Mein wunderbares West-Berlin (Dokumentarfilm, Kino)

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Sonntagabend im Freiluftkino Kreuzberg: „Mein wunderbares West-Berlin“, eine Dokumentation des schwulen Lebens in der Enklave der westlichen Welt von der Nachkriegszeit bis zur Wende.

Es gibt keine Trailer, aber aus Anlass der Vorpremiere ein kurzes Interview mit dem Regisseur Jochen Hick, der selbst in den 1980er-Jahren nach Berlin kam. Er plaudert über diese Zeit und die Menschen, denen er beim Dreh seines Films begegnete.

Alle Liegestühle sind besetzt, aber mit Kissen und Decken ausgestattet ist es auch auf den Gartenstühlen recht gemütlich. Es beginnt: „Mein wunderbares West-Berlin“.

In 97 – durchaus unterhaltsamen – Minuten erzählt Jochen Hick Geschichten aus dem schwulen West-Berlin von der Trennung bis zur Wiedervereinigung: Von den 1950er-Jahren an, als sich homosexuelle Männer, dem Naziregime entronnen, in der Fortschreibung des durch § 175 Strafgesetzbuch festgeschriebenen Unrechts wiederfanden, bis zum Ende der 1980er, als die Technokultur die queere Nische verließ und den Mainstream eroberte.
Hick verwebt eine Unmenge von Archivmaterial (vor allem Fotos und Filmaufnahmen unterschiedlicher Qualität) mit Interviews, die er mit bekannten und weniger bekannten Gesichtern der Berliner Szene geführt hat. Es geht um ganz persönliche Hoch- und Tiefpunkte, Sex (wenn der Porno auf Arte läuft, ist er bekanntlich Kunst), Beziehungen und mit dem Anbrechen der 1970er-Jahre zunehmend um politische Arbeit und gesellschaftliche Emanzipation.
Langweilig ist das schon deshalb nicht, weil Hick nicht in nostalgischer Rückschau verharrt, sondern seinen Protagonisten Raum lässt, in der Gegenwart anzukommen. Das ist manchmal rührend, etwa wenn der Modeschöpfer Klaus Schumann nüchtern feststellt, dass es nicht leicht sei, 80 Jahre alt zu werden. Manchmal ist es komisch, zum Beispiel wenn Udo Walz und René Koch über schwindende Libido frotzeln. Manchmal ist es tragisch, vor allem wenn gegen Ende des Films die Zeit der Aidskrise erreicht wird, mit der jede*r der Protagonist*innen Verluste verbindet.

Am Ende des Films stellt sich die Frage: Was ist Geschichte?

Ein bekanntes Diktum lautet: «Geschichte wird von den Siegern geschrieben.» Für den Schriftsteller Samuel R. Delany ist sie das, «was wir schreibend erschaffen, um die beunruhigende und launenhafte Lückenhaftigkeit der Erinnerung zu kaschieren.» und für Feminist*innen etwas, das zu häufig nur eine männliche Perspektive einnimmt. Alle drei Sichtweisen treffen in irgendeiner Art auf „Mein wunderbares West-Berlin“ zu.

Das Naheliegende ist natürlich das Schreiben von Geschichte als Geschichten, davon lebt der Film. Was sich bereits in zahlreichen Dokumentationen, vor allem das Dritte Reich betreffend, bewährte, funktioniert auch bei Jochen Hick: Die Kombination von Archivmaterial und persönlichen Gesprächen (erfreulicherweise ohne pathetische Off-Texte) machen den Film auch einem Publikum zugänglich, das nicht in der Materie steckt.
Zugleich – ein Effekt allen historischen Erzählens – schreiben diese Erinnerungen die Geschichte fest und darin besteht vielleicht die größte Leistung dieses Films: Der (heterosexuellen) Geschichtsschreibung der Stadt Berlin und der BRD wird ein wichtiges Kapitel hinzugefügt, denn selbstverständlich sind auch stets die Nicht-Herrschenden, die Nicht-Obenauf-Seienden, die Nicht-Sichtbaren Teil jeder Geschichte (im narrativen wie im historischen Sinn).
An derselben Stelle liegt aber auch der Knackpunkt der Dokumentation: Hick erzählt eine fast ausschließlich schwule und weiße Oberschichtengeschichte West-Berlins: Romy Haag ist eine der sehr wenigen weiblichen Protagonistinnen, sämtliche Interviewte kommen aus einem akademischen oder kreativen Hintergrund. Es gibt keine lesbischen und erst recht keine Trans*- oder Intergeschichten, was bedauerlich ist, aber auch die Grenzen und Brüche der vermeintlich homogenen Gruppe jenseits der Heteronorm zeigt. Wie jede „Siegergeschichte“ (wenngleich der Begriff in Bezug auf die schwule Community durchaus diskussionswürdig ist) erzählt auch Jochen Hicks Dokumentation eine ganze Menge nicht.

Fazit: „Mein wunderbares West-Berlin“ zeigt auf eindrückliche und unterhaltsame Weise den langen Weg schwuler Männer aus den Verstecken in der Provinz, über den politischen Kampf und die Aidskrise zur fragilen Normalität der Gegenwart. Die Geschichte der lesbischen Emanzipation, die Trans*- und Intergeschichte muss indes noch geschrieben werden.

Cover © Edition Salzgeber

  • Titel: Mein wunderbares West-Berlin
  • Produktionsland und -jahr: Deutschland, 2017
  • Genre: Dokumentation
  • Erschienen: 29.06.2017
  • Label: Edition Salzgeber
  • Spielzeit: 97 Minuten
  • Regie: Jochen Hick
  • Drehbuch: Jochen Hick
  • Kamera:  
    Alexander Gheorghiu
    Jochen Hick
  • Schnitt: Thomas Keller
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Seite zum Film

Wertung: 11/15 dpt

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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