Oliver Plaschka – Marco Polo. Bis ans Ende der Welt (Buch)

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»Mein Name ist Marco Polo«, sagte er. »Und alles was ich gesagt habe, ist wahr.« (S. 835)

Oliver Plaschka - Marco Polo. Bis ans Ende der Welt (Buch) © Droemer-KnaurAls historische Persönlichkeit ist Marco Polo bekannt und populär, obwohl es nur wenige gesicherte Fakten über seine Reisen nach Asien und in den Orient gibt. Marco Polo geriet in der Seeschlacht bei Curzola im Jahr 1298 in genuesische Gefangenschaft und erzählte in der Haft seinem Mitgefangenen Rustichello da Pisa von seinen Reisen. Der Poet wurde Marco Polos Chronist und schrieb „Das Buch von den Wundern der Welt“.
Marco Polos Geschichte wird auch in unserer Zeit gern erzählt. Vor kurzem strahlte Netflix in Deutschland die zweite Staffel der TV-Serie „Marco Polo“ aus und 1982 erschien eine gleichnamige vierteilige TV-Miniserie. Oliver Plaschka, der bisher als Fantasy- und Science-Fiction-Autor („Das Licht hinter den Wolken“ und „Perry Rhodan-Neo“) in Erscheinung trat, hat sich dieses Stoffs angenommen und beim Droemer Knaur Verlag einen 864 seitigen Roman veröffentlicht. „Marco Polo Bis ans Ende der Welt“ ist der Titel einer fiktiven Geschichte über Marco Polo und dessen Reisen in den fernen Osten.

Marco Polo ist 15 Jahre alt, als er seinen Vater Nicolò Polo und seinen Onkel Maffeo kennenlernt. Als Marcos Mutter mit ihm schwanger war, trat ihr Ehemann mit seinem Bruder eine weite Reise an, um Handelsbeziehungen zwischen Venedig und Asien zu etablieren. Als Nicolò nach Venedig zurückkehrt, ist seine Ehefrau lange verstorben und sein Sohn fast erwachsen. Zwei Jahre später ziehen die drei in Begleitung zweier Dominikaner-Mönche erneut los. Ihr Ziel ist wieder der Hof des Kublai Khan, Nachkomme des mongolischen Eroberers Dschingis Khan und der mächtigste Herrscher Ostasiens. Er verlangte von Nicolò und Maffeo, dass sie ihm 100 Gelehrte des Papstes und etwas Öl aus dem Heiligen Land bringen. Khan kündigte an, zum katholischen Glauben überzutreten, sollten ihn diese Gelehrten überzeugen. Was für eine Chance für venezianische Kaufleute, einen florierenden Handel aufzubauen. Der Weg über Jerusalem zum Hof des Khans ist lang und voller lebensbedrohlicher Gefahren, besonders für Marco, der zwei Mal dem Tod von der Schippe springen muss. Am Hof des Khans erwartet die Polos eine Zeit, in der sie Reichtum und Ehre, sowie Leid und Schmach erfahren. Marco lernt der Liebe Freuden und Qualen kennen und erkennt, dass trotz der Fülle an neuen Erkenntnissen, viele Dinge nicht so sind, wie sie scheinen.

28 Jahre später landet Marco Polo im Gefängnis von Genua, der Ruf als Lügenerzähler „Il Milione“ eilt ihm voraus. Sein Zellennachbar, der Literat Rustichello da Pisa, ist hocherfreut nach 14 Jahren Haft etwas über die Welt draußen zu erfahren. Die Geschichten, die ihm Marco Polo erzählt, sind Wunder, über die er nicht einmal zu träumen wagte. Rustichello wird Marco Polos Chronist und Schicksalsgefährte. Beider Männer Zukunft wird durch ihre Freundschaft und Zusammenarbeit eine vollkommen unerwartete Richtung einschlagen.

Prall gefüllt mit Abenteuern, ostasiatischer Kultur und Geheimnissen

„Marco Polo – Bis ans Ende der Welt“ ist ein Abenteuer- und Historienroman zugleich. Das Grundgerüst der Handlung besteht aus der exotischen Geschichte über die Reisen der drei Kaufleute von Venedig nach Ostasien. Oliver Plaschka unterteilte seine Version in eine Kern- und eine Rahmenhandlung. Der Geschichtenschreiber Rustichello erzählt die Rahmenhandlung personal aus seiner Sicht, während die Kernstory über Marco Polos Reisen aus dessen Perspektive in der Ich-Form geschildert wird.

Historische Romane werden, obschon sie fiktiv sind, an ihrer historischen Korrektheit gemessen. Als Ethnologe und Erzähler war Oliver Plaschka in seinem Element, denn die Lektüre ist lehrreich, ohne in Info-Dumping auszuarten. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Asbest aus Gestein gewonnen wird. Der Autor hat nicht nur die historischen Details exakt recherchiert, sondern lässt auch die Atmosphäre dieser Zeit aufleben. Ob man nun dem jungen Marco durch die Straßen von Venedig oder durch die Wüste folgt, ihn in Xanadu oder Quinsai beobachtet, der Zauber der Orte umgibt ihn wie eine Hintergrundmusik. Oliver Plaschka hat zudem die Handlung mit Anekdoten über fiktive und historische Figuren und Begebenheiten geschmückt. Dazu gehören nicht nur kulturelle Details, sondern auch Fantasy-Elemente, die den geheimnisvollen Charakter der Geschichte unterstreichen.

Lebendig und glaubwürdig sind auch die Charaktere. Im Mittelpunkt stehen Marco, sein Vater Nicolò und Onkel Maffeo Polo. Es verwundert zwar, dass Marco seinem Vater und seinem Onkel nach 15 Jahren vollständiger Abwesenheit mit so viel offenkundiger Freude begegnet, ohne Gram über die Jahre als Waisenkind. Doch so gaben es die biographischen Aufzeichnungen vermutlich vor. Auf der Reise und in China haben die Polos aufgrund ihrer verschiedenen Charaktere Konflikte zu bewältigen, die der Autor eingängig beschreibt. In den folgenden Jahren werden der Kublai Khan, sein Sohn Prinz Chimkin, die Tochter Prinzessin Kokachin und der Kurier Zurficar wichtige Rollen in Marcos Leben spielen. Die Beziehungen zwischen den Figuren gehören zu den interessantesten Aspekten des Romans, denn sie entwickeln Tiefe und schlagen unerwartete Richtungen ein.

Oliver Plaschkas oft augenzwinkernder Sprachstil, behutsam an die Handlungsepoche angepasst und dennoch modern, macht dieses seitenreiche Werk zu einem echten Leseerlebnis. Wer des Autors Phantastik-Romane kennt, weiß, dass er den Leser am Ende gern mit vollkommen unerwarteten Wendungen konfrontiert. Auch im Finale von „Marco Polo – Bis ans Ende der Welt“ hat der Autor seinen künstlerischen Freiraum ausgelebt und ein verblüffendes Spektakel entfesselt. Insgesamt ist der Roman „Marco Polo – Bis ans Ende der Welt“ ein historischer Abenteuerschmöker der Extraklasse, glaubwürdig, bildgewaltig, episch – eine spannende und erhellende literarische Reise in das spätmittelalterliche Asien.

Cover © Droemer Knaur

Wertung: 14/15 venezianische Gondeln

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Über den Autor

Eva Bergschneider

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Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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