge Autorin.

Pluspunkte hat Mechtild Gläser von den Seraph-Juroren sicherlich auch für die Zeichnung der Charaktere erhalten. Flora und ihre Freund Marian sind die Identifikationsfiguren, mutig und mit einigen ungewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet. Die höchsten Würdenträger Eisenheims bilden dagegen ein Duo, wie es kaum exotischer und ambivalenter sein könnte. Der naiv verblendete Trottel, der Schattenfürst Kasimir Gerstmann und der größenwahnsinnige und zugleich geniale Eiserne Kanzler sorgen dafür, dass die Schattenwelt so absurd erscheint, wie es allein durch äußerliche Skurrilität nicht möglich wäre. Beide kommen in „Nacht aus Rauch und Nebel“ noch wesentlich schräger daher als im Auftaktband.

… mit Knalleffekten, die ein wenig verpuffen

Das schwarz-pinke Buchcover ziert des Großmeisters Fluvius Grindeauts U-Boot, welches Flora und Marian in das Nichts führt. Leider geschieht die Entwicklung dieses genial konstruierten Gefährts  nicht aus dem Storyhintergrund, sondern es erscheint wie der „Gott aus der Maschine“. Das Potential der „Nebelkönigin“ wurde so zu spät und zu wenig genutzt.

Überhaupt wirkt ab dem Mittelteil des Romans  der Erzähltakt unausgeglichen, was vielleicht der zweifachen Formatänderung, von einer Dilogie zur Trilogie, dann doch wieder zum Zweiteiler, geschuldet ist. Jedenfalls „vertrödelt“ Flora viel Zeit mit der Suche nach einem verschollenen Philosophen, einer Suche, die sie in Sackgassen führt und auch die Story nicht weiterbringt. Das letzte Drittel des Buchs hat die Autorin wieder mit vielen phantastischen Ideen wie zum Beispiel den brennenden Geistern gefüllt, die aber ihren Gruseleffekt zu wenig entfalten können. Zudem erscheint vieles vorhersehbar und es schleichen sich logische Unstimmigkeiten ein. Zum Beispiel dass jemand der aufwacht und in der realen Welt einen Tag erlebt, nach dem Einschlafen nicht wieder an der Stelle in der Traumwelt übertritt, an der er sie verlassen hat.

So kommt „Nacht aus Rauch und Nebel“ zwar nicht ganz an den fulminanten Auftakt  „Stadt aus Trug und Schatten“ heran, fasziniert aber weiterhin mit vielerlei exzentrischen Kuriositäten. Die Lektüre lohnt sich vor allem für Leser, die Urban Fantasy schätzen, aber der allzu oft bemühten „Dämonenjagd-Lovestory“ überdrüssig  geworden sind. Die Autorin hat der Liebe zwischen Flora und Marian eine Menge Steine in den Weg gelegt und die Entfaltung der Beziehung dramatisch und bemerkenswert kitschfrei gehalten. So wertet sie die Erzählung wohltuend auf, anstatt sich vor die grotesken Ereignisse zu drängen. Insgesamt hat Mechthild Gläser mit der „Eisenheim“-Reihe einen originellen Mix aus Steamfantasy und modernem Märchen ersonnen, ein spannendes Abenteuer inszeniert und mit faszinierenden Figuren besetzt, denen man gern durch zwei Realitäten in Essen und Eisenheim folgt.

Cover © Loewe Verlag

  • Autor: Mechthild Gläser
  • Titel: Nacht aus Rauch und Nebel
  • Teil/Band der Reihe: Finalband der „Eisenheim“-Dilogie
  • Verlag: Loewe
  • Erschienen: Juni 2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 397
  • ISBN: 978-3785574454
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit beim Verlag

Wertung: 11/15 dpt

 


Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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