Isabella Archan – Anton zaubert wieder (Buch)

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Eine alte Redensart lautet „Der Blitz schlägt nie zweimal an der gleichen Stelle ein“. Ist von der Wissenschaft widerlegt worden und auch Anton Schneider erfährt das sprichwörtliche Gegenteil. Während er schläft oder träumt, wird im Nebenzimmer seine Mutter sexuell attackiert und ermordet. Da ist Anton gerade fünf oder sechs Jahre alt. Der Tod seiner alleinerziehenden Mutter führt den Jungen zu Pflegeeltern nach Köln. Gut zwanzig Jahre erlebt Anton ein Déjà Vu. Er lässt sich treiben, lebt promiskuitiv und wacht eines Morgens in einer fremden Wohnung auf und findet seinen One Night Stand ermordet vor, ohne zu wissen, ob er nicht selbst der Täter ist.

Widerstandslos lässt er sich verhaften, schweigt aber traumatisiert. Auftritt Willa Stark. Die Inspektorin ist zurück nach Graz versetzt worden und fühlt sich unwohl in ihrer Heimatstadt. Da das Wünschen in Romanen noch hilft, wird sie passgenau von ihrem ehemaligen Vorgesetzten und väterlichen Freund Hauptkommissar Kraus nach Köln zurück berufen, um ihren schweigsamen Landsmann Anton Schneider zum Reden zu bringen. Was ihr auch gelingt. Und mehr noch. Sie findet Anton faszinierend, baut in ihre Gedanken und später ins Leben ein.

Weitere Menschen sterben, die Tätersuche dauert an. Antons Verwicklungen in die Mordfälle bleiben rätselhaft. Willa hält ihn für unschuldig, andere zweifeln. Anton selbst auch. Am Ende werden die Ermittlungen Erfolge zeitigen. Und Verluste. Willa Stark geht verloren in der Stadt, die sie liebt. Gerade, als alles nach einem Happy End aussieht, setzt die Dunkelheit ein. Der nächste Band um die österreichische Polizistin wird zeigen für wie lange. Und wie hell es danach wird.

Zum dritten Mal ermittelt Willa Stark. Beziehungsweise zeigt sie sich diesmal als Getriebene. Zurück in Graz fühlt sie sich unwohl, wünscht sich zurück nach Köln. Wir wissen ja, wie das mit dem Wünschen ist: Man muss sehr vorsichtig damit sein. Zwar zeitigt die Inspektorin in Köln Ermittlungserfolge, doch verirrt sie sich in ihrer Arbeit, erkennt im tatverdächtigen Anton einen Seelenverwandten.

Gefühlsvernebelt schaltet sich ihr Hirn nicht ganz ab. Willa beginnt die richtigen Schlüsse zu ziehen, was sich als gefährlich erweist. Isabella Archan baut diese persönlichen Verwicklungen unprätentiös und plausibel in die Handlung um einen Serienkiller ein. Dieser Part wird ebenfalls nicht ins Spekulative und Voyeuristische ausgewalzt. Man ahnt zwar relativ früh, wer der Täter ist, das tut der Spannung aber keinen Abbruch.

Die Konflikte, in die die Personen verstrickt sind, bleiben angenehm bodenständig, selbst im Extrem (Antons Geschichte) findet eine glaubwürdige Entwicklung statt. Willa Stark, deren Kindheit und Jugend geprägt vom Totschlag war, den ihr geliebter Onkel und Vaterersatz im Affekt verübte, definiert sich nicht bloß über dieses traumatische Erlebnis. Die Prägung ist zwar vorhanden, doch der Umgang damit entspricht nicht dem Regelwerk für überkandidelte Spannungsdramaturgie. So gönnt sich die Autorin den Luxus, diese Storyline im vorliegenden Buch auf einfallsreiche wie einfache Weise zu einem Ende zu bringen: Man redet miteinander, versöhnt und verzeiht sich, bevor der grimme Schnitter sein Tagwerk vollendet.

Dieser Pragmatismus ist stilbildend für die gesamte Romanreihe um die Polizistin aus Österreich. Auf überbordende Seelen- und Sozialdramatik wird verzichtet, psychische Dissonanzen werden nicht für marktschreierische Effekte missbraucht, in keinem Keller müssen geschändete Frauen ihrem qualvollen Ende entgegenzittern. „Anton zaubert wieder“ wird das Genre in seinen Grundfesten nicht erschüttern, der Roman ist ein gelungener, unaufgeregter und stilsicher in Szene gesetzter Folgeband, der auf erzählerische Kniffe nicht verzichtet, ohne unglaubwürdige Volten zu schlagen, gerade was Charakterzeichnungen und Beweggründe angeht.

Eine lesenswerte Alternative zu all jenen Thrillern, die Schnappatmung durch permanente Überreizung und sensationsgeile Exzesse generieren wollen.

Cover © Conte Verlag

Wertung: 11/15 ehrliche Copperfields


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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1 Kommentar

  1. buecherfuellhorn am

    Hallo,
    ich lese gerade die „Zahnarzt“ Krimis mit Dr. Leorcardia Kardiff von Isabella Archan, die mir gut gefallen. Von dieser Reihe mit der Polizistin Willa Stark hatte ich noch nichts gehört. Die setze ich jetzt auch meine Leseliste.

    Viele Grüße

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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