Kristin Kopf – Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache (Buch)

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Kristin Kopf - Das kleine Etymologicum (Cover © Klett-Cotta)Wenn sich genervte Zeitgenossen über die vielen Anglizismen in der deutschen Sprache ärgern und über den Überfluss an Fremdwörtern oder exotisch erscheinenden Begriffen wettern, kann der Linguist nur sich an den Kopf fassend selbigen schütteln und sich eins grinsen. Ebenso dürfte es der im Bereich der historischen Sprachwissenschaft lehrenden und forschenden Kristin Kopf, Mitbetreiberin von sprachlog.de, tagtäglich gehen.

Denn wenn man ein wenig in der Zeit zurückgeht, wird man sehr schnell feststellen, dass die Gemeinsamkeiten der deutschen mit anderen Sprachen sogar im Persischen und bei Hindi vorkommen – oder gar die Kelten das ein oder andere geprägt haben, was für uns heute völlig normal und „deutsch“ ist. Bereits der indogermanische Stammbaum, den man auf den Innenseiten der Buchdeckel vorfindet, lässt erahnen, dass hier dank multipler Laut- und Bedeutungsverschiebungen vieles auf denselben Ursprung zurückzuführen ist. Und wer, wenn nicht gerade linguistisch-investigativ unterwegs, dachte schon, dass selbst Russisch, Grieschisch, Türkisch, Deutsch und Walisisch irgendwo Parallelen aufweisen – dank ihrer Zugehörigkeit zur selben Sprachfamilie – einer von vielen, die wiederum selbst irgendwo in der Vergangenheit einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben?

Dass ‚Zimmer‘ und das englische Wort ‚timber‘ für ‚Bauholz‘ eine gemeinsame Vergangenheit haben, ist akustisch ja noch auszumachen, doch wer hätte gedacht, dass ‚Rose‘ und das türkische Äquivalent ‚gül‘ demselben altiranischen Wort entstammen? Warum gab es seinerzeit ‚zwo’/’zwa‘, ‚zwei‘ und ‚zwene‘, heute allerdings lediglich ‚zwei‘ und nur bei Ferngesprächen oder in der Umgangssprache ‚zwo‘? Wo ist der Zusammenhang zwischen ‚vulgär‘ und dem ‚Volk‘? Warum ist ‚gewöhnlich‘ auch negativ behaftet? Und sowieso: Wie kommt es, das manch negativ behaftetes Wort heute positive Bedeutung genießt, während es bei manch anderem Wort genau umgekehrt ist?

Oder wieso hat die eine Zwei signalisierende Vorsilbe ‚bi-‚ im Bikini nicht die Bedeutung des ‚Zwei‘-Teilers? Und weshalb tragen bestimmte Tiere heute einen Namen, der das Tier nicht korrekt beschreibt? Sind Herren herrlich und Damen dämlich? Ziehen die Endung ‚-lich‘, das englische Wort ‚like‘ und das Substantiv ‚Leiche‘ tatsächlich Spuren hinter sich, die, wenn man sie zurückverfolgt, zusammenlaufen? Ist die Robe Diebesgut und das ’sehr‘ von schmerzhafter Bedeutung, wie etwa in ‚versehrt‘? Weshalb ist ausgerechnet das ‚p‘ in der heutigen deutschen Sprache so normal und doch so exotisch?

Einerseits wissenschaftlich, andererseits äußerst unterhaltsam, geht Kristin Kopf gemeinsam mit dem Leser auf Reisen in die Untiefen der deutschen Sprache und schreitet jede in Frage kommende Wegverästelung mit ihm entlang – dies geschieht teilweise mit Sicherheit ob des Wissens, teilweise aber auch hoch spekulativ, zumal es die schriftlich niedergebrachte Sprache, vor allem auch eine wirklich einheitliche solche, erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit gibt. Auch wurden die Sprachen natürlich durch die zahlreichen Kriege, Fluchten, Übersiedlungen und Vereinnahmungen gehörig durcheinandergewirbelt, sodass vieles von außerhalb (keltisch, Teil ‚zwo‘) sich mit dem europäischen, romanische Sprachen sprechenden Kern vermengt hat. Hinzu gesellen sich die regionalen lautbilderischen Fähigkeiten, die den Sprachzweigen und Unterzweigen immer wieder einen neuen Schliff und Dreh mitgegeben haben. Dies und vieles mehr wird in „Das kleine Etymologicum“ seziert und veranschaulicht – hier und dort durch Tabellen, Quellenangaben, Beispiele, Infoboxen und Diagramme aufgelockert.

Nach getaner Lektüre hat man einiges an sprachlichem Wissen aus diesen weit über zweihundert Seiten gezogen und wird anschließend überrascht sein, wie häufig sich so manch gebräuchliche Wörter ableiten lassen und wie sehr die Sprache von Entwicklung lebt. Ebenso wird einem deutlich, dass die momentane Sprachturbulenz nichts weiter ist als ein winzig kleiner Teil eines Großen und Ganzen. Einer stetigen Entwicklung. Die letzten dreißig Jahre sind nur ein kleiner Ausschnitt eines ewig langen Zeitstrahls, der wiederum den Blick lediglich nach hinten gewährt und den Blick nach vorn nebulös bleiben lässt. Wer weiß schon, wie sich das Deutsch, sofern es unser Planet in zivilisationsfreundlicher Hinsicht noch mitmachen möchte, in eintausend Jahren anhören wird? Was wird bis dahin passiert sein?

„Das kleine Etymologicum“ ist für all jene, die gerne über das Woher und das Wie des gesprochenen und geschriebenen Wortes den Kopf zerbrechen, ein kleiner Kompass, der wenigstens ein Stück weit Orientierung verschafft – und zwar auf eine Art und Weise, die den Wissenshunger immer weiter anregt. Denn: Sprache ist so viel mehr als ’nur‘ ein Kommunikationsmittel. Sie ist ein Etwas mit Eigenleben. Ein von Menschen geschaffenes Phänomen, das eine Vielfalt in sich birgt, die fasziniert.

Cover © Klett-Cotta

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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