Marco Balzano – Das Leben wartet nicht (Buch)

0
2
0

Marco Balzano - Das Leben wartet nicht (Cover © Diogenes)Hoffnungslos hoffnungsvoll

Den geneigten Lesern und Besuchern von booknerds wird der Rezensent sicher nicht erklären müssen, warum Menschen fliehen, warum sie ihre angestammte Heimat aufgeben, um meist unter Lebensgefahr ein neues Zuhause für sich und ihre Familien zu suchen. Den geneigten Lesern wird man auch nicht sagen müssen, dass dieses Phänomen keines ist, das uns erst seit wenigen Jahren begleitet, sondern – mal kurz nachdenken – seit … immer. Es gehört anthropologisch zum Wesen des Menschen.

Der Roman ‚Das Leben wartet nicht‘ des italienischen Schriftstellers Marco Balzano beschreibt die anthropologische Komponente der Flucht, als Überlebensinstrument, als Glückssuche und als Ausdruck der Hoffnung, dass das Leben mehr verspricht, als die Gegenwart bereithält. Wer wissen will, was passiert, wenn einem die Lebenskräfte in psychologischer, physischer und ideologischer Sicht schwinden, der möge sich ‚Kraft‘ von Jonas Lüscher zu Gemüte führen.

‚Das Leben wartet nicht‘ ist in gewisser Weise ein literarischer Gegenentwurf. Balzano erzählt die Geschichte des zu Beginn des Romans neunjährigen Ninetto Pellerossa, der auf Sizilien in einem kleinen Dorf lebt. Ärmlich wächst er auf, dennoch genießt er sein Leben. Ein Sonnenkind, irgendwie, bis seine Mutter erkrankt schwer, stirbt – und sein Vater ist nicht nur mit seinem Leben zunehmend überfordert, sondern auch mit der Aufgabe, seinem Sohn ein Rückhalt zu sein. Ninettos Entscheidung, nicht so wie sein Vater leben zu wollen, fällt schnell – und in einem vernünftigen Moment lässt ihn sein Vater ziehen. Ninetto fährt mit der Bahn nach Mailand, wo er, wie damals in der 1960er Jahren so viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Süditalien ein neues Leben beginnt.

Der Leser wird von Marco Balzano immer tiefer in die Glückssuche des Protagonisten hineingezogen. Was sich anfangs tatsächlich recht gut anlässt, wird schnell zu einem Desaster. Die Tragik besteht dabei zusätzlich darin, dass der Leser seinem Protagonisten immer einen Schritt voraus ist. Während Ninetto sich mit jeder Kündigung und jedem neuen Job einredet, nun sei die Suche endlich zu Ende, nun beginne endlich nun wirklich, ganz bestimmt, das neue Leben, ist klar, dass auch dies nur ein kurzes Atemholen vor der nächsten Hiobsbotschaft ist. Über 50 Jahre später erkennt sich Ninetto in den Flüchtlingen aus Syrien, Nord- und Zentralafrika wieder. Natürlich floh er nie vor Bomben, Diktatoren und echter Hungersnot. Aber auch er war getrieben von der Hoffnung, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich und seiner Familie Sicherheit, Geborgenheit und relativen Wohlstand zu erarbeiten.

Dass das Buch kein all zu gutes Ende nimmt, ist keine große Überraschung. Doch gelingt Balzano ein rührendes und empathisch packendes Buch, das die Sehnsucht des Menschen nach einem besseren Leben anhand von Ninettos Schicksal literarisch beschreibt. Balzanos Roman ist aber auch eine Hommage an Mailand, eine Stadt, die nicht immer freundlich zu den Flüchtlingen aus dem Süden des Landes ist, die ihnen aber echte Chancen und Möglichkeiten, ein neues Leben zu beginnen, bereithält. Irgendwie fühlt sich der Leser an den Mythos des ‚American Dream‘ erinnert – wer es in Mailand schaffen will, der kann es schaffen. Doch wo so viel Glanz ist, da ist auch der Teufel, der Moloch. Irgendwo dazwischen bewegt sich Ninetto Pellerosa, ein wenig tölpelhaft, naiv und unverbesserlich optimistisch.

Trotz seiner Ehe, seiner Tochter und seiner Enkelin bleibt Ninetto am Ende nicht mehr als Hoffnung. Seinem Leben fehlt es an Substanz, an Nachhaltigkeit, an Erfolg. Das Ende ist offen – der Leser selbst mag entscheiden, wie es für Ninetto weitergeht, dem wieder nur die Hoffnung bleibt und seine Liebe zur Literatur. Albert Camus Roman ‚Der Fremde‘ ist nicht ganz unsymbolisch sein Lieblingsroman.

Überhaupt lässt Balzano seinen Lesern sehr viel Freiraum, trotz aller Emotionalität, die diesem Roman anheimgegeben ist. Vielleicht auch deswegen. Wer völlig empathielos ist, an dem wird ‚Das Leben wartet nicht‘ spurlos vorübergehen. Wer einer gewissen Identifikationsleistung mit dem Protagonisten fähig ist, für den gilt: Ja, es ist ein trauriger – aber kein desillusionierender Roman! Das Fünkchen Hoffnung lässt der Autor dem Leser noch – mehr aber nicht. Doch wer weiß, dass Menschen mit diesem Fünkchen auf einem Holzbalken das Mittelmeer überqueren, der weiß auch, wie kostbar dieses Fünkchen ist.

Cover © Diogenes Verlag

  • Autor: Marco Balzano
  • Titel: Das Leben wartet nicht
  • Originaltitel: L’ultimo arrivato
  • Übersetzer: Maja Pflug
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 22.02.2017
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 304
  • ISBN: 978-3-257-06983-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 dpt

 

2
0

Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz

2
0

Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

∇ mehr über Dominik Nüse-Lorenz/Kontakt
2
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

Marco Balzano – Das Leben wartet nicht (Bu…

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
0