Sie nannten ihn Spencer (Dokumentarfilm, Kino)

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Sie nannten ihn Spencer - Cover © Neue VisionenSonntagabend im größten Freiluftkino Europas bei den Filmnächten am Elbufer: „Sie nannten ihn Spencer“, ein Film von Fans, über Fans und für Fans.

In der schönen Tradition der Voraufführung gibt es keine Trailer, sondern einen kurzen Plausch mit dem Regisseur und Drehbuchautor Karl-Martin Pold und seinen beiden Protagonisten.

Der Sitznachbar schwärmt noch von seiner Kindergartenzeit, als er Bud-Spencer-Filme sehen durfte, weil die Kindergärtnerin meinte: «Die sind auch was für Kinder. Da stirbt niemand.» Es beginnt: „Sie nannten ihn Spencer“.

Kritiker*innen nannten die Filme von Bud Spencer und Terence Hill Klamauk. Plump seien die Klopperkomödien, geistlos und gewalt(tät)ig unlustig. Liebhaber*innen des derben und handgreiflichen Humors sprechen dagegen von einem Phänomen und haben – bedenkt man es genau – recht: Zwischen 1959 und 1994 drehte das Duo (ab 1967 explizit als solches) 18 gemeinsame Filme, von denen etliche bis heute regelmäßig im Fernsehen zu sehen sind. Viele, die in Kindertagen selbst über Dampfhammer und Schläge mit dem Billardqueue lachten, schauen sie inzwischen mit ihren eigenen Kindern.

Nun hat sich Regisseur und Drehbuchautor Karl-Martin Pold dem Phänomen Bud Spencer und vor allem seiner Fans angenommen: Obgleich mit dem Anspruch, einen ernsthaften Dokumentarfilm zu produzieren, sollte es keine Arte-Doku werden (die gibt es schon), wie Pold selbst im Interview mit Deutschlandfunk Kultur sagte. Stattdessen schuf er – in acht Jahren Produktionszeit – ein lebendiges Roadmovie, das den Charme der Spielfilmvorlagen atmet, was unter anderem der Mitwirkung von Thomas Danneberg, einem der bekanntesten Synchronsprecher und die deutsche Stimme von Terence Hill, und Rainer Brandt, dem Autor der deutschen Dialoge und Erfinder des sogenannten Schnodderdeutsch, zu verdanken ist.

Vor allem aber ist es der GV – der Glücksfaktor – der Polds Projekt menschliche Wärme verleiht: Bei Recherchen in der Fanszene fand er zwei Protagonisten, die in Raubeinigkeit und Witz durchaus mit ihren Idolen mithalten können und obendrein mit einer gewissen optischen Ähnlichkeit punkten: Marcus Zölch, blond, blauäugig, und Jorgo Papasoglou, ein bärtiger Dicker; waschechte Fans, nichtsdestotrotz waschechte Menschen mit einem Leben jenseits ihrer Leidenschaft für Bud Spencer.
Marcus lernte nach einem Genickbruch mit den Filmen seines Idols erst das Lachen und danach das Laufen neu. Jorgo, der von Geburt an blind ist, lässt sich von der stoischen Art seines Kindheitshelden bis heute inspirieren. So erzählt Pold in seinem Film zwei Geschichten: vordergründig die des arbeitsoptimierten Multitalents Bud Spencer, daneben aber die der wachsenden Beziehung von zwei Männern, die gemeinsam durch Europa tingeln, lachen, fluchen und sich vor allem reichlich gegenseitig auf den Arm nehmen. Da wird nicht nur verbal ausgeteilt und es ist gerade der unverkrampfte, teils schwarzhumorige Umgang mit Jorgos Blindheit, der dieses Duo authentisch macht. Pold inszeniert eine Freundschaft, die sich nicht von Absagen oder Autopannen und erst recht nicht von dem, was die Gesellschaft Behinderung nennt, aufhalten lässt.

Überhaupt ist es die Inszenierung, die den Film deutlich von anderem dokumentarischen Material abhebt. Pold versteckt sie nicht, sondern zeigt seine klassische Heldenreise derart offensiv, dass sie als Lehrstück jeder narrativen Gattung herangezogen werden kann: Marcus und Jorgo ziehen unabhängig voneinander aus, um ihren Helden zu treffen und scheitern. Sie schließen Freundschaft und machen sich gemeinsam auf den Weg. Mit der rührenden, teilweise gruseligen Naivität echter Fans und manchem mittelgut gespielten Dialog im Gepäck reisen sie nach Berlin, Paris, Südfrankreich und Rom, kommen Bud Spencer von Etappe zu Etappe näher und scheitern scheinbar im 4. Akt. Man könnte diese Dramaturgie konventionell nennen, aber den Anspruch, einen Dokumentarfilm im Stil der Spencer-Hill-Spielfilme zu machen, erfüllt er damit voll und ganz.
En passant führt Polds Film zu etlichen Weggefährten des Multitalents (u.a. war er Schwimmer, Sänger, Komponist, Drehbuchautor, Modedesigner…) und füllt den Film mit einer Vielzahl an Informationen über den Schauspieler Bud Spencer, aber auch den Menschen Carlo Pedersoli. Die Tochter des Regisseurs Enzo Barboni (besser bekannt als E. B. Clucher) etwa erklärt, wie die pazifistische Haltung ihres Vaters dem Italowestern das Morden austrieb. Der italienische Schauspieler und Stuntman Riccardo Pizzuti (Silberlocke) schildert lebhaft, wie sich die Sehschwäche Spencers auf die Gesundheit der Stuntleute auswirkte. Natürlich kommt auch der langjährige Schauspielpartner Terence Hill zu Wort.

Fazit: „Sie nannten ihn Spencer“ ist eine dokumentarische Heldenreise, charmant und durchaus witzig. Nicht nur ein Lehrstück in Dramaturgie, sondern auch im Umgang mit Behinderung.

Cover © Neue Visionen

  • Titel: Sie nannten ihn Spencer
  • Produktionsland und -jahr: Deutschland 2017
  • Genre: Dokumentarfilm
  • Erschienen: 27.06.2017
  • Label: Neue Visionen
  • Spielzeit: 90 Minuten
  • Regie: Karl-Martin Pold
  • Drehbuch:
    Karl-Martin Pold
    Sarah Nörenberg
    Michael Gizicki
  • Kamera:
    Jens Fischer
    Serafin Spitzner
  • Schnitt: Thomas Vondrak
  • Musik: u.a. Oliver Onions
  • FSK: 0
  • Sonstige Informationen:
    Seite zum Film

Wertung: 12/15 dicke Bohnen

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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Sie nannten ihn Spencer (Dokumentarfilm, Kino)

von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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