Suburra (Spielfilm, Kino)

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In deSuburra Plakat © Koch Filmsn ersten Szenen von Stefan Sollimas “Suburra” führt uns die Kamera in die Zentralen einer verderbten, korrumpierten Zivilisation. Dabei blickt sie nicht in schmuddelige Hinterhöfe oder finstere Gassen, sondern gewährt einen Blick in den Vatikan, zeigt den Papst in einem langen Moment der kontemplativen Versunkenheit, der Abendmahltisch wird gedeckt. Nach einem Schnitt finden wir uns im Parlament wieder, das in eine hitzige Debatte verstrickt ist. Dann schlagen wir in einer pompösen Villa mit flirrend wummernden Beats bei einer der legendären Partys auf, bei der sich zur Dolce-Vita-Abendentspannung die Prominenz der Reichen, Schönen und Mächtigen unter die Welt der Halbseidenen mischt. “Suburra” steuert, wie es der Vorspann angibt, in einer Topographie des Untergangs auf die Apokalypse zu und erzählt sechs schicksalhafte Novembertage aus einem im Regen, in Korruption und Gewalt versinkenden Rom.

“Suburra” basiert auf dem gleichnamigen Roman des Autorenduos Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini. Ersterer ist Richter in Rom, Letzterer ein investigativer Journalist. Ihr fiktives, zugleich auf Tatsachen, auf Befragungen und dem Studium von Ermittlungsakten beruhendes, 2013 erschienenes Werk stellte sich nachträglich als nahezu prophetisch heraus. “Suburra” erzählt von “Mafia Capitale”, einem System, das Rom erschütterte, da es so ziemlich alle demokratischen oder moralischen Gesetze unterlief. Jedweder Moralkompass hatte die Orientierung verloren und zielte ausschließlich auf schnöden Utilitarismus, auf Macht- und Gewinnmaximierung. Als einer, wenn nicht der bedeutendsten Strippenzieher von “Mafia Capitale” gilt Massimo Carminati. Der ehemalige Neofaschist und späteres – als fiktive Figur bereits als Nero aus “Romanzo Criminale” bekannte – Mitglied der legendären Banda della Magliana hatte ein Korruptionssystem etabliert, das öffentliche Mittel weltlich demokratischer, aber auch die Gelder kirchlicher Institutionen auf vermeintlich legalem Weg in die Töpfe von “Mafia Capitale” spülte. Sollimas flirrendes Mafia-Epos baut die Story auf Tatsachen auf, und fast alle Figuren sind an real existierende Personen angelehnt. Der in der literarischen Vorlage ermittelnde Commissario wird unterschlagen – das finster Kriminelle ist in dem Film “Suburra” ganz unter sich. Der Titel ist vieldeutig und bezieht sich nicht lediglich auf die Vorstadt, sondern verweist vielmehr auf ein berüchtigtes Viertel des antiken Roms, in dem Gewalt und Prostitution das Leben bestimmten, in dem sich also seit jeher die Mächtigen zu ihrem Vergnügen mit der Unterwelt auf Spielchen einließen. Wie prekär sich die Lage in “Suburra” im Jahre 2011, kurz vor dem Ende der Berlusconi-Ära, zugespitzt hatte, erfasst Sollima in kunstvoll schwelgerischen, stilsicher arrangierten Bildern sowie einer überhitzt druckvollen, schnörkellos gradlinigen Inszenierung.

Mit einer hitzigen Debatte im Parlament und einer privaten Orgie des Politikers Malgradi (Pierfrancesco Favino) nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Der geschmierte Malgradi soll ein Gesetz zur Baugenehmigung durchsetzen, damit das gigantische Projekt “Waterfront” realisierbar wird. 2011 überlegte Roms Bürgermeister trotz hoher Verschuldung der Stadt tatsächlich, Ostia, Roms Zugang zum Meer, nach dem Vorbild von Las Vegas mit Einkaufsmeilen, Spielcasinos und Hotelketten zuzubetonieren. Doch Malgradi unterläuft ein dummes Missgeschick: Bei einer Ausschweifung mit Damen aus dem Milieu und zu viel Koks stirbt eine minderjährige Prostituierte. Malgradi verlässt überstürzt das Hotel und schleicht sich aus dem Hinterausgang. Die notwendigen Aufräumarbeiten überlässt er anderen.

Die Szene in der die zu Hilfe gerufene kleine Gangster-Nummer Spadino (Giacomo Ferrara) die tote Prostituierte durch das Foyer des Edelhotels trägt, symbolisiert, wie sorglos offensichtlich das Kriminelle im heutigen Rom agieren kann. Das junge Mädchen landet mit Ketten beschwert im Tiber, doch Spadino wittert seine Chance und erpresst Malgradi bereits am nächsten Tag. Solche Faxen mag der konservative Politiker jedoch gar nicht, über Mittelsmänner schickt er einen Gangster, Numero 8 (Alessandro Borghi), der sich der unschönen Angelegenheit annehmen soll. Doch leidet der heißblütige Numero 8 an äußerst geringer Impulskontrolle, und als kurz darauf Spadino unschön zugerichtet auf einer Zinkbahre in der Forensik seiner Familie zur Identifizierung gezeigt wird, schwört diese Rache. Üble Zeiten brechen nicht nur für Numero 8 und seine drogenabhängige Freundin Viola (Greta Scarano) an, denn Spadino war Mitglied des einflussreichen Anacleti-Clans, einer Mafia-Familie mit Roma-Wurzeln, die ihre Ehre wie ihre Macht in jeder Hinsicht verteidigt.

Bei einem Shoot-out in einer Einkaufsmeile knöpft sich der Clan seinen Gegner vor. Doch tote Prostituierte, in Flammen aufgehende Restaurants und Exekutionen, all diese Gewaltexzesse erscheinen wie reinste Makulatur, Kollateralschäden, die einen weitaus größeren Plan gefährden. Denn Samurai (Claudio Amendola), der Gangster, der stets im Hintergrund seine Fäden spinnt und beste Kontakte mit der Politik und dem Vatikan pflegt, verliert das “Waterfront”-Projekt nicht aus den Augen. Dementsprechend stören ihn rivalisierende Banden, die private Fehden austragen oder um die Vorherrschaft in Ostia kämpfen. Samurai, das eigentliche Zentrum der Macht des Imperiums – das symbolisch immer wieder durch flirrende Bilder des Centro Storico von Rom heraufbeschworen wird  – visiert einen Pakt an, in dem die Mechanismen der Unterwelt nahtlos mit denen der legalen Institutionen ineinandergreifen. Wer diesen Pakt in Gefahr bringt, setzt das Millionenprojekt aufs Spiel. Und damit vor allem das eigene Leben.

Das Ausmaß der kriminellen Geschäfte in “Suburra” übersteigt den erfassbaren Horizonts des Einzelnen bei weitem, und so folgen die Figuren schicksalhaft als wesentliches, aber kleines Mosaiksteinchen des großen Übels dem allgemeinen Verderben. Die Gesellschaft, so lautet der pessimistische Befund, ist zerfressen von Korruption, Gier und Dekadenz. In diesem apokalyptischen Reigen ist besonders die Figur des Sebastiano (Elio Germano) interessant. Sebastiano organisiert zwar die Events, auf denen sich die Mächtigen unter die Unterwelt mischen, doch ziehen ihn vor allem die Schulden seines Vaters immer tiefer in den Sog einer – im wahrsten Sinne – bestialischen Gewalt. Germano mimt diese unbedarfte Figur, die sich gegen die Gewalt noch sträubt, überzeugend in seiner Angst und seinen Zweifeln. Das in “Suburra” gezeichnete, im ewigen Regen und zu dem Sound der französischen Electronic-Band M83 untergehende Rom ist ein Moloch, das den Einzelnen schicksalhaft in die Tiefe zieht. Verglichen im Übrigen mit anderen Projekten des italienischen Regisseurs ist der Sound in “Suburra” wenig originell, zugleich zahm und unterlegt voller Dramatik, doch wenig hintergründig das Erzählte. Mit großer Besetzung, quasi ohne Nebenstrang erzählt, ist “Suburra” ein komplexes Panorama einer Macho-Welt, in der sich der Dreck aus den Straßen des einstigen antiken Elendsquartiers an die Schuhsolen der Mächtigen geheftet hat, um unauslöschlich Rom als Kampfarena mit ihrem schmutzigen Treiben ins Verderben zu ziehen.

Cover und Filmstills © Koch Media

    • Titel: Suburra
    • Originaltitel: Suburra
    • Produktionsland und -jahr: Italien, 2015
    • Genre:
      Thriller, Neo-Noir
    • Erschienen: Kinostart: 26.01.2017
    • Label: Koch Media
    • Spielzeit: 135 Minuten
    • Darsteller:
      Pierfrancesco Favino
      Alessandro Borghi
      Greta Scarano
      Claudio Amendola
    • Regie: Stefano Sollima
    • Drehbuch: Stefano Rulli
      Sandro Petraglia
      Carlo Bonini
      Giancarlo De Cataldo
    • Kamera: Paolo Carnera
    • Musik: M83
    • FSK: 16
    • Weitere Informationen:
      Homepage zum Film

Wertung: 12/15 Knarren

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Suburra (Spielfilm, Kino)

von Anna Veronica Wutschel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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