The Whispering Star (Kinostart: 26.05.2016)

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whisperingstar_plakat_sw © rapid eye moviesThe Whispering Star ist eine Ode an die Langeweile. Das ist nicht negativ gemeint. Aber es ist schlichtweg nicht möglich, diesen Film als spannend oder gar unterhaltend zu beschreiben. Man nähert sich ihm über Philosophie, Selbstreflexion oder schläft ein. Letztgenanntes ist nicht unbedingt die schlechteste Variante, wenn man bedenkt, dass Traumlogik und das Unterbewusste nicht erst seit Stanley Kubrick die Darstellung des Weltraums dominieren. Sei es in Form von Horror (Alien), Psychedelika (2001: Odyssee im Weltraum), absurdestem Humor (Dark Star), verschwurbelter Zeitlogik (Interstellar) oder gleich der Angst davor, dass alles Illusion ist (Moon) – was sich im All abspielt, zeigt mehr von den historisch und kulturell unterschiedlichen Vorstellungen der Psyche, als den Weltraum an sich.

Auch dieser Weltraum wird von einer Raumfahrerin und ihrem Computer bestimmt. Sie fliegen in einem kleinen japanischen Holzhaus mit Düsentriebwerken durch ein leeres All, um Pakete in trostlosen Gegenden bei trostlosen Menschen abzuliefern. Man ist zwar in der Lage, sich auch über lange Distanzen hinweg zu teleportieren, aber die Menschen, die nur noch zwanzig Prozent der Weltraumpopulation ausmachen, nehmen die jahrelange Wartezeit auf sich. Ebenso Yoko Suzuki, die androide Raumfahrerin, die zum Ausliefern von vielleicht zwanzig Paketen elf Jahre benötigen wird.

whisperingstar_still1_sw © rapid eye moviesSowohl für die Protagonistin als auch für die Zuschauenden drängt sich die Frage auf, warum man sich dem aussetzt. Der tropfende Wasserhahn bestimmt die ersten, langen Minuten des Films, die Motte an der Neonröhre wird zum Leitmotiv des kontrastreichen Schwarzweiß-Films, der in Anbetracht der digitalen Schärfe und der Weite der Landschaftsaufnahmen unbedingt im Kino geschaut werden sollte. Dabei schleicht sich eine subtile Melancholie in die Frage ein, denn spätestens, wenn Yoko ihre Neugier, überhaupt emotionale Regungen, entdeckt und in die Pakete lugt, wälzt der Film sich selbst um: Sepia-Bilder, Tonbänder oder eine Postkarte sind hier die einzigen, kleinen Repräsentanten von Gefühlen. Nicht einmal die Gesichter, ob von Menschen oder Robotern, drücken Emotionen aus. Dass gleichzeitig die Einstellungen von The Whispering Star stechend scharf sind, beantwortet die Frage: Man schaut den Film, man erfährt die Langeweile digitaler Klarheit, um von hier aus empathische Nähe neu zu bemessen. Fast könne man meinen, Sono wollte Jeff Tweedy Lügen strafen, der im Lied „Radio Cure“ von Wilco singt: „Oh, distance has no way of making love understandable“ – denn genau das Gegenteil geschieht: Nur der mediale Umweg führt zum Gefühl.

whisperingstar_still2_sw © rapid eye moviesEine Episode unter Maschinen verdeutlicht diese verschrobene Emotionalität – vielleicht sogar Kitsch – recht deutlich: Der Bordcomputer von Yokos Raumschiff sitzt einem Fehler auf, weil er die Route wegen eines Meteoritenschauers ändern will, den es nicht gibt. Yoko vermutet, dass der Computer die Perspektive vertauscht hat, den Innenraum des Raumschiffs mit dem Weltraum verwechselt und den tropfenden Wasserhahn für Meteoritenschauer hält. Yoko ist zwar nicht in der Lage, den Computer zu reparieren, aber sie kann seine Autoreparatur aktivieren, indem sie dem Computer vor Augen führt, dass er einer Verwechselung aufsitzt. Dazu sticht sie Löcher in ein schwarzes Blech, das sie vor eine Lampe hängt. Der Blick auf das Blech ist derselbe wie der Blick aus der Windschutz- bzw. Fensterscheibe des Raumschiffes, das auch für die Zuschauer*innen einer der wenigen Anhaltspunkte dafür ist, dass es sich um eine Geschichte im Weltall handelt. Der Bordcomputer erkennt seinen Irrtum, repariert und entschuldigt sich; Yoko antwortet: „Schon okay, ich bin ja auch nur eine Maschine.“

whisperingstar_still3_sw © rapid eye moviesBevor man das Kitsch-Urteil allzu ernst nimmt, sollte man beim Vorspann des Films gut aufpassen: Großteile des Films wurden in der Präfektur Fukushima gedreht; damit überlässt Sono die Erinnerung nicht allein Google-Street-View, das den evakuierten Ort Namie-machi digitalisiert hat. Die Bilder gewinnen eine eigenartige Eindringlichkeit, wenn die dezenten Farben der Küstenregionen das schwarz/weiß des Weltalls konterkarieren. Alle besuchten Planeten, über die Yoko wandelt, sind Ergebnisse einer der größten Naturkatastrophen unserer Zeit. Bis die Halbwertszeit der Strahlungsstoffe erreicht ist, muss man lange warten, oder, wie der Bürgermeister von Namie-machi sagt: „But in Namie-machi time stands still“.

The Whispering Star ist trotz kleinerer Jokes langatmig, aber seine eigenwillige Qualität lässt sich deshalb noch nicht auf einen puren Ästhetizismus zurückführen: Hier wird ein Ort, der durch menschliches Risikoverhalten unbewohnbar, vor allem auch unsichtbar, gemacht wurde, dem Vergessen entrissen. Nicht zuletzt das geisterhafte Erinnern Googles, das Namie-machi zwei (fast: teleportative) Klicks entfernt vom Rest der gescannten Welt stellt, wird damit in die Diskussion einbezogen: Wie kann man sich gegenüber einer medial vermittelten Umweltkatastrophe gegenüber verhalten, deren Auswirkungen über den Pazifik nahezu überall auf der Welt spürbar sein können? Vor allem aber: Was sollte man fühlen?

Wer ein wenig Geduld mitbringt, wird von dem Film in eine eigenartige Stimmung versetzt. Vielleicht darf man in Zeiten, in denen Akzeleration zum Stichwort der Beschreibung und Subversion spätkapitalistischer Prozesse wird, sich sogar über ein bisschen Langeweile freuen – und sich ergriffen fühlen, was auch immer das genau bedeutet.

Plakat und Stills © Rapid Eye Movies

Wertung: 12/15 dpt

  • Titel: The Whispering Star
  • Originaltitel: Hiso Hiso Boshi
  • Produktionsland und -jahr: Japan, 2015
  • Genre:
    Sci-Fi
  • Kinostart: 26.05.2016
  • Label: Rapid Eye Movies
  • Spielzeit:
    101 Minuten
  • Darsteller:
    Megumi Kagurazaka
    Kenji Endo
    Yuto Ikeda
    Koko Mori)
  • Regie: Sion Sono
  • Drehbuch: Sion Sono
  • Kamera: Hideo Yamamoto
  • Art Director: Takeshi Shimizu
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Kinospielplan
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Über den Autor

Tim König

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Studiere im Lehramtsmaster Deutsch und Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität Berlin. Mit Freundinnen und Freunden gebe ich die anwesenheitsnotiz heraus, die an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist, an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Obwohl ich einen Großteil meiner Zeit in hinter Büchern, in Klassenräumen oder vor der Filmleinwand verbringe, habe ich nach wie vor die ein oder andere Liaison mit Film/Comic/Videospiel/Kunstaustellung/Musik. Vor allem Musik, mit einer besonderen Vorliebe für Avantgardistisches, auch in Gestalt von Pop.

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The Whispering Star (Kinostart: 26.05.2016)

von Tim König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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