Mechtild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung (Buch)

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Mechtild Borrmann-die-andere-hälfte-der-HoffnungEin fast normaler Urlaubstag im Jahr 2014:

»Abfahrt von Kiew aus/Eintreffen im Kontrollpunkt «Ditjatky»/Einfahrt in die 30-km Entfremdungszone/Einweisungsgespräch mit den Spezialisten des Staatlichen Betriebes „Tschernobyl Interinform“: allgemeine Information über die Tschernobyler Tragödie 1986, die Entfremdungszone, das Leben in Tschernobyl heute/Ankunft in die Stadt Tschernobyl. Studienrundfahrt (in Englisch) durch Stadt Tschernobyl: St. Elias-Kirche, Binnenhafen, Park des Ruhmes/Besuch der Tschernobyl 10 km-Zone, Fahrt um Atomkraftwerk, Anhalten vor dem Tor des 4 – en Energieblock mit dem Blick auf den „Sarkophag“; Aussichtsplattform; Memorial für die Helden-Tschernobyler; Brücke über Umleitungskanal, wo man die Welse füttern kann/Besuch der Stadt Pripjat. Hier sehen Sie die „Gespenst-Stadt“, Hotel „Polesje“, Kindergarten, Schule, Schwimmbecken, ehemalige Wohnhäuser/Abreise nach Kiew/Eintreffen in Kiew.«

Ende 2010 sitzt Walentyna in einer Wohnung in der ‚Entfremdungszone‘ und schreibt ein autobiographisches Gedächtnisprotokoll für ihre verschwundene Tochter Kateryna.  Eine Familiengeschichte, mit der Tschernobyl-Katastrophe im Mittelpunkt, die bis in den zweiten Weltkrieg zurückreicht. Kateryna, die eigentlich nicht hätte geboren werden dürfen, als Kind einer Krankenschwester, die den Reaktorzusammenbruch hautnah erlebt hat.  Doch Kateryna entwickelt sich zu einer klugen, jungen Frau, deren Weg, trotz aller Hindernisse, in die weite Welt (des Wissens) geebnet scheint. Dann geht sie mit ihrer Freundin Olena, irgendwo zwischen Ukraine, Universität und Deutschland verloren.
Walentyna findet tatkräftige Unterstützung beim (suspendierten) Kriminalbeamten Leonid, der sich auf den Weg Richtung Deutschland macht, die beiden Frauen zu finden. Daheim hilft ihr das Schreiben nicht unterzugehen.

Zur gleichen Zeit – beziehungsweise ein gutes halbes Jahr zuvor –  hilft der Witwer Matthias Lessmann der jungen Tanja auf der Flucht vor zwei Häschern. Er versteckt die verängstigte junge Frau auf seinem Hof im niederrheinischen Zyfflich und beschützt sie bis zum  Äußersten.  Außerdem hilft er ihr bei der Suche nach ihrer Freundin Marina und begibt sich mehrfach ins Rotlicht-Milieu im benachbarten Nimwegen.

Am Ende laufen alle Erzählstränge zusammen, erzählen von einer Verflechtung, in der private und öffentliche Geschichte eine so finstere wie schicksalhafte Beziehung eingehen. Was ist die ‚andere Hälfte der Hoffnung‘? Wut, Verzweiflung, Trauer? Von allem ein bisschen, plus eine kleine, bitterböse Schlusspointe, die auf ganz unspektakuläre Weise von der Verachtung offizieller Stellen für menschliche Tragödien erzählt.

Obwohl relativ früh klar ist, welcher Zusammenhang zwischen den drei Teilen besteht, werden sie erst spät verbunden, und warten mit Überraschungen auf. Die scheinbar unzusammenhängend nebeneinander her verlaufenden Handlungsstränge (Lessmann/Tanja – Walentyna – Leonid) mögen auf den ersten Blick zerrissen wirken; was passt, handelt es sich doch um die Geschichten zerrissener Menschen, die ihr Auskommen angesichts gesellschaftlicher, politischer und privater Katastrophen suchen. Bei Mechtild Borrmann formen sich solche Splitter zu Kreisen, die sich schließen  beziehungsweise fortgeschrieben werden. Borrmann zeigt wie sich Geschichte wiederholen kann – anhand Kateryna und ihrer Großmutter -, nicht im Zeichen einer irgendwie gearteten Zwangsläufigkeit, sondern weil Menschen ihre Entscheidungen treffen und zudem Spielball von unterschiedlichen Einflüssen, Begebenheiten und Menschenwirken werden.

War Katerynas ‚Baba‘ ein Opfer des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, so verstrickt sich ihre Enkelin in einem menschenverachtenden, aber höchst gewinnbringenden Netzwerk. Borrmann zeigt die alltägliche Perfidität des Verbrechens, das letztlich nur Wirtschaft und Politik auf höchst effiziente Weise, aber völlig illegal, verbindet und Strukturen missbraucht, die eigentlich den Menschen (nicht nur in der Ukraine)  hätten helfen sollen, eine bessere Zukunft aufzubauen.

Die Autorin schlachtet das Thema Zwangsprostitution nicht spekulativ aus, sondern zeigt wie selbstverständlich und beiläufig Verbrechen in der Gesellschaft verankert und schließlich zum Status quo werden. Für ein wenig Ausgleich, wenn auch auf fast verlorenem Posten, sorgen der einsame und besorgte Rentner Lessmann sowie der aufrechte (Ex-)Polizist Leonid, der fast wie ein Ausgestoßener in einer durch und durch korrumpierten Gesellschaft wirkt. Die Passagen mit Leonid zeigen zudem, dass Mechtild Borrmann neben anderem eine effiziente Krimi-Autorin ist, die ihre Sprache dem jeweiligen Sujet anpassen kann. Ohne dass das Gesamtwerk in seine Einzelteile zerfällt.

Eine kleine Anmerkung aufgrund einiger Kommentare, mündlicher wie schriftlicher Natur, welche „Die andere Hälfte der Hoffnung“ als verwirrend, mit zu vielen Zeit- Handlungsebenen und Figuren – und dann auch noch schwer zu merkenden Namen –  versehen, bezeichnen. Oder wie es eine Rezensentin beschrieb: »Warum beschränkt sich der Roman nicht nur auf seine Tschernobyl-Geschichte? Da steckt doch genug an Spannung und hintergründigen Informationen drin.«

Ohne der Autorin in den Kopf zu sehen oder steigen: Ist doch ganz einfach. „Die andere Hälfte der Hoffnung“ ist ein Triptychon, von dem jedes Bild einzeln wirkt, aber erst im Zusammenspiel ein Gesamtbild ergibt.  Der Altar unter dem Bild ist die Historie. Passt zusammen, gehört zusammen und ist im Zusammenhang schlüssig. Und das mit den vielen Namen ist auch nicht schlimm, es gibt ein Glossar. Aber erst am Ende des Romans.

Und zur Not – oder zum Vergnügen/Erkenntnisgewinn – kann man das Buch auch ein zweites Mal lesen. Dann wird einiges klarer. Zwar kreuzen sich die Handlungsstränge erst sehr spät offensichtlich, aber schnell wird deutlich, wo die Schnittpunkte liegen könnten. Dass es dennoch die eine oder andere Überraschung gibt, spricht nicht gegen die Koinzidenz, sondern für den Einfallsreichtum der Autorin.  Vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – könnte jeder Part für sich bestehen. Aber das wären andere Bücher.
Glaubt mir: „Die andere Hälfte der Hoffnung“ leidet nicht an einem Übermaß an Komplexität. Das passt schon und lässt sich mit ein bisschen Deduktion und kognitivem Aufwand bewältigen. Es lohnt sich.

Wer sich mit dem Thema Tschernobyl und die Folgen weiterführend beschäftigen will, dem empfehle ich wärmstens Javier Sebastiáns ergreifendes, so poetisches wie realitätsnahes „Der Radfahrer von Tschernobyl“. Ein kleines – vom Umfang her – Meisterwerk, das wie Mechtild Borrmanns Buch zur weiteren Beschäftigung mit einem Skandal und dem desaströsen Umgang damit, geradezu herausfordert.

Zurück auf Anfang:

»Auf Sie wartet die Reise in die „Gespenst-Stadt“ Pripjat, in die Zone der größten Nuklearkatastrophe der Menschheit. Sie lassen sich hier als „Stalker“ fühlen. Die „Zone“ lockt und schreckt ab. Der „rote Wald“, Friedhof der gebrauchten, strahlenverseuchten Technik, wo tausende LKWs, Helikopter, gepanzerte Verkehrsmittel und andere Anlagen des Atomkraftwerkpersonals zusammen gesammelt und „beerdigt“ sind; die vollkommen mit der Erde zugeschütteten Dörfer, die Stadt Pripjat hinter dem Stacheldraht, welche über 50.000 Menschen innerhalb eines Tages verlassen hatten und die seit 1986 tot ist…
[…]
Besuch der „Zone“ schließt ein ökologisch reines Mittagessen im Herzen der Stadt Tschernobyl (alle Lebensmittel werden mit Dosismesser gemessen).

SICHERHEIT während der Studienreise nach Tschernobyl.

Höhe der radioaktiven Bestrahlung, welche Sie während dieser Tour erhalten können, entspricht der, welche man im Flug mit einem Düsenflugzeug erhält und um einige Male niedriger, welche man während einer üblichen Röntgenographieuntersuchung erhält.«

Gut zu wissen.

Die Zitate am Beginn und am Ende des Textes entstammen unkorrigiert der Website des sogenannten „Prime Excursion Bureau“.

Cover © Droemer Verlag

 

  • Autor: Mechtild Borrmann
  • Titel: Die andere Hälfte der Hoffnung
  • Verlag: Droemer/Knaur
  • Erschienen: 01.09.2014
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 312
  • ISBN: 978-3-426-28100-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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