Nils Mohl – Schön, dass du da warst (Buch)

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Im Jahr 2009 Nils Mohl - Schön, dass du da warst (E-Book) Cover © rowohlt erschien mit „Ich wäre tendenziell für ein Happy End“ eine Sammlung aus zwölf Kurzgeschichten, doch mittlerweile ist diese Veröffentlichung beim Plöttner Verlag Leipzig vergriffen. Der rowohlt-Verlag hat nun je vier dieser Storys zu drei günstigen Paketen in E-Book-Form geschnürt, deren Cover sich allesamt optisch an der damaligen Veröffentlichung orientieren. Eine nette Idee, die selbst den E-Book-Skeptiker oder gar -Gegner dazu verleiten mag, einmal über seinen Schatten zu springen und notfalls mangels Reader/Tablet direkt am PC zu lesen.

In „Tanzen gehen“ wird der Leser als stiller Beobachter in die Wohnung eines mittelalten Ehepaars geworfen. Alwin, mit zahlreichen Narben am Körper, von deren Ursprung man nie erfahren wird, betrachtet sich immer wieder selbst im Spiegel – etwas, was er vor seiner Frau verheimlicht. Auch sonst ist der Mann ein wenig eigen, ebenso seine Frau, die mit Hingabe den Anzeigenteil der Zeitung liest. Todesanzeigen, Geburtsanzeigen und Hochzeitsanzeigen. Beide sind sie wunderlich und kauzig geworden, beide leben irgendwie aneinander vorbei, doch an diesem Samstagabend finden sie zueinander, sie tanzen in ihrer eigenen gemeinsamen Welt – sind einander ihr Anker.

Die Art, wie Mohl hier Tristesse und Liebe, Alltagstrott mit Mikroimpulsen der Aufbruchstimmung miteinander kontrastieren lässt, ist als sehr intensiv zu bezeichnen, und obwohl man mitleidig den Kopf über das Paar schütteln muss, so verspürt man zu den beiden verschrobenen Gestalten doch eine überraschende Zuneigung.

Bei „Meerumschlungen“ begleitet der Leser ebenfalls ein Paar, Rike und Holm. Die Beziehung der beiden ist noch frisch, und Rike ist gesundheitlich nicht allzu sehr auf der Höhe. Dennoch wagen die beiden mit geschulterten Rucksäcken eine Inselumrundung und begegnen während ihres Sinnierens anderen Personen – oder besser gesagt: beobachten sie. Fragen sich, was diese Menschen dort am Strand tun – und warum. Eine dieser Personen überrascht das Paar letztendlich sehr.

Letztendlich liest man hier eine Geschichte über Zusammenhalt und Verlustangst, die trotz ihrer Kürze zu bewegen weiß, und besonders die Details, die der hanseatische Schriftsteller hierin geschickt platziert hat, sind zuweilen so wertvoll wie die seltene Muschel im Sand.

Das Zwischenmenschliche ist auch in „Schön, dass du da warst“ ein Thema. Rember wird in seiner jetzigen Wohnung von einer namentlich nicht genannten Frau, mit der er vor wenigen Monaten noch liiert war, besucht. Zwischen den beiden schien sich ein zutiefst verletzender Schnitt ereignet zu haben, denn die Dialoge und das allgemeine Verhalten zueinander sind unbeholfen, vorsichtig und vor allem schwanger mit einer immensen emotionalen Aufgewühltheit – offenbar fand eine Trennung statt, die noch lange danach schmerzt.

Diese Kurzgeschichte wirkt ganz so, als wollte der Autor hier demonstrieren, dass innige Liebe nicht nur das Herz warm zum Pochen bringt und Glückshormone freisetzt, sondern auch – metaphorisch gesprochen – zu einer sich schmerzhaft im Fleisch drehenden Klinge werden kann, sobald sie zerbricht oder Risse bekommt.

Komplettiert wird dieses Short-Storys-Quartett mit „Nimm mich huckepack“ – ein Enkel besucht immer wieder seine achtundachtzigjährige Großmutter, die wegen eines schweren Schlaganfalls im Krankenhaus liegt. Der junge Mann gerät ob des Siechtums der alten Frau tief im Inneren immer mehr an seine Grenzen, doch geduldig und selbstlos sitzt er regelmäßig an ihrer Seite, und auch von den anderen Angehörigen ist stets jemand bei ihr, sodass sie zwei Mal pro Tag Gesellschaft hat. Doch was meinte die dem baldigen Tod geweihte Dame mit der Aufforderung, sie huckepack zu nehmen? Der junge Mann wird seine Antwort finden…

Dem Leser dieser abschließenden Kurzgeschichte setzt sich mit zunehmender Lektüredauer ein Kloß im Hals, denn der Altruismus der Familie zeugt von familiärer Liebe, von Glauben an das Gute – und von einer mehrfach deutbaren Hoffnung.

Nils Mohl wusste demnach auch schon im letzten Jahrzehnt stilsicher, mit menschlicher Nähe und mit einer beeindruckenden Echtheit zu schreiben – was zu Beginn fast jedes Mal wie ein Spiel der Marke „Augen mit der linken Hand verdecken und mit dem rechten Zeigefinger irgendwo blind auf die Landkarte“ im literarischen Sinne wirkt, entpuppt sich zum Schluss als eine hochemotionale Momentaufnahme, die zuweilen ein Gefühl der Überwältigung auszulösen in der Lage ist.

Cover © rowohlt

  • Autor: Nils Mohl
  • Titel: Schön, dass du da warst
  • Kurzgeschichten:
    • Tanzen gehen
    • Meerumschlungen
    • Schön, dass du da warst
    • Nimm mich huckepack
  • Verlag: rowohlt
  • Erschienen: 01.10.2013
  • Einband: Art des Einbands
  • Seiten: 37
  • ISBN: 978-3-644-51791-2
  • Sonstige Informationen:
    Ausschließlich als E-Book erhältlich
    Produktseite beim Verlag
    Diese Kurzgeschichten stammen ursprünglich

    aus „Ich wäre tendenziell für ein Happy End“
    (Plöttner Verlag), einer Sammlung von
    zwölf Kurzgeschichten.
    Je vier dieser Kurzgeschichten wurden jeweils
    zu einem Paket in E-Book-Form zusammengefasst:
    • „Schön, dass du da warst“
    • „Von den Elefanten sprechen wir später“
    • „Birth. School. Work. Death“

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Nils Mohl – Schön, dass du da warst (Buch…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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