Vietnam (Dokumentation, 3 DVD)

0
1
0

 „Vietnam“: Es ist einer dieser Begriffe, die ganze Bedeutungskomplexe im kollektiven Gedächtnis ansprechen. Dokumentar-Regisseur Ken Burns bringt es angemessen auf den Punkt: „Der Vietnam-Krieg ist der Schlüssel, um Amerika zu verstehen“. Selten geht es in den Gesprächen um das Land und deren BewohnerInnen, sondern um all die Symbole, die Stellvertreterkämpfe und das Medienspektakel, das sich um Vietnam entwickelte. Burns schafft es dennoch, sich dem wahren, menschlichen Kern zu nähern und die Komplexität des Krieges für das TV-Format aufzubereiten. Dafür braucht er im Original 18 Stunden, ein wahrlich monumentales Werk, das dank arte zeitgleich mit der US-Ausstrahlung nach Deutschland kommt. Leider mit dem Preis einer radikalen Kürzung, auch im DVD-Format (erscheint bei Eurovideo Medien).

Ken Burns ist eine amerikanische Ikone, was in etwa genauso verwundert, wie dass seine Werke in Deutschland kaum erhältlich sind. Seit Anfang der 1980er-Jahre beschäftigt sich Burns intensiv mit dem Schlüssel zur US-amerikanischen Identität, aber eben nicht aus der überschwänglich patriotischen (und verklärenden) Warte der Hollywood-Kollegen. Egal, ob „Jazz“, „Baseball“, „The Civil War“ oder der Zweite Weltkrieg in „The War“, immer werden die bitteren Seiten der amerikanischen Geschichte einbezogen, wie es in jedem Diskurs dazugehört. Dementsprechend mühsam müssen die letzten zehn Jahre gewesen sein, die Zeit, die es gebraucht hat, um „The Vietnam War“ auf die Beine zu stellen.

Zusammen mit Kollegin Lynn Novick gab Burns die Richtung für das monumentale Projekt vor, für das mehr als 1500 Stunden Filmmaterial durchforstet und 79 Zeitzeugen interviewt wurden. Durch die typisch Burns’sche Herangehensweise ist „Vietnam“ ein 18 Stunden-Koloss geworden, der in seinen Ausmaßen und mit seinem belastenden Inhalt erst einmal verdaut werden will. Eine abermals übermenschliche Leistung, die dadurch gekrönt wird, dass es dem Team tatsächlich gelingt, die Komplexität des Kriegs zumindest verständlicher zu machen. Der traditionelle Dokumentationsstil aus Originalmaterial und neuen Interviews stellt das Sujet in den Vordergrund, zu keiner Zeit gerät das Werk zu einer Demonstration des eigenen Könnens.

Auch wenn vollkommene Objektivität nicht möglich ist, schaffen es Burns & Co. alle Standards des Dokumentations-Genres einzuhalten. Umso erstaunlicher ist es da, dass „Vietnam“ durchweg von einem Antikriegs-Vibe umgeben zu sein scheint. Die clever eingebundenen Interviewten, die in ihren Rollen von direkt zu indirekt Betroffenen changieren – als Einzelschicksal in das Kollektiv aufgenommen werden – und über die gesamte Spielzeit an verschiedenen Stellen auftauchen, sprechen sich fast ausschließlich gegen den Krieg aus. Mittlerweile ist der Diskurs über den Konflikt eindeutig gekippt, was die Dokureihe mit Nachdruck zeigt: Vietnam ist der Inbegriff der Sinnlosigkeit von kriegerischen Handlungen. Geld, Menschenleben, geistige wie körperliche Gesundheit, Liebe, all das ist von der Bestie verschlungen worden, um der Politik, um der Ideologie und der Egos willen. Ohne Ziel, ohne Aussicht auf Erfolg verlor der Konflikt jegliche Leitlinien aus dem Blick. Massaker an Unschuldigen, der Einsatz von Napalm und Agent Orange, Waterboarding, Polizeigewalt in den USA, Drogenabhängige Soldaten, all das forderte Millionen von brutal Gefolterten, Verletzten und Getöteten. Leid, das nicht nachzufühlen ist, es kann nur abgebildet werden. „Vietnam“ verzichtet auf allzu brutale Bilder von verstümmelten Leichen, ansonsten bleiben die MacherInnen kompromisslos, was das Wiedergeben von unmenschlichen Details des Kriegs angeht.

Konsequenterweise legt Burns gleich zu Beginn eine versteckt gehaltene Wunde frei. Konflikte um Indochina entwickelten sich bereits im 19. Jahrhundert mit der Besetzung Vietnams durch die Kolonialmacht Frankreich im Jahr 1858. Was folgte, war eine fast 100 Jahre währende Auseinandersetzung um die strategisch wichtige Region und das Land, das mit der Unabhängigkeit, aber auch der Teilung Vietnams endete. Die Franzosen zogen zermürbt ab, sie hatten die VietnamesInnen unterschätzt und sich dem zähen Kampfgeist ergeben. Statt aber diese schmerzhafte Lehrstunde von den europäischen Partnern zu übernehmen, schickten sich die Amerikaner an, im Kampf gegen den Kommunismus die Vorreiterrolle für die Mächte der freien Welt zu übernehmen und Südvietnam zu unterstützen.

Gegen alle (geheim gehaltenen) Ratschläge und die immer weiter sinkende Wahrscheinlichkeit auf einen Sieg, engagierten sich die USA fast zehn Jahre an einer Militäroperation in Vietnam. Es sollte eine Dekade des Schmerzes werden, aber auch eine, die Amerika und die Welt veränderte. Agent Orange, Napalm, Body Count, die berühmten Fotos und Videos, My Lai, Hippies, 68er, Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegungen, Rockmusik, Kennedy, Nixon, Ho-Chi Minh, all das ist mit Vietnam verbunden. Eine Auflistung der seitdem erschienenen Populärkultur-Werke würde Bände sprechen über das kollektive Gedächtnis, das von Vietnam gar nicht zu trennen ist. Logischerweise spricht Ken Burns in diesem Zusammenhang vom „Schlüssel, um Amerika verstehen zu können“. Ein Amerika, das sich auf die Kraft seiner Bürgerschaft verlassen kann, das sich auflehnt gegen die Sinnlosigkeit. Auf die Parallelen zur aktuellen politischen Lage der Spaltung in den USA angesprochen, zitiert Ken Burns Mark Twain: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“. Nach zehn Jahren Produktion hätte es dabei auch mit dem Teufel und anderen bösen Geistern zugehen müssen.

Die Geschehnisse in Vietnam strahlten auf die ganze Welt, aber was dabei regelmäßig zu kurz kommt, ist die Seite der VietnamesInnen. Was sie verloren haben, was sie erlitten, wohin sie fliehen mussten, wird viel zu selten thematisiert. Wenn man bedenkt, dass es um ihr Land geht, ist das eine perverse Wendung der Geschichtsschreibung. Auf den Sieg Nordvietnams und des Kommunismus folgten Wirtschaftskrisen und Hunger, bis sich das Land öffnete und – auch amerikanische – Devisen zu einer Stabilisierung führen. Auch wenn sei gewonnen haben, so haben die Amerikaner ihnen auch noch die Deutungshoheit über sich selbst genommen.

Amerika überwiegt, allerdings schaffen es Burns und Novick, beide Seiten zu beleuchten. Worin das Ungleichgewicht begründet liegt, ist schwer festzustellen. Vietnam ist von einer anderen Kultur geprägt, mit Emotionen wird reserviert umgegangen. Es ist schwer, an diesen Kern heranzukommen, gerade wenn den stillen und höflichen AsiatInnen die theatralischen, medial geübten AmerikanerInnen gegenübergestellt werden. Es könnte aber auch daran liegen, dass hierzulande nur eine radikal gekürzte Version von „Vietnam“ erhältlich ist. Statt 18 gibt es „nur“ fast acht Stunden zu sehen, statt zehn Folgen à ca. 90 Minuten nur neun à etwa 50.

Immerhin hat es arte geschafft, die Dokureihe nach Deutschland und Frankreich zu holen und auch noch so zu bearbeiten, dass sie parallel zum US-Start Ende September im Fernsehen zu sehen war. Woran die Verkürzung festzumachen ist, wurde bislang nicht bekannt gegeben, es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass es an Geld und noch mehr an Zeit mangelte, um das Projekt in seinem vollen Umfang zu bearbeiten. Dementsprechend schwierig ist es, Ken Burns‘ Version von „Vietnam“ zu bewerten (beispielsweise ob 18 Stunden nicht doch zu lang sein könnten), aber auch die Kürzungsleistung der (deutschen?) BearbeiterInnen. Wurden die richtigen Entscheidungen getroffen? Ist ein Abschneiden überhaupt möglich? Falls das in der Kürze der Zeit in den Händen von Außenstehenden lag, ist auch eine Kürzung eine enorme Leistung, eingeschlossen die Übersetzung und das Einsprechen u.a. durch den deutschen Erzähler, dem Schauspieler Joachim Król. Vielleicht wäre ein späterer DVD-Release mit der gesamten Dokumentation sinnvoll gewesen, wahrscheinlich liegt es aber tatsächlich am Budget.

Das hat für Burns wiederum keine Rolle gespielt. Über 30 Millionen US-Dollar hat „Vietnam“ verschlungen, allerdings profitiert der „Dokumentarier“ auch von seiner Strahlkraft. Der Soundtrack liest sich wie ein Best Of The Best Of-Mixtape 1964-1973. Beatles, Stones, Dylan & co. müssen demnach entgegenkommend auf viel Geld verzichtet haben, damit die Stimmung der Jahre angemessen eingefangen werden konnte. Hinzu kommt ein Score von Trent Reznor und Atticus Ross, der die bekannten Stärken des gefragten Duos in sich trägt: ruhige Piano-Klänge und industrieller Noise unterstützen das Gezeigte und unterstreichen hier im Besonderen die Unausweichlichkeit des Kriegsgeschehens. Es kratzt und dröhnt wie die Schüsse und Bomben, wie Metall auf Metall, aber auch in den ruhigen Minuten können die Beteiligten nicht abschalten, immer und überall lauert und wabert etwas im Dschungel oder im eigenen Inneren – bis heute. Kenner von Reznors Werk werden ab und an zusammenzucken, denn neben neuem Material kommen sowohl alte Soundtrack- als auch Nine-Inch-Nails-Stücke zum Zug. Das geht in Ordnung, auch wenn ‚Pieces Form A Whole‘ vom „Social Network“-Score doch etwas zu oft als Lückenfüller genutzt wird. Vielleicht liegt aber auch dieser Eindruck in der Straffung des Originalmaterials begründet.

Die dichte Acht-Stunden-Version von „Vietnam“ endet auf einer positiven Note und zeigt die Versöhnung zwischen Amerikanern und Vietnamesen, trotzdem wird all das Schrecken, das durch die Vertreibung, Vergiftung, (geistige) Verletzung und Vereinnahmung durch die amerikanische Kultur bis heute anhält, das Bild vom Vietnam-Krieg lange prägen. Aber vielleicht liegt gerade darin eine Lehrstunde, ein weiterer Schlüssel für das heutige Amerika und die ganze Welt: Lasst so etwas wie Vietnam nie wieder geschehen. Auf das kollektive Kopfschütteln muss kollektive Opposition folgen.

FAZIT: „Vietnam“ ist in jeder Hinsicht ein Schwergewicht. 18 Stunden zählt die originale Dokumentationsreihe von Ken Burns und Lynn Novick über den Vietnam-Krieg und seine entsetzlichen Implikationen. Arte (und Eurovision Medien für den Homevideo-Markt) bringen das Werk gleichzeitig zum US-Start nach Deutschland, allerdings in einer deutlich abgespeckten Acht-Stunden-Version. Ein endgültiges Urteil über die Leistung von Burns & Co. ist dementsprechend nicht möglich, die bearbeitete Version zeigt jedoch in ihrer Dichte das Phänomen Vietnam-Krieg mit wichtigen Details, die häufig von der populärkulturellen Aneignung überschattet werden. Zwar ist auch „Vietnam“ mit fantastischer Musik ausgestattet, doch der Burns’sche Dokumentationsstil zeigt möglichst objektiv, wie die Reaktionen auf den Vietnam-Krieg einzubetten sind, nämlich in die realen Kriegsereignisse. „Vietnam“ ist alles, was von einer Kriegsdokumentation zu erwarten ist und wird ganz automatisch zu einem Plädoyer gegen jegliche Sinnlosigkeit in Form von zukünftigen kriegerischen Handlungen. Eine schmerzhafte Tour de Force, die zu permanentem Kopfschütteln führt, die aber gerade dadurch ein unverzichtbarer Beitrag zur Geschichte darstellt – und zufällig so sehr gebraucht wird, wie selten zuvor.

Bild und Cover © Eurovideo Medien/arte

  • Titel: Vietnam
  • Originaltitel: The Vietnam War
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2017
  • Genre:
    Dokumentation
    Krieg
  • Erschienen: 05.10.2017
  • Label: Eurovideo Medien/arte
  • Spielzeit:
     
    468 Minuten auf 3 DVDs
  • Regie: Ken Burns, Lynn Novick
  • Musik: Trent Reznor and Atticus Ross
  • Extras:
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9 anamorph
    Sprachen/Ton
    :
    D
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
Print Friendly, PDF & Email
1
0

Über den Autor

1
0

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

∇ mehr über Norman R/Kontakt
Print Friendly, PDF & Email
1
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

Vietnam (Dokumentation, 3 DVD)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
0