Manu Joseph – Das verbotene Glück der anderen (Buch)

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Manu Joseph - Das verbotene Glück der anderen (Buch) Cover © C.H. Beck VerlagDer hinduistische Gott Ganesha hat, glaubt man den gängigen Bildnissen, vier Arme und zwei Beine. Sein Name bedeutet soviel wie ‘Herr der Scharen’ und er gilt als einer der populärsten Götter im Hinduismus. Auch manch ein Roman scheint sich vielgliedrig auf mehreren Ebenen zu erstrecken, aus mehreren Perspektiven viele Dinge zu erzählen. Während Ganesha die Scharen, die ihn verehren, aber göttlich überblickt, verliert Manu Joseph, der bereits zahlreiche Preise gewann, in seinem Roman ,Das verbotene Glück der anderen’ desöfteren die Kontrolle über die zahllosen Arme seiner Handlung.

Der siebzehnjährige Unni Chacko stürzt sich plötzlich, unerwartet und für seine Familie vollkommen unerklärlich, vom Dach und stirbt. An seiner Schule war er ein bewunderter Comiczeichner, ein mystifiziertes Genie, doch grundsätzlich schien er dem zu entsprechen, was man normal und psychisch unauffällig nennt. Umso überraschender und tragischer sein Selbstmord. Sein Vater Ousep Chacko, ehemals gefeierter Schriftsteller und Journalist, heute straßen-, wenn nicht stadtbekannter Trinker, beginnt sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen. Nach der Wahrheit über seinen Sohn, den er, so stellt er mit Fortschreiten der Handlung fest, viel schlechter kannte als ihm bewusst war.

Manu Joseph stellt uns eine völlig zerrüttete indische Familie vor, die, ließe man alle angeführten Beweggründe außer Acht, allein als solche schon Grund für erhebliche psychische Probleme wäre. Ousep geht jeden Morgen frisiert und gewaschen aus dem Haus, um abends sturzbetrunken, brüllend und marodierend nach Hause zu kommen. Dort stellt er sich unter seinen Deckenventilator, hängt sich eine stets bereite Schlinge um den Hals und lässt Nachrufe auf sich und seine goldene Schriftstellervergangenheit schreiben. Unnis Mutter Mariamma verfällt regelmäßig in Zustände des leidenschaftlichen Selbstgesprächs, in dem sie sogar den heimischen Wänden droht und mit allen Menschen, die ihr je ein Leid getan haben, abrechnet. Diese tranceartigen Zustände überfallen sie auch mitten auf der Straße, sie wird von den anderen Anwohnern der Straße gemieden. Dazwischen Thoma Chacko, Unnis jüngerer Bruder, der als ausgleichendes Gewicht die Schrulligkeiten seiner Eltern ausbalancieren und ertragen muss.

Ouseps Suche nach der Wahrheit erweist sich als äußerst zäh, letztlich erzählen alle ehemaligen Freunde und Schulkameraden ihm dasselbe über seinen Sohn. Die einen sind offener, die anderen noch immer von Unnis Präsenz eingeschüchtert. Manche glaubten, er könne Gedanken lesen oder sei im Besitz einer höheren Wahrheit. Nicht zuletzt hatte Unni selbst so etwas verkündet. Josephs Roman steckt voller vertrackter philosophischer Gedanken über Glück und Wirklichkeit, die sich mal ganz poetisch und mal wie die Spinnereien eines ernsthaft Kranken ausnehmen. Ständige Wechsel der Erzählperspektive machen es unmöglich, sich auf einen Charakter einzulassen, immer wieder neue Geschichten und Hinweise auf die Todesumstände seines Sohnes lassen Ousep wie wahnsinnig das Zentralgestirn seines Universums umkreisen – seinen toten Sohn. Doch zu keinem Zeitpunkt mag man wirklich Mitleid mit diesem Mann empfinden, der, wie es scheint, einfach kein Ende findet.

Überhaupt spielt der Wahn in ‘Das verbotene Glück der anderen’ eine große Rolle, der Zweierwahn oder der Wahn von Massen, ominöse Neurowissenschaftler werden da in der Geschichte installiert, um dann doch wenig Antworten auf Ouseps Fragen zu liefern, sondern eher noch Fragen aufzuwerfen. Statt wie eine berührende Familiengeschichte nimmt sich dieser Roman beizeiten aus wie ein komplexes Wahngebilde, das untrennbar mit der Realität verwachsen scheint. Dazwischen blitzen Momentaufnahmen indischen Gesellschaftslebens auf. Söhne, die die Mathematikprüfungen nicht bestehen und von ihren Vätern dafür windelweich geprügelt werden. Weil man in Indien doch nur mit Mathematik eine Chance hat. Als ausgebildete Fachkraft im Ausland womöglich. Töchter, die von ihren Eltern zuhause gehalten werden, wann immer es möglich ist. Menschen, die sich anzünden, vergiften oder erhängen. Es ist ein trostloses Indien, das zwischen den Seiten hindurchschimmert. Manu Joseph gelingt es, alles in allem, nicht, die Fäden seiner Erzählung zu einem Roman zu verweben, der fesselt und berührt. Es bleiben lose Erzählstränge, hölzerne Figuren, ein trauriges Land und eine ungeklärte Geschichte.

Cover © C.H. Beck Verlag

  • Autor: Manu Joseph
  • Titel: Das verbotene Glück der anderen
  • Originaltitel: The Illicit Happiness Of Other People
  • Übersetzer: Claudia Wenner
  • Verlag: C.H. Beck
  • Erschienen: 08/2013
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 375 Seiten
  • ISBN: 978-3-406-65422-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 6/15 dpt


Über den Autor

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Ehemalige Redakteurin (verließ uns 2014 wieder, um sich wieder voll ihrem Blog “Literaturen” zu widmen)

Was gibt es so über mich zu erzählen, was in einen möglichst prägnanten und hübschen Fließtext passt? Ich bin 23 Jahre und bin mittlerweile ausgebildete Buchhändlerin. Ein antiquierter Beruf, mögen manche vielleicht denken, andere meinen, man säße als Buchhändler den ganzen Tag in dunklen Kammern zwischen staubigen Büchern und lese – die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

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Manu Joseph – Das verbotene Glück der and…

von Sophie Weigand Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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