American Gods – Staffel 1 (Collector’s Edition) (4 DVD/3 Blu-ray)

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American Gods (Cover @ Studiocanal)Selten passten Werk und Titel so gut zueinander wie im Fall von „American Gods“. Der Megabestseller von Science-Fiction- und Fantasy-Star Neil Gaiman aus dem Jahr 2001 ist ein dichter Band von Geschichten über Amerika, Götter, Götter in Amerika und amerikanische Götter. Aber nicht nur der Inhalt schrie jahrelang nach einer Verfilmung, sondern auch die cineastische Erzählweise Gaimans. Paradoxerweise sträubte sich der Autor in diesem Fall gegen das Medium Film und lehnte zahlreiche, teils von Regielegenden gestellte Anfragen ab – aus nachvollziehbaren Gründen. Erst mit den neuen technischen und finanziellen Möglichkeiten der Serienproduktion sah er die Chance, seine Vision auf angemessene Weise ins Bildschirmformat übersetzen zu können. Das Ergebnis – und das ist immer noch eine unverschämte Untertreibung – kann sich mehr als sehen lassen.

Den Zuschlag für die Adaption erhielten letztendlich Bryan Fuller und Michael Green, bei denen der prestigereiche „American Gods“-Stoff alleine schon aufgrund ihrer eigenen, nerdigen Karriere in guten Händen ist. Fuller begann seine TV-Karriere Ende der 1990er/Anfang der 2000er mit „Star Trek: Deep Space Nine“ und „Star Trek: Voyager“ und machte als Schreiber, Produzent und später auch Entwickler mit Serien wie „Heroes“, „Pushing Daisies“ und „Hannibal“ auf sich aufmerksam. Green wiederum schrieb u.a. für „Sex and the City“, ehe er auch über „Heroes“ zu einem der gefragtesten Drehbuchautoren im Science Fiction-Genre wurde. Mit „Green Lantern“, „Logan“ und „Alien: Covenant“ ist Green bereits im Blockbuster-Bereich angekommen, mit Spannung werden zurzeit seinen Ideen für „Blade Runner 2049“ erwartet. „American Gods“ wird sicher zum von Optimismus begleiteten Hype um die Fortsetzung beitragen.

Bei der Adaption, die nun auf DVD und Blu-ray erschienen ist, haben es sich Fuller und Green nämlich nicht gerade einfach gemacht. Trotz der großartig geschriebenen Vorlage sahen die beiden Produzenten und auch Gaiman selbst Chancen in den kreativen Spielräumen einer Adaption. Zwar bleibt die Serie nah am Buch, die Anpassung an das Serienformat und die Fokussetzung auf aktuelle Themen fügen dem Ganzen aber eine zeitgemäße Frische hinzu. Die verschiedenen Erzählstränge werden teilweise ausgebaut und aus Gründen des Spannungsaufbaus in ihrem Arrangement verändert. So bekommt der Fantasy-Stoff eine ausgeprägtere Mystery-Schlagseite, die sich perfekt für das moderne Fernsehen eignet. Aber da hört der Genremix noch lange nicht auf: Nicht umsonst wurde „American Gods“ neben Science-Fiction- und Fantasy-Buchpreisen auch mit Auszeichnungen aus dem Horror-Fach bedacht.

Zusammen mit der Verbindung von Vergangenheit und Moderne, Mythologie, eigentümlichem Humor und comichafter Atmosphäre bekommen Fuller und Green mal eben das, wonach Terry Gilliam, Tim Burton und Co. seit Jahren verzweifelt suchen: Ein quietschbuntes, episches und anspruchsvolles Unterhaltungsformat. Gaimans Roman stellt dabei einen unerschöpflich wirkenden Steinbruch dar, der nur im Zuge einer Serie abgearbeitet werden kann. Staffel eins umfasst gerade einmal ein Fünftel des Buchinhalts, hinzu kommen weiter ausgearbeitete Nebenplots und in Zukunft vielleicht sogar Spin-Offs – und da sprechen wir noch nicht von den möglicherweise zu aktivierenden Ideen aus Gaimans Schublade, die damals aus dem Buch gestrichen wurden.

Was „American Gods“ auf dem Bildschirm aber vor allem ausmacht, ist der Schauwert. Alleine das Intro ist ein bildgewordener Drogentrip, der David Finchers Einführung in seine „Verblendung“-Adaption nimmt und es in ein neonbuntes Fest für die Götter verwandelt. Das setzt den passenden Ton für die jeweils folgenden Episoden, denen trotz ihrer FSK-16-Freigabe rein gar nichts heilig zu sein scheint. Erigierte Penisse, spritzende Gedärme, Urin, Fucks und Gallonen von Blut, das ist die auch anno 2017 noch eine erstaunliche Bilanz für eine (amerikanische) Serie. Möglich macht das nicht zuletzt die Finanzierung über Amazon, wo sich kein Programmchef Sorgen um die Angemessenheit für die möglicherweise Minderjährigen vor den Fernsehgeräten machen muss. Der „Umweg“ über das Internet begünstigte sicher auch die ambitionierte Umsetzung der visuellen Ideen, die mit Sicherheit nicht ganz günstig waren.

Glücklicherweise vergaß Gaiman über das Kultpotenzial seines Werks nicht den Inhalt. Eingeführt wird der/die Leser/In respektive der/die Zuschauer/In durch Shadow Moon (Ricky Whittle), der frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, um zur Beerdigung seiner Frau Laura (Emily Browning) zu kommen, die bei einem Autounfall ums Leben kam. Bei der beschwerlichen Reise nach Hause begegnet er dem mysteriösen Mr. Wednesday (Ian McShane), der ihn gerne für einen dubiosen Job engagieren würde. Erst als Shadow merkt, dass ihm nichts mehr von seinem alten Leben geblieben ist, schließt er sich Wednesday an. Dieser ist – so stellt sich nach und nach heraus – auf einer Mission, auf der er sich mit Fabelwesen, neuen und alten Göttern auseinandersetzen muss.

So abgespacet und augenzwinkernd wie sich das zunächst anhört, so erstaunlich viel Ernstes sagt der Roadtrip durch Amerika über das Land und seine BewohnerInnen aus. Zu den zahlreichen Themen (besonders deutlich dargestellt in den äußerst unterhaltsamen Mythologie-Vignetten) gehören nicht nur Götter, Religion und Glaube, sondern u.a. auch Immigration, Identität, Tod, Macht und Liebe. „American Gods“ nutzt das Verschwimmen von Realität und Fiktion mithilfe der Psychologisierung von Göttern auf clevere Weise, um ein zynisches, aber auch einfühlsames Bild der USA zu zeichnen, das heute von einer brisanteren Aktualität zu sein scheint als die 2001 erschienene Buchvorlage. Die Betonung von Themen wie Feminismus, Religion, menschliche Beziehungen, Waffen, Technik und Medien kommt bei der zeitlichen Überschneidung der Produktion mit dem US-Wahlkampf 2016 sicher nicht von ungefähr. Neben seinen mutigen Darstellungen von z.B. schwarzen Göttern und Homosexualität im Islam punktet „American Gods“ vor allem mit der Aussage, dass Götter von Menschen geschaffen würden und nicht andersherum. Aus der psychologischen Perspektive auf die zersplitterte amerikanische Bevölkerung ergeben sich schlussendlich Plädoyers gegen das aktuell vorherrschende Klima in den weltgeschichtlich gesehen jungen Staaten: Glaubt nicht an das, was euch trennt, sondern an das, was euch verbindet.

Zu den weiteren Stärken der Serie gehört ihr behutsamer und ausgeklügelter Aufbau. Nicht immer wird sofort klar, was die gerade gesehene Sequenz mit dem Rest der Story zu tun hat, erst nach und nach verdichten sich die Hinweise zu einem größeren Ganzen. Gleiches gilt auch für die gesamte erste Staffel: Was hier passiert, wird sich den NichtleserInnen erst im Nachhinein erschließen. Dementsprechend schwierig fällt es, hier bereits ein Fazit zu ziehen, was fehlt und wie gut „American Gods“ wirklich ist. Was beim Erstkontakt aber definitiv auffällt, ist die schiere Dichte der Serie. Sie ist laut, bunt und atemlos, doch trotz der Tatsache, dass sich die Macher durchaus Zeit mit der Entwicklung des Plots lassen, fühlt sich der Zuschauende erschlagen vom umfangreichen Inhalt der acht Folgen. Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass es bei der Bestellung einer ersten Staffel alles andere als sicher ist, wie die Zukunft aussieht. Trotzdem wäre die Streckung auf mindestens zehn Folgen ratsam gewesen, um der Serie Luft zum Atmen zu geben.

Das gilt auch für die audiovisuelle Seite: Gerade auf DVD, auf der das Bild nicht glasklar ist, wirkt der Bildschirm oft überladen, die exzessiv genutzte Musik dröhnt fast ununterbrochen aus den Boxen. Andersherum ist der Serie anzumerken, an welchen Stellen Fuller und Green ansetzen und Inhalt ergänzen. Die Episode rund um Lauras Tod wirkt beispielsweise etwas fade, weil die Drehbuchautoren weniger geschickt mit Klischees umgehen als in den Folgen, die sich mehr an Gaimans Vorlage halten. Nicht immer ist „American Gods“ so clever, wie es den Anschein macht. Wenn das aber die Experimente sind, um eine eigene Sprache zu entwickeln und an Selbstbewusstsein zu gewinnen, ist das zu verschmerzen. Schließlich brilliert die Serie inhaltlich und visuell auf zahlreichen Ebenen, genauso wie der Cast, der neben Veteranen wie Ian McShane und Gillian Anderson junge wie gestandene SchauspielerInnen wie Rick Whittle, Emily Browning und Pablo Schreiber umfasst, die die unterhaltsamen, humorvollen Dialoge Gaimans zum Leben erwecken. In jedem Fall ist „American Gods“ die weitaus lohnendere Alternative vor allem für diejenigen, die sich enttäuscht von den in Massenproduktion gefertigten Comic-Verfilmungen der letzten Jahre fühlen.

FAZIT: Mit Spannung wurde die lang herausgezögerte audiovisuelle Adaption von „American Gods“ erwartet, mit Begeisterung wird ihr nun begegnet. Zu Recht, denn endlich hat der umfangreiche Megabestseller von Neil Gaiman das richtige Medium und die richtigen Menschen gefunden, um angemessen umgesetzt zu werden. „American Gods“ ist kultig, bunt, schrill und laut und das nun auch auf dem Bildschirm. Bryan Fuller und Michael Green haben als Produzenten die richtige Sprache gefunden, um den Genremix und die zahlreichen Themen des Romans in das Serienformat zu pressen. Staffel eins ist bereits ein betörender, betäubender und anregender Batzen Unterhaltung mit nötigem Tiefgang, der einen nach einer zeitnahen Auffrischung in Form von neuen Folgen verlangen lässt. Hier und da wäre weniger mehr gewesen, um eine Überreizung zu vermeiden, andererseits ist nicht jede Sequenz so spannend, wie sie es vorgibt zu sein. Wenn sich die Macher hier noch eingrooven, wird „American Gods“ auch im Serienbereich ein Megabestseller.

P.S.: Die Serie gibt es zurzeit nur als „Collector’s Edition“ im schicken Schuber und mit Extras wie ausuferndem Bonusmaterial, einem 24-seitigen Booklet und Postkarten zu kaufen. Leider wird die DVD-Version dem Spektakel auf dem Bildschirm kaum gerecht, weswegen bei Möglichkeit die Blu-ray-Edition vorzuziehen ist.

Cover und Szenebilder © Studiocanal

  • Titel: American Gods – Staffel 1
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2016
  • Genre:
    Fantasy
    Science Fiction
    Horror
    Comedy
  • Erschienen: 27.07.2017
  • Label: Studiocanal
  • Spielzeit:
    440 Minuten auf 4 DVDs
    459 Minuten auf 4 Blu-Rays
  • Darsteller:
    Rick Whittle
    Emily Browning
    Ian McShane
    Gillian Jacobs
    Peter Stormare

  • Regie: David Slade, Adam Kane, Vincenzo Natali, Guillermo Navarro, Floria Sigismondi, Craig Zobel
  • Drehbuch: Robert Richardson
  • Kamera: Aaron Morton, Darran Tiernan, Jo Willems
  • Extras:
    Interviews mit Bruce Langley (Technical Boy), Ian McShane (Mr. Wednesday), Ricky Whittle (Shadow Moon) und Emily Browning (Laura Moon), Featurettes: „Das Buch vs. die Serie“, „Die neuen Götter“, „Die alten Götter“, „Das Phänomen ,American Gods’“ und „Neil Gaiman über die Entstehung von ,American Gods‘ “, Special: „San Diego Comic-Con® Panel”
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,78:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D, GB
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1,78:1 (1080/50i Full HD)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D, GB
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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Über den Autor

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Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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