A Most Violent Year (Spielfilm, DVD/BluRay)

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AMVY Cover © Universum Home EntertainmentEigentlich lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen immer, doch im Fall von “A Most Violent Year” ganz besonders. Er zeigt nicht nur, warum zwischen den Hauptdarstellern eine ganz eigene Chemie besteht und weswegen der Film fantastisch in Szene gesetzt wurde, er deutet auch auf einige Details hin, die auf den ersten Blick vielleicht keine große Rolle spielen. Die Macher haben dieses Potenzial schon früh erkannt und massig Making-Of-Material mitgeschnitten, von dem satte 70 Minuten auf den deutschen Heimkino-Release gepresst wurde. Das passt zu einem Film, bei dem ein zweiter Blick mit Sicherheit angebracht ist.

Es ist der dritte Film von J.C. Chandor, der gerade im Begriff ist in die überschaubare Riege der mutigsten Regisseure aufzusteigen. Sein Debüt “Margin Call” aus dem Jahr 2011 ist dialoglastig und hoch karätig besetzt und zeigt das verdeckte Handeln einer Investbank, die über Nacht ihre Pleite abwenden muss. Mit einer fast entgegengesetzten Herangehensweise ging der Regisseur “All Is Lost” an, in dem er den wortkargen Protagonist (Robert Redford) alleine auf einem Boot um sein Überleben kämpfen ließ. Zwar kehrt Chandor nun zu einem größeren Plot und Ensemble zurück, einem Systematisierungsvorhaben über sein bisheriges Schaffen kommt er damit aber nicht entgegen.

AMVY Szene 1 © Universum Home EntertainmentDas Jahr 1981 ging tatsächlich als das brutalste Jahr in die Geschichte der Stadt New York ein, die perfekte Bühne für das wahrscheinlich wichtigste Kapitel im Leben des Ehepaars Morales. Abel (Oscar Isaac), ein Einwanderer mit vermutlich lateinamerikanischen Wurzeln, handelt mit Heizöl und brachte es durch sein ausgeprägtes Verhandlungsgeschick schnell zu Ansehen und einem gewissen Reichtum. Er hat eine schöne Frau (Jessica Chastain), drei Kinder, feine Anzüge, goldene Uhren und ein stattliches und edel eingerichtetes Vorstadtanwesen, kurz: Abel lebt den amerikanischen Traum. Doch 1981 rumort es in der Stadt, irgendetwas führt dazu, dass die Kriminalität ein neues Allzeithoch erreicht. Eine Entwicklung, die auch in der Heizölbranche Einzug hält und Abel ins Prüfen seiner Strategie zwingt. Hatte er zuvor immer versucht seine Geschäfte sauber abzuwickeln, muss er nun mit brutalen Überfällen auf seine LKWs umgehen.

In den gut 120 dramatischen Minuten Spielzeit entblättern sich nach und nach die Motive hinter den Handlungen der Charaktere, die von den Umständen beeinflusst und geschärft werden. Abel zum Beispiel will noch weiter expandieren, will sein sehr gutes Leben in ein noch besseres weiterentwickeln. Sein Haus ist modern und kunstvoll eingerichtet, aber von außen ist es ein liebloser Betonklotz in der grauen Vorstadt. Die Skyline von New York ist allgegenwärtig, aber immer noch ein paar Kilometer entfernt. Statt auf Hochglanz polierte Wolkenkratzer und geschäftiges Tummeln herrschen hier kaputte, mit Graffitis beschmierte Häuserfronten und Kleinkriminalität vor. Um geographisch wie finanziell näher an den Stadtkern zu kommen, muss er wie so viele andere Vermögende entscheiden, ob er dafür (nicht nur sprichwörtlich) über Leichen gehen will. Im Laufe des Films möchte man immer weniger in seiner Haut stecken möchte, wenn er alles unter einen Hut zu bringen versucht. Und trotz der Tatsache, dass der Zuschauer nach über zwei Stunden mit dem charismatischen Geschäftsmann kaum eine Idee davon hat, was für ein Mensch hinter der gutgekleideten Fassade schlummert.

AMVY Szene 2 © Universum Home EntertainmentAls umso gewinnbringender stellt sich da die Verpflichtung von Oscar Isaac heraus. Der aus Guatemala stammende Schauspieler spielt Abel so facettenreich, unaufgeregt und einfach gut, dass jede Sekunde seiner Performance ein Genuss ist. Parallelen zum jungen Al Pacino sind nicht zu übersehen. Auch wenn er insgesamt ruhiger und besonnener spielt, kann er ebenso gut mit den Erwartungen seiner Zuschauer spielen. Nach Nebenrollen in “Robin Hood”, “Sucker Punch” und “Drive” bekleidete er in “Inside Llewyn Davis” zum ersten Mal eine Hauptrolle in einer relativ großen Produktion, viel wichtiger aber noch in einem Film der Coen-Brüder. Es kann gut sein, dass der Schauspieler mit “A Most Violent Year” und der SciFi-Perle “Ex Machina” seine letzten Rollen vor dem ganz großen Durchbruch spielt, denn die Verträge für die kommenden “Star Wars”-Episoden und einen “X-Men”-Streifen sind schon unterschrieben. Ähnlich sieht es bei Jessica Chastain aus, die mit “The Help” und “Interstellar” vielleicht schon den Einstieg ins ganz große Geschäft geschafft hat, aber auch in Produktionen wie unter anderem “Take Shelter”, “The Tree Of Life” und “Zero Dark Thirty” überzeugte.

Erblondet und in feinste Armani-Kostüme gekleidet verkörpert sie Anna Morales, eine Frau mit Geschäftssinn, die bei weitem nicht so durchschaubar ist, wie sie auf den ersten Blick wirkt. Sie hat als Amerikanerin den Migranten Abel geheiratet, weil sie darin eine Chance sah in andere Sphären aufzusteigen, aber sie ist kein dummes Blondchen, das nur mit ihrem Sexappeal zu überzeugen weiß. Sie vertraut ihrem Ehemann, sie lässt ihn reden, wenn es um Verhandlungen geht, aber sie weiß, was sie zu tun hat, wenn es mal nicht läuft. Es ist eine Ehe, die eher auf Respekt als auf Liebe beruht, das Geschäft ist das Wichtigste, erst dann kommen die Kinder, die nur selten überhaupt Erwähnung finden. Der Umgang mit der Konkurrenz und mit den Angestellten wandelt sich hingegen, so wie sich der eigene Geschäftssinn verändert. Dass das aber so detailliert und authentisch auf die Leinwand gebracht werden kann, daran haben die Hauptdarsteller großen Anteil.

Sie spielen nicht nur ihre Rollen, sondern auch miteinander. Es ist AMVY Szene 3 © Universum Home Entertainmentwunderbar zu sehen, wie die beiden hochveranlagten Künstler interagieren, sich gegenseitig herausfordern und verschiedenste Facetten ihrer Charaktere behutsam und meist ohne großes TamTam ausleuchten. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass beide, wenn auch in verschiedenen Jahrgangsstufen, die gleiche Schauspielschule besuchten und die jeweils andere Person sehr schätzen. Es wäre in jedem Fall schön, wenn beide in Zukunft noch ein paar Mal vor der Kamera aufeinanderträfen. Sie verleihen diesem Film nämlich eine ungewöhnliche Dynamik, die trotz der behäbigen Erzählweise kräftig zwischen Mitfiebern und Angewidertsein von der Anpassung an diese krude Welt schwankt.

Immerhin gibt es verschiedene Erklärungsmuster für ihr Verhalten, denn neben der Konkurrenz nimmt auch die Staatsanwaltsschaft den Betrieb in den Schwitzkasten. Eine Moral hat die Geschichte konsequenterweise nicht. Vielmehr zeigt der Film, was der American Dream mit Menschen machen kann, aber eben auch nur deswegen, weil das Ehepaar Morales die passenden Talente und Charakterzüge mitbringt. Ein dialektisches Spiel, dessen Wurzeln genauso unmöglich zu finden sind, wie die der Gewaltexplosion. Aber dem Regisseur gelingt dabei nicht alles: Wenn es dann doch mal zu großen Szenen kommt, so sind sie etwas zu bedeutend gestaltet, die verwendete Symbolik ist etwas zu einfach zu entschlüsseln. Die stärksten Momente kreieren die Schauspieler in ihrem Spiel miteinander, mehr braucht es eigentlich nicht. Einige Male versucht der Film mehr zu sein, als er wirklich ist, wodurch manch eine Szene oder manch ein Ausspruch ein wenig zu sehr nach Bedeutungsschwangerschaft ausschaut. Vielleicht ein Kompromiss in Richtung größeres Publikum, das Chandor mit diesem Film aber sowieso nicht erreichen wird.

AMVY Szene 4 © Universum Home EntertainmentAlles richtig macht er hingegen mit den großartigen Nebendarstellern. Sei es der junge Elyes Gabel, der als einer von Abels Truckfahrern die andere Seite der Einwanderungskultur der USA zeigt. Oder David Oyelowo, der durch seine Verkörperung von Martin Luther King in “Selma” für Aufsehen sorgte und hier als charismatischer, aber auch überforderter Staatsanwalt nach einer Lösung für die überbordende Gewalt sucht. Diese Gewalt wird im Übrigen oft angedeutet und wenn doch gezeigt, dann in einer pointierten, schnörkellosen Art. Mehr sollte trotz des Titels nicht erwartet werden, die Einordnung in FSK 12 ist da ein guter Gradmesser. Das reicht aber völlig aus um auszudrücken, dass sich gerade etwas Beunruhigendes ereignet. Albert Brooks ist zu nennen, der als rechte Hand von Abel einige rechtliche Probleme aus Weg räumen muss und bei Abmachungen mit am Tisch sitzt. Und auch die Anderen, die vielen undurchsichtigen Personen, die Freunde und Feinde (wenn man die denn überhaupt noch benennen und unterscheiden kann), sie machen “A Most Violent Year” zu einem nachhaltigen (Heim-)Kinoerlebnis.

AMVY Szene 5 © Universum Home EntertainmentEbenfalls herausragend ist die Kameraarbeit von Bradford Young. An dieser Stelle wurde sein Talent schon in “The Saints” erkannt und ihm gehuldigt, mit der Kreativität für “A Most Violent Year” klopft er ein weiteres Mal mit Nachdruck an die große Hollywoodtür. Vielleicht hat er sie mit “Selma” schon aufgestoßen, seinen nächstes großen Kinofilm “Story Of Your Life”, dem ersten SciFi-Film vom ebenfalls sehr mutigen Denis Villeneuve, dreht er gerade ab. Für Chandor findet er zunächst abermals eine ganz eigene Bildsprache, die die 80er durch eine Sepia-Farbgebung und im Breitbildformat einzufangen und weiß. Es gelingen ihm immer wieder aussagekräftige Bildkompositionen (unbedingt auf BluRay anschauen), ohne dass sie zu viel zum Plot hinzufügen wollen. Wer für sein nächstes Projekt einen gewissenhaften und hungrigen jungen Regisseur sucht, der das jeweilige Material gekonnt zu unterstreichen weiß, kommt an Bradford Young nicht vorbei.

Obwohl die Auswahl der Locations, das Setdesign und die Kostümauswahl noch gar nicht erwähnt wurden, zeigt sich also sowohl vor als auch hinter der Kamera: Bei diesem Film passt ziemlich viel zusammen und geht ziemlich viel gut auf. Bei den Oscars wurde Chandors Drittwerk nicht bei den Nominierten geführt, weil er angeblich zu spät eingereicht wurde. Sehr schade, denn obwohl bei der starken Konkurrenz wohl kein Award drin gewesen wäre, einige Nominierungen hätte der Film in jedem Fall verdient gehabt, denn „A Most Violent Year“ ist vielleicht mehr als nur eine kleine Perle.

FAZIT: Mit seinem dritten Film schnürt J.C. Chandor sein bisher komplettestes Paket. Der Plot, die Auswahl der Schauspieler, der Style, bei „A Most Violent Year“ kommt eine Menge zusammen, was sehr gut zusammenpasst. Der Stoff ist vielleicht nicht einfach zu verdauen, weil er schwierige Fragen stellt und viele hässliche Seiten beleuchtet, aber eben auch realistisch auf ein Ehepaar blickt, das durch und durch vom American Dream geprägt ist. Einiges wirkt dennoch zu überambitioniert und zu einfach zu interpretieren, was nicht so recht zur Machart des Films passen will. Mit ein wenig mehr Kompromisslosigkeit und Glaube an das Publikum hätten einige Schlenkern vermieden werden können. Aber weil Chandor und sein Team das mit viel Mut und einem guten Riecher für Talent geschafft haben, hätte der Film trotz der vielen guten Kritiken mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Das unterstreicht das großzügige Bonusmaterial, das zu einem ausgiebigen Blick hinter die Kulissen einlädt.

  • Titel: A Most Violent Year
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2014
  • Genre:
    Thriller
    Drama
  • Erschienen: 07.08.2015
  • Label: Universum Home Entertainment
  • Spielzeit:
    121 Minuten auf 1 DVD
    125 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Oscar Isaac
    Jessica Chastain
    David Oyelowo
    Elyes Gabel
    Alessandro Nivola
    Albert Brooks
    Glenn Fleshler
  • Regie: J.C. Chandor
  • Drehbuch: J.C. Chandor
  • Kamera: Bradford Young
  • Schnitt: Ron Patane
  • Musik: Alex Ebert
  • Extras:
    Audiokommentar von J.C. Chandor, Neal Dodson & Anna Gerb, Making of, Featurettes, Entfallene Szenen (ca. 75 Minuten)
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,40:1 (16:9 anamorph)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D, GB (für Hörgeschädigte)
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,40:1 (1080p/24)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
     D, GB (für Hörgeschädigte)
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 12/15 dpt


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A Most Violent Year (Spielfilm, DVD/BluRay)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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