Jack Ketchum – Jagdtrip (Buch)

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jack-ketchum_jagdtripDass „Jagdtrip“ eine Herzensangelegenheit Jack Ketchums ist, verrät bereits das ausführliche Vorwort, das mit elf Seiten verhältnismäßig lang ausgefallen ist. Wie viele andere seiner Generation ist Ketchum geprägt vom Vietnam-Krieg (der auch hierzulande tägliches Thema in sämtlichen Nachrichtensendungen war. Ich habe mich damals als junger Jugendlicher gefragt, worüber wohl berichtet wird, wenn der Krieg mal vorbei sein sollte). Obwohl es ihm selbst gelang, nicht eingezogen zu werden, beschäftigte ihn lange Zeit, wie es mit den Veteranen nach dem Krieg weiterging. Besonders angesichts einiger Freunde, die desillusioniert und desolat aus Vietnam zurückgekehrt waren, und es kaum oder gar nicht schafften, angesichts der erlebten Gräuel, abseits des Dschungels im Alltag Fuß zu fassen.

So entstand die Story um den Kriegsheimkehrer Lee Moravian, der aufgrund seiner Erlebnisse und der daraus resultierenden Traumata zu einer tickenden Bombe wird, einer tödlichen Gefahr für Fremde, seine Nächsten und sich selbst. Von seiner schwangeren Frau samt Sohn verlassen, zieht er sich in den Wald zurück, in die Nähe seiner Marihuana-Plantage. Als eines Tages eine Gruppe Camper um Kelsey, einen ehedem erfolgreichen Autoren in der Schaffenskrise, auftauchen und sein Feld entdecken, verliert Lee jede zivilisatorische Beißhemmung und ein blutiger „Jagdtrip“ beginnt.

Ein ambitionierter Roman, doch wie so häufig stellt sich die Ambition als Killer heraus. Zunächst gelingt es Ketchum eindrücklich, den schleichenden Wahnsinn Lees, seine Alpträume und Selbstzweifel darzustellen, besonders im Angesicht einer familiären Situation, die ihm bald entgleitet. Voller Angst vor dem, was da noch entstehen mag  aus nächtlichen Halluzinationen und täglicher Paranoia, sucht Lees Lebensgefährtin mit dem gemeinsamen Kind das Weite.

Lee bleibt allein zurück, der einzige Mensch, mit dem er kommuniziert ist sein Geschäftspartner und ehemaliger Kriegskamerad McCann. Der intuitiv Lees Abdriften in Wahn, Depression  und Manie erahnt. Doch als er endlich aktiv eingreift, ist es zu spät.  

Bis Seite 54 gelingt es Ketchum mit dem Faszinosum der Unsicherheit und Unwägbarkeit zu jonglieren. Der familiäre Split wird zwar seltsam unbeteiligt und beiläufig abgehandelt, aber das passt ganz gut zur Situation der gegenseitigen Entfremdung.

Dann kommt ein derber Schnitt. In Gestalt von Lees Antagonisten, dem in Selbstzweifel badenden, noch erfolgreichen Schriftsteller Bernard Kelsey, der mit Gattin Caroline und Geliebter Michelle nicht nur in einer großen Villa, sondern auch einer ménage à trois lebt. Langwierig werden Beziehungs- und kreative Probleme ausdiskutiert. Wobei sich umgehend die größte Schwäche des Buches manifestiert: Das Schicksal des wehleidigen Paschas und seiner klugen aber indifferent gezeichneten Lebensgefährtinnen ist einem schlicht egal.  Das der später hinzustoßenden Personen, mit denen es zum Fotoshooting  in den Wald geht,  erst recht.

Fotograf Graham bleibt eine blasse, klischeebehaftete Figur, der langjährige Jugendfreund und erfolglose Bühnenautor Charles Ross ist der Unsympath des Romans. Es wird zwar behauptet, dass Kelsey sich ihm gegenüber verpflichtet fühlt, doch das Warum ist keine zwingende Angelegenheit.  Der feige, übergriffige und zynische Ross ist vorhanden, um ein düsteres Spiegelbild Kelseys abzugeben. Als letzter im Bunde gesellt sich noch Alan Walker hinzu, Kelseys Agent, väterlicher Ratgeber und Freund, der dafür sorgen muss, dass Kelsey wieder mental und physisch dorthin gelangt, wo Bestseller entstehen.

Ohne zu spoilern kann man unschwer erraten, wer in den folgenden Scharmützeln als Kanonenfutter dient, und wer halbwegs heil aus der  blutigen Hatz hervorgehen wird. Selbst die Reihenfolge des Abtretens dürfte für halbwegs erfahrene Leser (oder Filmfreunde) keine Überraschung bergen.  Erst zum Finale gelingt Ketchum Erstaunenswertes: Er lässt den „Jagdtrip“ mit einem Anti-Klimax enden, der sich gewaschen hat. Dem Leser bleibt die Entscheidung, ob er das albern oder beeindruckend findet. In jedem Fall verweigert sich Ketchum hier geläufigen Genre-Stereotypen, die er vorher allzu akribisch und nach altbekannten Plänen abgearbeitet hat.  Die Katharsis durch eine wütend vollzogene Rache bleibt aus.

Die weitschweifigen Diskussionen der Kulturschaffenden sind wenig erbaulich und bewegen sich kaum über Telenovela-Niveau. Gelungen ist allerdings, dass Jack Ketchum die Dreiecksbeziehung zwischen Kelsey, Michelle und Caroline als Möglichkeit der Lebensführung anerkennt, und traute Zweisamkeit auch handlungsmäßig nicht als alleinseligmachendes Moment des Zusammenlebens propagiert wird.

Aber man liest „Jagdtrip“ wohl kaum als Beziehungsratgeber. Zumal derartige Konstellationen einer Jet-Set-Welt vorbehalten scheinen, die Zeit genug für Luxusprobleme aufbringen kann. Leider versäumt es Ketchum trotz der offen liegenden Dispositionen, den Kampf des langsam durchdrehenden Lee Moravians, als Guerillakrieg gegen die Wohlstandsgesellschaft zu interpretieren. Dafür bleiben beide Seiten viel zu sehr medial geprägt. Es treffen matte Abbilder aufeinander, in Konflikten, die bereits wesentlich überzeugender und eindringlicher anderswo geschildert wurden.

Im Vorwort erwähnt Ketchum zwar die Lektüre Tim O’Briens (dessen „Going After Cacciato“ leider nie übersetzt wurde), Ron Kovics  und Michael Herrs,  doch gerade im Vergleich mit den thematisch verwandten Romanen O’Briens („In The Lake Of The Woods“ –  dt. „Geheimnisse und Lügen“) und David Osborns („Open Season“ – dt. „Jagdzeit“) schneidet „Jagdtrip“ ganz schlecht ab. Ketchum fehlt die visionäre Poetik O’Briens wie Osborns konsequentes, strukturelles Planspiel mit den Abgründen der Menschlichkeit.

Die Menschenjagd ist eine sattsam bekannte Abfolge von gestellten Fallen und willkürlich erzwungenen Zweikampfsituationen.  Das eingesetzte Material weicht keinen Fuß vom Weg ab, den bereits Filme von „Jäger der Apocalypse“ bis „Rambo“  mit Lust und übler Laune beschritten. Wie viele andere Filme (und Bücher) davor und danach auch. Heißt, es kommt die „Malaysische Schleuder“ zum Einsatz, die mit Hundekot beschmierten  Pfahlspitzen in einer Fallgrube sowie der Klassiker, die getarnte Schlinge auf dem Waldboden, die den ungeschickt Hineintappenden in die Lüfte zieht. Mit genügend Schwung, um ihm an einem Baumstamm den Schädel zu zerschmettern.

Ketchum bleibt bei der Schilderung der Gewalttaten erstaunlich dezent, die härteren Attacken bewahrt er sich für Lees Flashbacks auf, die von Gemetzel, Folterungen und Vergewaltigungen geprägt sind.  Doch dreißig Jahre und unzählbare(Kriegs)-Gräueltaten später, ist die Vergangenheitsbewältigung Lee Moravians kaum mehr als medialer Konsens, der so oder ähnlich, meist einprägsamer erzählt worden ist. „Jagdtrip“ bleibt zu sehr an der Oberfläche, schafft mit Moravian einen eher bemitleidenswerten als bedrohlichen Protagonisten,   während die gejagte Gesellschaft aus flachen und wenig ansprechenden Charakteren besteht.

Der Roman lässt sich viel Zeit, bis sich tödliche Gewalt ihre Bahn bricht. Zwar versucht Ketchum durch die gegenläufige Erzählweise, die Lees Massaker-Vorbereitungen und die wachsende Verunsicherung der Clique abwechselnd darstellt, Spannung und Dramatik zu erzeugen, doch scheitert dies weitgehend, da die Geschehnisse sich viel zu lange nebeneinander her entwickeln anstatt Einfluss aufeinander zu nehmen. So plätschert der Roman bis Seite 212 halbwegs unterhaltsam dahin, nimmt dann für hundert Seiten mäßig Tempo auf, um mit dem unerwarteten Finale zu implodieren. Einen rührseligen Epilog gibt es obendrauf.   

Jack Ketchum scheitert in Ehren, aber nahezu auf ganzer Linie. Man lobt die Absicht und ist traurig über das magere Ergebnis, welches daraus erwachsen ist. Schade, denn Ketchum hat vielfach bewiesen, dass er es weit besser kann.
Cover © Heyne Hardcore

  • Autor: James Ketchum
  • Titel: Jagdtrip
  • Originaltitel: Cover
  • Übersetzer: Urban Hofstetter
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 13.06.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 349
  • ISBN: 978-3-453-67706-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 7 von 15 fiesen Fallstricken


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Jack Ketchum – Jagdtrip (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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