Martin Krist – Brandstifter (E-Book)

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„Brandstifter“ ist nach „Drecksspiel“ (2013) und „Engelsgleich“ (das 2014 erschienene Prequel zum „Drecksspiel“) der dritte Roman Martin Krists um den Ex-Polizisten und jetzigen ‚Problemlöser‘ David Gross. Im Gegensatz zu den Vorgängern wird das Buch nicht mehr von Ullstein verlegt, sondern erscheint als E-Book.

Wie schon gewohnt steht David Gross nicht allein im erzählerischen Zentrum. Martin Krist fährt nonlinear und dreigleisig. Der erste Part kommt Valentina Starke zu, die mit ihrem Mann, dem Unternehmer Georg, und ihren beiden Kindern ein feudales und zufriedenes Leben führt. Bis sie ihren Gatten ermordet vorfindet. Geköpft und sorgfältig drapiert. Bevor irgendwer „Serienkiller“ schreit, Entwarnung. Im Verlauf des Buches wird Valentina, unvorteilhaft „Walle“ genannt, herausfinden, dass ihr beschauliches Leben eine Lüge gewesen ist. Der Inverstor und Bauunternehmer Georg Starke scheint nicht nur in prekäre finanzielle Transaktionen, sondern weitere Wirtschaftsverbrechen verwickelt gewesen zu sein. Aus der trauernden Witwe und Zeugin wird eine Tatverdächtige, die schließlich auf eigene Faust ermittelt.

Der zweite Erzählstrang gehört dem Ex-Studenten und gerade aus der Haft entlassenen Kleinganoven Luka, dem eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt wird, seine Schulden wegen eines verpatzten Drogendeals zu begleichen. Sein Familienleben ist ein Desaster, die Jobsuche ebenfalls. Verzweifelt greift er nach jeder Möglichkeit, an Geld zu kommen. Eine davon endet nicht nur für ihn katastrophal.

Schließlich David Gross: Erst ermittelt er im Auftrag seines Freundes, dem Anwalt Richard, in einem Todesfall infolge eines Wohnungsbrandes. Später soll er den verschwundenen Wissenschaftler Sven Scheder suchen. Gleichzeitig muss er sich um seinen kranken Sohn kümmern und spürt seiner entführten und immer noch verschwundenen Gattin Caro nach. Im Zuge seiner Nachforschungen stößt er auf Hinweise, die seine eigene Geschichte betreffen.

Natürlich werden die verschiedenen erzählerischen Fäden bis zum Finale zusammengeführt. Bei dem sich Krist den Luxus erlaubt, einige Fragen zu klären und Geschichten zu (vorläufigen) Abschlüssen zu bringen, während anderes offenbleibt. Eine angenehme Alternative zu glattgebügelter Dutzendware, die jedes Rätsel und Geheimnis bis zum Nullpunkt erklären muss.

Trotz des Splits in drei Erzählebenen, bleibt die Handlung übersichtlich, denn die jeweiligen Kapitel sind klar den Protagonisten zugeordnet. Die zeitlichen Abläufe klären sich von selbst im Laufe der Handlung. Dass sie trotzdem für den einen oder anderen Überraschungseffekt gut sind, spricht für das Geschick des Autors.

Martin Krist führt uns in eine Welt, die bis in die kleinste Zellstruktur durchdrungen ist von Verbrechen. Familie bietet bei ihm keinen Halt, sondern ist ein ständiger Hort der Unsicherheit, für Freundschaften sieht es, bis auf wenige Ausnahmen, ähnlich aus. Die organisierte Kriminalität macht sich breit in Berlin und dringt bis in Behördenstrukturen vor. Jeder Polizist, der in die Handlung verwickelt ist, kann korrupt sein, alle Beteiligten tappen im Dunkeln und kriechen nur langsam zum Licht.

Das braucht Zeit und Raum, weswegen die Episoden um Valentina Starke viele Seiten verschlingen. Das ist zu Beginn etwas zäh, wenn Valentina nahezu paralysiert versucht, ihre Familie und Freunde zusammenzuhalten und langsam in die Rolle einer Verbrechenskomplizin gerückt wird. Ab dem Punkt, an dem Valentina aufhört zwischen Phlegma und Hysterie zu schwanken, nimmt ihre Geschichte an Fahrt und Wirkung auf. Sie entwirrt nahezu im Alleingang ein kriminelles Geflecht – auch wenn sie im Schlussteil unerwartete Hilfe bekommt – und verändert sich merklich, was dem Roman sehr gut tut.

Die Luka-Passagen sind die kürzesten des Buchs. Eine Sozialstudie vom Fall eines Unbedarften, der es nicht ansatzweise mit den Kräften aufnehmen kann, mit denen er sich einlässt. Das erzählt Krist schnörkellos und ohne große Ablenkungsmanöver.

Die Figur David Gross überzeugt ebenfalls wieder, auch wenn ihm am Ende nicht ganz plausibel übel mitgespielt wird. Hemmschuh in seinem Part ist die Beziehung zu seinem Sohn Jan, der in einer betreuten Wohneinrichtung lebt und problematisches Verhalten an den Tag legt. David zieht sich achtbar aus der Affäre, doch bremsen diese Abschnitte, ebenso wie die gleichzeitig dramatisch und seltsam unmotiviert abgehandelte Suche nach seiner Mutter, die Handlung unnötig aus. Zwar gelingen Krist in jedem der drei Stränge gut beobachtete und fein formulierte Berliner Impressionen, doch hätte ein wenig Entschlackung gut getan.

Womit wir bei den nicht ganz so gelungenen Aspekten des Romans wären. Das David Gross Silly-Fan ist (im Roman von jener Inkarnation mit Anna Loos am Mikrofon) wird schon beim ersten Klingeln seines Mobiltelefons deutlich („Flieg, flieg, weit hinaus“). Dass er seine Anrufer nach dem Klingeln gerne wegdrückt wird auch schnell klar. Trotzdem wiederholt sich diese Situation zu häufig. Ansonsten baut Krist popkulturelle und interreferentielle Verweise gekonnt in seinen Roman ein, die Silly-Obsession seines Hauptcharakters wird etwas zu aufdringlich betont.

Gleiches gilt für den Mechanismus, Kapitel mit einem Cliffhanger enden zu lassen, der sich im Fortlauf als eher laues Lüftchen präsentiert oder jene umgekehrt Psychologie anwendet, die den Schrecken darüber, dass der Wolf auftaucht, zu vergrößern sucht, indem vorher mehrfach „Wolf“ geschrien wird und nichts passiert.

Ein letzter Punkt: Jeder der drei Charaktere bekommt prägende Sätze zugeschrieben, die immer wieder im Text auftauchen. Kursiv natürlich. Was für eine Figur durchaus sinnvoll erscheint, wirkt in der geballten Anwendung zu beliebig. So bedauert David: «Hast du je etwas verhindern können?», Valentina leidet unter dem Satz ihres Sohnes Lennard, der quasi das Motto des Romans vorgibt: «Weil böse Menschen kommen» und der arme Luka fleht repetitiv: «Alles wird besser, ich schwör’s dir!» 
Wie so oft wäre hier weniger mehr gewesen.

Doch ist „Brandstifter“ insgesamt ein lesenswertes und spannendes Buch, das vielschichtig und mit vielen treffenden Beobachtungen versehen, über diverse Leben erzählt, die von unterschiedlichen Formen der Kriminalität geprägt, manipuliert, beeinflusst und nachhaltig verändert werden. Für die einen führt dies zu einer schmerzhaften Bewusstwerdung, für die anderen zum Untergang und für David Gross bedeutet es, einen mühevollen und verzweifelten Kampf zu führen, dessen Ausgang nicht abzusehen ist. Wir werden ihm auch in Zukunft dabei folgen.

Cover © Edel Elements

  • Autor: Martin Krist
  • Titel: Brandstifter
  • Reihe: David Gross, Band 3
  • Verlag: Edel Elements
  • Erschienen: 02/2017
  • Seiten: 473
  • ISBN: 978-1520648682
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 Berliner Buletten

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Martin Krist – Brandstifter (E-Book)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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