The Missing: Staffel 2 – (TV-Serie, DVD, Blu-ray)

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Während sie die Schule schwänzt, wird die elfjährige Amy Webster 2003, am Rande der (fiktiven) Garnisonsstadt Eckhausen, in der Nähe Hannovers angesiedelt, entführt. Ihr Bruder Matthew ist der letzte, der sie beim Verlassen des Militärgeländes sieht.

2014 haben sich Captain David Webster, seine Frau, die Lehrerin Gemma und Sohn Mattie damit abgefunden, dass Amy mit großer Wahrscheinlichkeit tot ist. Doch dann torkelt eine junge Frau, von einer schweren Blinddarmentzündung gezeichnet, barfuß über den Weihnachtsmarkt von Eckhausen und bricht zusammen. Im Krankenhaus erzählt sie, sie hieße Amy Webster. Auf dem Weg dorthin fiel zudem noch der Name Sophie Giroux. Der Ex-Inspector Julien Baptiste auf den Plan ruft. Sophie ist ebenfalls ein Entführungsopfer, das seit 2002 verschwunden ist. Ihre Mutter beging vor den Augen des Polizisten Selbstmord, der Vater gibt ihm die Schuld dafür.

In Eckhausen versuchen sich die Websters mit der neuen Situation zu arrangieren. Doch statt einen Heilungsprozess zu erleben, driftet die Familie auseinander. David Webster hat eine Affäre mit der Militärpolizistin Eve Stone, Mattie lässt sich mit Drogen und Kriminellen ein, Gemma hegt den, für sie schlimmen, Verdacht, dass die junge Frau in ihrem Heim, trotz ihres Detailwissens, gar nicht Amy ist. Inspector Baptiste bestärkt sie in dieser Vermutung. Denn er hält die wiederaufgetauchte angebliche Tochter für Sophie Giroux. Doch warum sollte Sophie sich derart verhalten? Sie identifiziert zügig ihren Entführer und kämpft mit den zugefügten Traumata. Sehr überzeugend. Doch der mutmaßliche Kidnapper beteuert seine Unschuld. Es gibt keinen erlösenden Moment, alles bleibt diffus.

2016 wehrt sich Julien Baptiste gegen die Auswirkungen einer Krebserkrankung und findet sich statt auf dem Operationstisch im Irak wieder. Dort kämpft der junge Daniel Reed mit der Peschmerga gegen den IS. Sein Vater, der Militärarzt Henry hat Selbstmord begangen – so sieht es jedenfalls aus – und Daniel sucht sein Heil in der Flucht. Baptiste glaubt, dass der Tod des Vaters ein getarnter Mord war, und die Desertation Daniels etwas mit den Entführungsfällen zu tun hat. Alles verweist auf einen Zwischenfall im Jahr 1991, der im Verborgenen Wellen bis in die Gegenwart schlägt. Zurück nach Eckhausen.

Julien Baptiste (samt Familie) ist das verbindende Element zwischen der ersten und zweiten Staffel von „The Missing“. Tony Hughes, der Vater des vermissten Oliver, wird zumindest erwähnt, mit Mark Walsh, dem ehemaligen Verbindungsbeamten und späteren Ehemann von Emily Hughes, führt Baptiste ein Telefongespräch, da er mittlerweile bei Interpol beschäftigt ist. Ansonsten haben die Autoren Harry und Jack Williams das Konzept der ersten Staffel auf den Kopf gestellt. Die verzweifelte Suche nach einem vermissten Kind steht nicht mehr ausschließlich im Mittelpunkt, sondern das, was passiert, wenn ein Entführungsopfer nach Hause zurückkehrt. Bei der düsteren Weltsicht, die „The Missing 2“ überzeugend bebildert, dürfte klar sein, dass eitel Sonnenschein weit entfernt ist.

Die komplexe Handlung hält einige Fußangeln und versteckte Fallen parat, Irrwege und Fehlurteile eingeschlossen. Doch bleiben die Handlungsweisen der Agierenden, bei aller dramaturgischen Verdichtung, äußerst nachvollziehbar und sind gerade, was die unterschiedliche Entwicklung der Entführungsopfer angeht, psychologisch fundiert.

Hier unterscheidet sich die zweite Staffel auch eklatant vom Vorgänger, wird doch dem Entführer, vor allem in der zweiten Staffelhälfte mehr Aufmerksamkeit geschenkt und er besser ins Geschehen integriert. Das exerziert „The Missing 2“ diesmal stringent durch: Die Zeitleiste ist von 1991 bis 2016 weit gesteckt, doch all die komplexen und komplizierten Machenschaften und Verwicklungen geschehen innerhalb einer überschaubaren Enklave. Eckhausen ist das Zentrum, der Irak und Vaaren (gedreht wurde in Monschau und nicht im realen Varen, wie es korrekt heißt) in der Schweiz sind nur flüchtige Punkte, in die es Menschen verschlägt, die längst untrennbar miteinander verbunden sind.

Natürlich gibt es Ähnlichkeiten mit dem Fall der Österreicherin Natascha Kampusch, die im Alter von zehn Jahren von dem arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Přiklopil entführt und acht Jahre im Keller gefangen gehalten wurde, bevor ihr die Flucht gelang. Die Serie schlachtet die Realität aber nicht plakativ aus, sondern folgt eigenen Erzählsträngen.

Die Zeitsprünge fordern die Zuschauer bereits von der ersten Folge an, es benötigt ein wenig Geduld und Einfühlungsvermögen, bis die Orientierung und Zuordnung hinhaut, dann wächst die Spannung auf mehreren Ebenen von Folge zu Folge kontinuierlich. Eingebettet in atmosphärische und kinoreife Bilder überzeugt die Serie auf fast allen Ebenen, steigert sich zur ersten Staffel sogar ein wenig, da offensichtliche Willkürlichkeiten vermieden wurden. Lediglich im Kleingedruckten gibt es Mängel, die der internen Dramaturgie geschuldet sind. So würde sich ein deutscher Beamter nie per SMS für ein paar vorm Dienst drücken, um Gedichte oder Lieder zu schreiben, wie es ein Kollege ausdrückt. This is Germany: Ausgefüllter Urlaubsantrag oder Krankenschein sind verpflichtend. Von Freunden und Verwandten, die einen aktiven Mann nicht eine Minute vermissen, ganz zu schweigen. Doch lassen wir es den englischen Autoren kulant durchgehen.

Zur exzellenten Bildgestaltung, dem wiederum vorzüglichen Soundtrack gesellt sich erneut ein schauspielerisches Ensemble, das seine Arbeit mit Bravour erledigt. David „Governor“ Morrissey gibt den Soldaten und Familienvater, der Wankelmut und Sturheit als Stärke ausgibt und doch nur von Angst und Sehnsucht nach einer heilen Welt dirigiert wird. Eine höchst ambivalente Rolle, die Morrissey präzise und ohne Hang zur Übertreibung spielt. Gleiches gilt für seine Gattin Gemma, gespielt von Keeley Hawes, die früh an der Echtheit ihrer wiedergekehrten Tochter zweifelt. Sie stellt sich ihren Ängsten und ihrer Nebenbuhlerin, arbeitet bereits mit Julien Baptiste zusammen, als ihr Mann noch vor Wut und Verleugnung birst. Wie schon in der ersten Staffel erweisen sich die Frauen im Team als die resoluteren, konsequenteren und mutigeren Charaktere, bereit, unangenehmen Wahrheiten ins Antlitz zu schauen, während die Männer noch mit ängstlichen Spiegelfechtereien beschäftigt sind.

Eve Stone, die Militärpolizistin und Geliebte David Websters, muss ebenfalls an vielen Fronten kämpfen. Ihr Vater der ehemalige Brigadier zeigt ab 2014 Symptome einer rasch fortschreitenden Demenz, zudem rückt er in den Fokus der Ermittlungen. Laura Fraser erledigt die Gratwanderung zwischen Verletzlichkeit, Widerborstigkeit und Mut überzeugend. Nur drei Beispiele aus einem durchweg eindrucksvollen Cast, der vorzüglich miteinander harmoniert. Oder disharmoniert, wo es nötig sein sollte.

Und dann gibt es noch das Bindeglied der Serie, Tcheky Karyo. Wie er den humpelnden, ab 2015 an einem Gehirntumor leidenden, vor Engagement – das an Fanatismus grenzt – berstenden Detektiv spielt, ist schlicht brillant. Ob polternd, filigran, ängstlich, verzweifelt liebend, wütend oder was auch immer, jede Geste, jede Bewegung, jeder Ausdruck sitzt, glaubhaft und ohne Allüren eitler Zurschaustellung. Seht Euch seine Filme an, hört seine Musik – ja, der Man nimmt auch klasse Alben auf – Karyo hat es verdient. Und dass er nicht den Bösewicht – wie so oft zuvor – geben muss, macht „The Missing“ in beiden Staffeln zu einem besonderen Genuss.

Kurzum, „The Missing 2“ hat aus den Fehlern der ersten Staffel gelernt, erzählt überzeugende Geschichten in einem stimmigen Setting, mit starken Schauspielern, voll visueller Kraft und nach kurzem Anfreunden mit der verschachtelten Erzählweise, enorm spannend. Kleinere Brüche und Logikfehler sind verzeihlich.

Cover & Szenenfotos © Pandastorm Pictures

  • Titel: The Missing
  • Originaltitel: The Missing
  • Produktionsland und -jahr: Belgien, Großbritannien, USA, 2016
  • Genre: Familiendrama, Thriller
  • Erschienen: 29.09.2017
  • Label: Pandastorm Pictures
  • Spielzeit:
    Rund 480 Minuten auf 3 DVDs
    Rund 480 Minuten auf 2 Blu-rays
  • Darsteller:
    Tchèky Karyo
    David Morrissey
    Keeley Hawes
    Abigail Hardingham
    Jake Davies
    Laura Fraser
    Roger Allam
    Anastasia Hille
  • Regie:
    Ben Chanan
  • Drehbuch: 
    Harry Williams
    Jack Williams
  • Kamera:
    Ole Bratt Birkeland
  • Musik:
    Dominik Scherrer
  • Extras:
    Behind The Scenes 1 + 2, Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video: 16:9 – 1.77:1
    Audio:
    Deutsch (Dolby Digital 5.1), English (Dolby Digital 5.1)
    Sprachen: D, GB
    Untertitel:
    D, GB,
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9 – 1.77:1
    Audio:
    Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D, GB
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zum Film
    Trailer „The Missing“ – Staffel 1

Wertung: 12/15 dpt (natürlich wieder vollfette 15/15 Tchèky Karyos)

 

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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