Green Room (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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green-room-dvd-coverEs erfordert Mut ein Konzert mit dem DEAD KENNEDYS-Song „Nazi Punks Fuck off“ zu eröffnen, wenn vor der Bühne genau jenes abgefuckte Klientel steht, auf Krawall gebürstet und für linke Gesellschaftskritik wenig empfänglich. Doch die AIN’T RIGHTS haben das Glück des Tüchtigen, es fliegen zwar Bierflaschen und Spucke, doch mit dem zweiten Song löst sich die Anspannung mit wogendem Pogo (in Zeitlupe, untermalt mit fließenden Synthieklängen, nicht Punk), die Band aus Arlington beendet das Konzert unbeschadet. Zunächst.   

Das ändert ein vergessenes Handy. Als Bassist Pat es aus dem titelgebenden „Green Room“ holen will, dem Backstage-Bereich der nazihaltigen Spelunke in der Einsamkeit der Wälder Oregons,  wird er unfreiwillig Zeuge eines Mordesgreen_room_photo01 an der jungen Emily. In der Folge wird die Band festgesetzt, der Kopf der Nazis, und gleichzeitig Drogendealer, Darcy Banker, entwirft einen Schlachtplan, an dessen Ende die komplette Auslöschung der unbedeutenden Band namens AIN’T RIGHTS stehen soll. Doch die jungen Musiker und die Abtrünnige Amber, Freundin des Mordopfers, wissen sich zu wehren. Erst zaghaft und zögerlich, dann immer rabiater. Fest steht ziemlich schnell, dass es auf beiden Seiten Tote geben wird

Eine knappe Viertelstunde lässt sich Regisseur Jeremy Saulnier Zeit, in denen „Green Room“ sich in unterschiedliche Richtungen hätte entwickeln können. Eine abgebrannte, wenig erfolgreiche Punkband, unterwegs von Gig zu Gig, das hätte ein Coming Of Age-Drama werden können, eine Bandbiographie, Rock-Comedy oder etwas ganz anderes. In stimmungsvollen, bereits grünstichigen Bildern werden die Protagonisten green_room-01eingeführt. Dabei lässt Saulnier in erster Linie Gesten sprechen, Bilder und Musik, meist kurz angerissene Punk-Songs, die sich abwechseln mit elegischem, elektronischem Klangwerk. Worte werden nur karg und meist zum Informationsaustausch gewechselt. Bezeichnend, dass die eloquentesten Charaktere des Films der sensible Pat und der kalt kalkulierende Anführer der Nazi- und Drogengang Darcy Banker sind.  

Während der kürgreen-room-slide7zlich unter absonderlichen Umständen ums Leben gekommene Anton Yelchin eine naheliegende Wahl für die Rolle des ätherisch-ängstlichen Bassisten ist, der im Lauf der Handlung eine heftige Wandlung durchmacht, erscheint die Besetzung des gewissenlosen Rechtsradikalen mit Patrick Stewart eigenwillig. Doch hat er bereits in „Masterminds – Das Duell“ („Masterminds“) gezeigt, dass er als Schurke sehr wohl reüssieren und nicht nur die Enterprise und Gedanken steuern kann. Als Darcy Banker beherrscht er jede Szene, in der er auftritt oder nur zu hören ist. Eben nicht, weil er sich als Hitlers Redneck-Nachlassverwalter präsentiert, sondern seinen Part, ruhig, abgeklärt, scheinbar mitfühlend und doch absolut menschenverachtend anlegt. Ein altehrwürdiger Biedermann mit Schiebermütze, der den Beamten des Dritten Reichs, die bedenkenlos green-room-kkllktausende von Juden in den Tod schickten, als würden sie Güter verschieben, näher steht als einer überkandidelten  Führerkarikatur. Gewöhnen muss man sich in der deutschen Fassung an seine Synchronstimme. Der Kommissar-Assi Reinhard Glemnitz macht seine Sache gut, erreicht aber nicht die Tiefen des leider verstorbenen Rolf Schult, dem bekanntesten unter Stewarts zahlreichen Sprechern.

Mit der Leiche im „Green Room“ endet jede Aussicht auf einen versöhnlichen Filmverlauf. Eine tödliche Eskalation beginnt. Es wird zwar Anflüge von Humor geben, doch die bewegen sich zwischen Franquins „Schwarzen Gedanken“ und brodelndem Wahnsinn („Ich bin Odin!“). Viel zu lachen gibt es im folgenden Überlebenskampf auch nicht. Da Banker bereits die Zeit nach dem Töten im Blick hat, beschließt er – vorerst – auf Feuerwaffen zu verzichten. Wozu auch, wenn ein auf Kehle trainierter Pitbull zur Verfügung steht. Der auf das deutsche Kommando „Fass!“ reagiert und seinem Besitzer innig und liebevoll verbunden ist. Obwohl der ihn bewusst in den Tod schickt. Der Hund ist missbrauchte Tötungsmaschine und tragische Figur zugleich. Saulnier gibt ihm entsprechenden inszenatorischen Raum und verteufelt das Tier nicht. Er ist ein Opfer der mörderischen Befehle seines Herrchens.

green_room-08So wird die Band dezimiert, aber auch Bankers Gefolgschaft lichtet sich. Die gezeigte Gewalt ist explizit und derbe, doch wird die Kamera nicht voyeuristisch auf zerfetztes Fleisch, brechende Knochen und Blutfontänen gehalten.  „Green Room“ wahrt Distanz, hier wie in den Parts, die (fast) ohne körperliche Gewalt auskommen.   Das verhindert, dass der Film zum exploitativen Backwood-Revenge-Flic mutiert. Er bietet während des Zuschauens Gelegenheit zur Reflektion und schafft auf diese Art Nähe zu den Protagonisten, die ebenfalls Zeit haben, Handeln und Situation zu überdenken. Und dies weidlich nutzen.  Stichwort: Welche Band gehört zur einsamen Insel?

Der „Green Room“, nicht als Gefängnis, sondern Panikraum,  und die Hinhaltetaktik durch die Kontrahenten mit den Springerstiefeln und den roten Schnürsenkeln, sorgen für die nötigen Atempausen. Wie weiland John Carpenter in seinem verlassenen Polizeirevier („Assault On Precinct 13“) nutzt  Jeremy Saulngreen-room-slide4ier die Beschränktheit der Räumlichkeiten (Green Room, Drogenlabor darunter, Bühne und angeschlossener Saal) höchst effizient, setzt als Gegenpart die scheinbar endlosen Wälder Oregons, die nicht weniger bedrohlich wirken, als der schäbige Neonazi-Rocker-Treff am Ende eines unbefestigten Weges. Hier zeigt sich, dass Saulnier nicht nur Carpenter, sondern auch Stanley Kubrick eingehend studiert hat (explizit zu sehen ganz zu Beginn. Auto, Straße, Wald, Totale von weit oben, ihr wisst schon…).   

Grün ist die Farbe der Hoffnung. Denkste. Grün ist ebenfalls Schimmel und Zerfall. Grün beherrscht nicht nur das titelgebende Zimmer, sondern den ganzen Film. Da sind wir konsequent bis zum Manierismus. Aber passt schon. Natürligreen-room-2016-1050x606ch gibt es Schwächen, die Logistik gehorcht stellenweise arg der gewählten Dramaturgie (warum flieht die Band nicht, während die Kneipe noch mit Publikum befüllt ist und die Nazibande konfus herumirrt; warum lässt Banker den mit einem läppischen Riegel und einer Couch nur notdürftig gesicherten Raum von einem Stoßtrupp plus Kampfhund(en) schon früh stürmen?). Andererseits stützen genau diese (scheinbaren) Mankos die Glaubwürdigkeit der handelnden Personen. Die jungen Musiker sehen sich von den Ereignissen überfordert und agieren entsprechend, und auch bei den Kontrahenten, selbst dem kaltblütig planenden Anführer, sind Unsicherheit und fehlerhafte Entscheidungen nachvollziehbar.   

Die Brüchigkeit der Konstellationen, das Unvollkommene, macht einen gehörigen Reiz des Films aus. „Green green-room-slide10Room“ ist kein politisches Pamphlet, das den Kampf linksorientierter Anarchopunks gegen  den rechten Mob thematisiert, sondern eindringliches Terrorkino, das die Mechanismen des Genres kennt und auf ganz eigene Art mit ihnen umgeht. Dabei helfen ein hervorragend aufeinander eingestimmtes Ensemble, die einfallsreiche Bildsprache und der gezielt kommentierende Soundtrack. Den ein oder anderen überraschenden Twist nicht zu vergessen. Wie, den Song zum Abspann von keiner Punkband, sondern Creedence Cleerwater Revival anstimmen zu lassen (Mist, gespoilert). „Sinister Purpose“, was sonst?

Zum Schluss ngreen-room-imogen-poots-portraitoch ein Loblied auf Imogen Poots, die als Amber überzeugend die abtrünnige Nazi-Braut und ausgebuffte Überlebenskünstlerin darstellt. Bereits ihre mehr gehackte als geschnittene Frisur ist eine Herausforderung. Poots zeigt sich ihr gewachsen, spielt so lässig wie kraftvoll und zieht beiläufig noch Anton Yelchin groß. Außerdem gebührt ihr der essentielle Witz des Films. Antwortet sie doch auf die Frage nach den Musikern für die einsame Insel mit: „Madonna … und Slayer“.

Empfehlung für das Imogen Poots-Kontrastprogramm-Double Feature: Erst Peter Bogdanovichs „Broadway Therapy“ anschauen, dann „Green Room“.  Ist die Nacht noch jung, „Drecksau“ hinterherschieben. Und die Welt ist eine Auster.
„Green is the colour of her kind“.

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Just sayin’:

„Der Schwung hält nicht ewig!”
„Außer man ist Iggy Pop.“

„Euer Set war ziemlich gut.“
„Was?“
„Sag‘ mal, wie hieß nochmal Euer vorletzter Song?“
„Toxic Evolution“
„Echt Hardcore, Mann, zu dem hab‘ ich sie erledigt.“ (Werm, der „gute“ Kamerad, und neben Tad für die surrealistischen Momente des Films zuständig).

PS.: Meine Beantwortung der zentralen Frage: Van der Graaf Generator.

Cover & Szenenfotos © universum film

  • Titel: Green Room
  • Originaltitel: Green Room
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2015
  • Genre:
    Horror, Action, Backwood-Thriller
  • Erschienen: 07.10.2016
  • Label: Universum Spielfilm
  • Spielzeit:
    91 Minuten auf 1 DVD (DVD)
    95 Minuten auf 1 DVD (Blu-ray)
  • Darsteller:
    Anton Yelchin
    Imogen Poots
    Patrick Stewart
    Alia Shawkat
    Joe Cole
    Macon Blair
    Callum Turner
    Mark Webber
    Brent Werzner
  • Regie: 
    Jeremy Saulnier
  • Drehbuch:
    Jeremy Saulnier
  • Kamera:
    Sean Porter
  • Schnitt: 
    Julia Bloch
  • Musik:
    Brooke Blair     
    Will Blair
  • Extras: 
    Interaktive Menüs, Kapitelanwahl, Featurettes, Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video: 2.40:1 (16:9 anamorph)
    Sprachen/Ton: D, GB (DD 5.1)
    Untertitel: D
  • Technische Details (Blu-ray)
    Video: 2.40:1 (1080p/24)
    Sprachen/Ton: D, GB (DTS-HD 5.1 MA)
    Untertitel: D
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen: 
    Infos zum Film und Erwerbsmöglichkeit
    Filmseite

 Wertung: 11 von 15 Dead Kennedys

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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