Radio Heimat (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Radio Heimat Cover (© Concorde)„Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezünd’t, schon angezünd’t.“

Wenn das Steigerlied erklingt, fangen die Augen der Ruhrpottler an zu leuchten. Traditionell singt auch Herbert Grönemeyer diese Zeilen, bevor er sein „Bochum“ schmettert. Ein Film über das Ruhrgebiet kann also kaum passender beginnen, als mit diesem Lied.

„Radio Heimat“ macht damit am Anfang erstmal alles richtig. Angesiedelt in den 1980er Jahren, um genau zu sein in Bochum 1983, begleitet der Film – basierend auf dem gleichnamigen, teils autobiographischen Buch von Pott-Liebling Frank Goosen – vier pubertierende Jungs auf der Suche nach sich selbst und nach der ersten Liebe. Frank (David Hugo Schmitz), Mücke (Maximilian Mundt), Pommes (Jan Bülow) und Spüli (Hauke Petersen) haben eigentlich nur ein Ziel: Mädchen aufreißen! Aber wie? Man könnte eine Band gründen – da liegen einem die Mädels doch zu Füßen. Aber erste Gehversuche im Bergarbeiter-Chor ersticken die Pläne schon im Keim. Eine weitere Möglichkeit der Damenwelt näherzukommen, wäre das Tanzen. Also machen sich die vier auf nach (im Pott geht man nicht „zu“, sondern „nach“ einem Ort) Bobby Lindens Tanzschule – über Jahrzehnte hinweg eine echte Institution in Bochum. Aber auch hier gestaltet es sich schwierig, das Ziel zu erreichen. Vor allem Frank, der ein Auge auf Carola (Milena Tscharntke), das schönste Mädchen der Schule, geworfen hat, verzweifelt fast bei dem Versuch, die Blondine auf sich aufmerksam zu machen. Zwischen Schrebergarten, Kellerpartys und Kneipe sinnieren die Freunde darüber, wie das nun eigentlich funktioniert mit der Liebe. 

Radio Heimat Szenenbild Hauptdarsteller (© Concorde)Der Film ist wie auch das Buch in verschiedene Kapitel eingeteilt. Erzählt wird die Handlung von einer Stimme aus dem Off – Frank im Erwachsenenalter, der auf seine Jugend zurückblickt. Neben dem unsichtbaren Erzähler, ergreift auch der junge Frank bisweilen selbst das Wort und spricht den Zuschauer direkt an, um eine zusätzliche Erklärung zum Geschehen abzugeben. Der Haupt-Plot der Coming-of-Age-Geschichte wird immer wieder von Rück- und Einblendungen unterbrochen, die das Erzählte auf witzige Weise aufgreifen und einen lebendigen Eindruck vom Leben im Pott vermitteln. So sehen wir beispielsweise, wie Franks Eltern sich in den 1960er Jahren kennen- und lieben lernen (auch sie haben bereits bei Bobby Linden getanzt). Oder wir lernen den „Laberfürsten“ kennen, der zu jeder Situation die passende Weisheit parat hat. Gespielt wird er von Uwe Lyko, besser bekannt als sein Alter Ego Herbert Knebel. Wer ihn kennt, kann sich vorstellen, dass es sich beim „Laberfürsten“ um einen ganz speziellen Schlag Mensch handelt: «Von nix ne Ahnung, aber immer große Fresse», bringt es bestens auf den Punkt. Seine Szenen gehören zu den Highlights des Films und entlocken dem ruhrgebietsliebenden Zuschauer laute Lacher. Charaktere wie ihn trifft man auch heute noch im Pott.

„Radio Heimat“ sprüht gerade zu Beginn nur so vor jeder Menge Lokalkolorit und besticht durch seine originalgetreue Ausstattung – von der Kleidung bis zur Wohnungseinrichtung im sogenannten „Gelsenkirchener Barock“ (wuchtige Holzschränke). Insbesondere die erste Hälfte des Films zeichnet sich durch viel Witz aus und zeigt auf charmante Weise, was für ein außergewöhnliches Fleckchen Erde der Ruhrpott ist. «Aber auf ner Kohlehalde stehen, sich umgucken und sagen: „Wat ne geile Gegend“ – dafür muss man von hier sein.» Die Menschen aus dem Ruhrgebiet lieben ihren Pott und finden Schönheit in Ecken, in denen andere nicht einmal suchen würden. „Radio Heimat“ greift diesen speziellen Blick auf und zeigt alles, was den Pott ausmacht – ob Halden, Fördertürme, Schrebergärten, Buden, Partykeller, den König Fußball oder Kneipen. All das in so liebevollen Bildern zu sehen, untermalt vom wunderbar eigenwilligen Dialekt (und der Musik der 80er, inklusive NDW), lässt das einheimische Herz ein wenig höher schlagen. In diesen Momenten ist der Film sogar charmanter als das Buch. Allerdings folgt hier nun auch das große Aber:

Goosens Buch ist eine humorvolle Sammlung von in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten und realen Anekdoten aus seiner Jugend in Bochum. Im Film finden nicht nur die Anekdoten Raum, sondern es wird ein Hauptcharakter (Frank, entlehnt aus Goosens Roman „Mein Ich und sein Leben“) eingeführt und versucht, der Handlung einen roten Faden zu verleihen, um eine runde Geschichte zu erzählen. Dies gelingt zwar im Großen und Ganzen, nimmt der Erzählung aber leider auch die Kurzweil und streckenweise den Humor. Anfangs dank zahlreicher Ruhrpott-Originale, der derben Mundart und der originalgetreuen Szenerie noch sehr witzig und unterhaltsam, driftet der Film leider zunehmend in die Langeweile ab. Der typische Ruhrgebiets-Charme geht zum Ende hin verloren und übrig bleibt eine mehr oder weniger gewöhnliche Teenie-Liebesgeschichte, die wenig Besonderes enthält. Der Abspann reißt es dann zum Schluss noch einmal ein wenig heraus, indem er ein paar ebenso ruhrgebietstypische wie schräge Typen zu Wort kommen lässt, die auf ihre ganz eigene Art vom Leben im Pott erzählen.

Genau dort, bei den porträtierten Menschen, liegt dementsprechend eine der Stärken des Films. Hier hat der Regisseur und Drehbuchautor Matthias Kutschmann gut daran getan, Schauspieler zu verpflichten, die ihre Wurzeln im Ruhrgebiet haben und das Lebensgefühl somit besonders überzeugend transportieren können. Und nicht nur das: Der Cast liest sich wie ein Who-is-Who der Pott-Größen. Ralf Richter, Martin Semmelrogge, Elke Heidenreich, Ingo Naujoks, Peter Nottmeier, Willy Thomczyk, Hans Werner Olm, Peter Lohmeyer und Uwe Lyko, alias Herbert Knebel – selbst die kleinsten Rollen sind mit bekannten Namen besetzt. Einige von ihnen sind echte Urgesteine des Ruhrgebietsfilms (unvergessen und im Pott bis heute gefeiert zum Beispiel Ralf Richter als Kalle Grabowski und Martin Semmelrogge als Schlucke in „Bang Boom Bang“), die die Handlung noch authentischer machen.

Radio Heimat Szenenbild (© Concorde)An Authentizität mangelt es „Radio Heimat“ also nicht. Auch im Making-of steht die Region noch einmal im Mittelpunkt und die Schauspieler erklären, was für sie die Menschen und das Leben tief im Westen ausmacht. Hier ist man bodenständig, hat das Herz am rechten Fleck und trägt es zusätzlich meist auch auf der Zunge, man ist direkt und sagt, was man denkt, ist manchmal derbe – vor allem, was die Sprache betrifft: «Du altet Arschloch» beispielsweise ist im Ruhrgebiet nicht zwingend eine Beleidigung, sondern einfach eine nett gemeinte Ansprache unter Freunden. Heimatverbundenheit und Traditionen werden hier großgeschrieben und der Fußball ist das liebste (Streit-)Thema, das die Region in Blau-Weiß und Schwarz-Gelb spaltet. Und, um diese Chance einfach mal ganz unverblümt zu nutzen, der Pott ist wunderbar grün!

Aber zurück zum Film beziehungsweise den Features der DVD- und BluRay-Fassung. Diese sind insgesamt ein wenig dürftig ausgefallen. Eine Setführung, sehr übersichtliche Outtakes und ein Featurette lassen hinter die Kulissen blicken – allerdings wiederholt sich hier das eine oder andere. Sehenswert sind insbesondere die Sequenzen, in denen die Schauspieler zu Wort kommen und erzählen, wie sie die Dreharbeiten erlebt haben.

Fazit: „Radio Heimat“ nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise ins Bochum der 1980er Jahre und zeigt auf liebevolle Weise, was den Pott und seine Einwohner besonders macht. Auch, wenn der Film vieles aus dem Buch aufgreift, lässt er nach einem sehr unterhaltsamen Start leider zunehmend nach und büßt zum Ende hin den anfänglichen Charme ein. Für Einheimische und Menschen, die das Ruhrgebiet lieben, ist er aber dennoch sehenswert, um ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen und den typischen Pott – manches hat sich bis heute nicht geändert – zu erleben. Genügend Gelegenheiten zum Schmunzeln gibt es, vor allem in der ersten Hälfte, allemal.

Und immer daran denken: Woanders is‘ auch scheiße!

Cover © Concorde Filmverleih

  • Titel: Radio Heimat (Gesamttitel: Frank Goosens Radio Heimat. Damals war auch scheiße!)
  • Produktionsland und -jahr: Deutschland, 2015 (DVD/Blu-ray 2016)
  • Genre:
    Komödie, Coming-of-Age
  • Erschienen: 11/2016 (DVD/Blu-ray 05/2017)
  • Label: Concorde Filmverleih 
  • Spielzeit:
    82 Minuten auf 1 DVD
    85 Minuten auf 1 Blu-ray
  • Darsteller:
    David Hugo Schmitz
    Maximilian Mundt
    Jan Bülow
    Hauke Petersen
    Milena Tscharntke
    Marie Bloching
    Elke Heidenreich
    Heinz Hoenig
    Stephan Kampwirth
    Anja Kruse
    Peter Lohmeyer
    Uwe Lyko
    Petra Nadolny
    Ingo Naujoks
    Peter Nottmeier
    Hans Werner Olm
    Ralf Richter
    Martin Semmelrogge
    Willy Thomczyk
  • Regie: Matthias Kutschmann
  • Drehbuch: Matthias Kutschmann
  • Kamera: Gerhard Schirlo
  • Schnitt: Georg Söring
  • Musik: Riad Abdel-Nabi
  • Extras:
    Making-of
    Setführung
    Outtakes
    Featurette
    Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9 – 2.35:1
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9 – 2.35:1
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 8/15 Glück aufs

 


Über den Autor

Jasmina Driller


Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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