Grégoire Hervier – Vintage (Buch)

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Grégoire Hervier - Vintage (Cover © Diogenes)«Memphis ließ sich besser mit den Ohren als mit den Augen erkunden, ich schwelgte in Musik. Nach und nach ergriff mich so etwas wie Sehnsucht nach einer Ära, die ich nicht miterlebt hatte, die Fünfziger und Sechziger (…)»

Musik! Überall in diesem Buch ist Musik – auf jeder Seite, zwischen den Zeilen, in jedem Charakter. Allen voran in Thomas Dupré, Musik-Journalist und Mitglied in erfolglosen Bands, der hin und wieder in DEM Gitarrenladen von Paris aushilft. Dieser Laden beherbergt nicht irgendwelche Gitarren, sondern ganz besondere Stücke. Manche extrem selten, andere einst gespielt von Rock-Legenden. Ein solch besonderes Instrument wird von dem reichen Schotten Lord Winsley gekauft und Dupré soll es ihm bringen. Als der an den Rollstuhl gefesselte Millionär dem Gitarrenexperten seine eindrucksvolle Sammlung zeigt, weiht er ihn sein Geheimnis ein: Noch vor kurzem besaß er eine sagenumwobene Gitarre, die „Gibson Moderne“, von der niemand weiß, ob sie tatsächlich existiert. Dieses schwindelerregend wertvolle Instrument wurde ihm gestohlen – und Dupré soll es entweder wiederbeschaffen oder aber einen Beweis für seine Existenz erbringen. Denn es ist versichert, mit Zehn Millionen Dollar, die Lord Winsley nur dann erhält, wenn er die Versicherungsgesellschaft davon überzeugen kann, dass es diese Gitarre tatsächlich gibt.

Dupré macht sich also auf die Suche, die ihn bis zum Geburtsort des Rock’n’Roll führt: Memphis! Dank seiner Recherchen und der Hilfe einer gleichgesinnten Studentin stößt er auf einen völlig unbekannten und fast vergessenen Ausnahmemusiker, dessen Geschichte ebenso spannend wie mysteriös ist.

Was ist „Vintage“ für ein Buch? Eine Art Gitarrenführer? Ja, denn der Leser lernt unheimlich viel über diese wundervollen Instrumente und ihre Herkunft. Ein Krimi? Ja, denn die Suche nach der sagenumwobenen „Moderne“ liest sich ungeheuer spannend – und auch der eine oder andere Mord ebnet den Weg der Gitarre. Eine Biographie? Ja, denn Dupré gibt uns Einblick in das Leben und Schaffen einer ganzen Reihe von echten und nur im Buch existierenden Rock-Helden. Eine Liebeserklärung an die Musik? Ja, ja und nochmals ja! Dieses Buch zu lesen ist, wie einen alten Plattenspieler herauszukramen und auf die gute, alte Weise Blues- und Rock-Stücken zu lauschen. Das Lesen wird immer wieder unterbrochen, um schnell nach den beschriebenen Musikern und Liedern zu suchen und selbst zu hören, was Dupré gerade im Ohr hat.

Fiktion und Fakten verschwimmen in dieser Geschichte, sodass man kaum noch unterscheiden kann, wo die Wahrheit liegt und wo der Autor seiner Phantasie freien Lauf gelassen hat. Man taucht unglaublich tief in die Welt der Gitarren ein – und selbst für Laien sind die ausführlichen Beschreibungen interessant und nachvollziehbar. Die Liebe zum Detail ist in jedem Satz allgegenwärtig – Grégoire Hervier schreibt hier über seine große Leidenschaft und das spürt man in jeder Zeile.

Genauso liebevoll hat er seinem Hauptcharakter Leben eingehaucht. Ein charmanter Nerd, eine Mischung aus Träumer und abgeklärtem Journalist, der sich in der Musik verliert, aber das Gehörte auch bis ins kleinste Detail analysiert und über ein eindrucksvolles Gehör verfügt. Duprés Anreiz ist zwar das Geld, das er erhalten soll, wenn er den geforderten Beweis liefert, aber auf seiner langen Reise von Frankreich über Schottland und Sydney bis in die Südstaaten der USA sind es vor allem seine Leidenschaft und Neugier, die ihn antreiben. Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz, der die Handlung insbesondere in den lebendigen Dialogen immer wieder auflockert.

Auch die Menschen, die Dupré auf seinem Weg begegnet, sind allesamt facettenreich. Jeder ist auf seine Weise mit der Musik verbunden und lebt diese Liebe auf ganz unterschiedliche Art aus – die „Guten“ genauso wie die „Bösen“. Die Leidenschaft für die Musik eint sie alle. Am spannendsten ist es, den fiktiven Musiker Grand Li Zombie Robertson kennenzulernen, seiner Spur zu folgen und gemeinsam mit Dupré immer mehr über den geheimnisvollen Gitarristen zutage zu fördern.

Fazit: Mit „Vintage“ hat Grégoire Hervier seine eigene Leidenschaft zu Papier gebracht und daraus eine wunderbar kurzweilige, liebevolle, aber auch spannende Geschichte voller Musik erschaffen. Er vermischt gekonnt Fiktion und Realität und bringt den Leser dazu, immer wieder kurze musikalische Pausen einzulegen, um das Gelesene selbst zu hören. Die Reise Duprés ist lebendig und schnell flammt die Sehnsucht auf, selbst in den Geburtsstätten des Blues und Rock’n’Roll unterwegs zu sein und deren Wurzeln zu entdecken. Für Musikliebhaber im Allgemeinen, aber ganz besonders für Rock- und Gitarren-Fans ist „Vintage“ eine Pflichtlektüre.

Cover © Diogenes

  • Autor: Grégoire Hervier
  • Titel: Vintage
  • Übersetzer: Alexandra Baisch, Stefanie Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 08/2017
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3-257-60812-0
  • Sonstige Informationen:
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    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 legendäre Gitarren

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Über den Autor

Jasmina Driller

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Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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Grégoire Hervier – Vintage (Buch)

von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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