Dominik Eulberg – Mannigfaltig (Digital, Vinyl, CD, Memoryspiel)

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Ökologie und elektronische Musik – passt das zusammen?

Dominik Eulberg ist seit jeher bekannt dafür, wenn man diese beiden Begriffe zusammenführen will. Sogar ein Studium in dieser Richtung hat er absolviert und setzt sich in der Gegenwart aktiv für den Schutz der heimatlichen Natur ein. Er lebt zurückgezogen in einer kleinen Gemeinde nahe oder sogar in einem Naturschutzgebiet, welches im Westerwald gelegen ist. Dort produziert er auch seine musikalischen Werke, die seit jeher Fans elektronischer Musik auf der ganzen Welt begeistern. Sei es auf Festivals, auf denen er mit seinen elektrisierenden und träumerischen Sets stets die Hütte einreißt oder zu Hause, wo man sich seine Musik auch ganz gemütlich anhören kann. Denn Dominik Eulberg beherrscht viele Spielarten der Musik aus dem Computer und kann von Ambient bis Techno alles bedienen, was er auch auf seinem neuen Album „Mannigfaltig“ zelebriert.

Sensibilisierung für die Natur über die Musik

Acht Jahre sind ins Land gezogen seit dem Erscheinen von seinem letzten Album „Diorama“, welches zum damaligen Zeitpunkt Maßstäbe gesetzt hat und im Jahr 2011 mit zu den besten Alben des Jahrs zählte und auch heute noch sehr frisch klingt. Doch in dieser langen Zeit war der Produzent nicht untätig. Unzählige EPs, die Gründung des eigenen Labels „Apus Apus“ und sogar die Veröffentlichung eines Vogelquartetts namens „Fliegende Edelsteine“ nahmen ihn in Anspruch. Laut eigener Aussage war er nun wieder bereit, ein Album in Angriff zu nehmen, um seine Anliegen in Naturdingen den Menschen näher zu bringen.
Aktuell geht es auch ökologisch auf unserer Welt drunter und drüber, Arten sterben massenweise aus, der große Insektenexodus ist ein Thema und vieles mehr steht immer wieder in den Nachrichten (Stichwort Waldsterben, Brände in Brasilien, Klima). Es war schon immer Dominiks Anliegen, über seine Musik den Menschen die Phänomene der Natur näher zu bringen. Auf der aktuellen LP verfolgt er das Konzept stringenter als sonst schon immer. Der Kontext heimische Flora stand zwar schon immer Pate für seinen musikalischen Output, aber nie so direkt wie für das aktuell Album, die Tracks tragen sogar Bezeichnungen von heimischen Arten, wie sie wirklich in der Natur vorkommen und dabei hat er Tiere gesucht, die eine Zahl in ihrem Namen tragen (auch wenn es einmal um die Ecke gedacht ist) und diese genau mit dem jeweiligen Track verbunden. So tragen diese Titel Namen wie „Fünffleck-Widderchen“, „Neuntöter“ oder „Dreizehen-Specht“. Alles Tiere die es wirklich so gibt und die Vielfältigkeit der Natur präsentieren sollen. Doch ist die Musik genauso mannigfaltig wie das Konzept?

Musik mit intensiven Emotionen

Wer sich etwas detaillierter mit elektronischer Musik beschäftigt, der weiß, dass es in dem Metier der Musik aus der Kiste mit Bits und Bytes unzählige Spielarten gibt, die von Ambient bis hin zu hartem Geklöppel mit 160 Schlägen in der Minute und mehr reichen. Es ist alles eine Geschmacksfrage und man muss nicht alles mögen. Seit Dominik Eulberg auf der Bühne der Öffentlichkeit aufgetaucht ist, macht es seine Musik aus, dass er viele Arten dieser Musik ausprobiert. Hauptsächlich zwar im Bereich des melodischen Minimal oder auch Techno mit Tranceanleihen, aber auch härtere Gangarten beherrscht er innerhalb der Genres  elektronischer Tanzmusik und lotet diese aus. Mal hat das etwas weniger gut funktioniert („Bionik“ – wobei anzumerken ist, dass die Tracks im Vergleich zu anderen Sachen immer noch sehr hochwertig klingen), mal so gut, dass er ein Album geschaffen hat, was man sich immer wieder anhören kann („Diorama“). Seitdem hat er seine Linie gefunden, in welche Richtung seine Musik ungefähr gehen soll. Er kombiniert die Beats mit eingängigen Melodien, legt immer genau die Menge an Tonspuren in einen Track, damit es reichhaltig, aber nicht übersättigt klingt. Mit „Mannigfaltig“, soviel kann vorweg genommen werden, hat er diese Art der Produktion zu einer Perfektion getrieben, dass einem der Mund vor Staunen offen steht. Nicht umsonst hat er seit der Ankündigung Ideen für ein neues Album zu haben bis zur Veröffentlichung mehr als zwei Jahre benötigt, um die nun vorliegenden zwölf Tracks fertig zu bekommen.
Die einzelnen Tracks haben jeweils ein Tier aus der heimischen Fauna als Thema. Es ist ihr jeweiliger Hauptlink und Dominik Eulberg kreiert für jedes Tier eine ganz eigene Charakteristik, die sich aus einem Soundschnipsel oder einfach einer Idee in seinem Kopf ergeben haben mag. Das verknüpft er mit einer solchen Intensität an Emotionen, dass einem beim Hören regelmäßig Sehnsuchtsanfälle nach der Natur überfallen oder auch ein wenig die Tränen fließen. Ganz besonders ist das der Fall, wenn diese Musik in genau dem Kontext hört, wo er entstanden ist – in der Natur bei einem Spaziergang ist oder dem Betrachten von einem schönen Sonnenaufgang oder … – hier darf gern jeder eigene Erlebnisse einfügen. So berührt diese Musik auf einer ganz besonderen Ebene, die man nicht erklären kann, sofern man dafür zugänglich ist. Auf der Ebene eines Clubs funktionieren die wenigsten der Tracks von dem neuen Album, versprechen dafür aber umso mehr ein Hörerlebnis der besonderen Art. Man merkt allen zwölf Titeln an, wieviel Arbeit da drin steckt. Sie sind perfekt produziert, aber nicht abweisend kalt, strahlen vielmehr eine Wärme und Fröhlichkeit aus, dass einem beim Hören das Herz vor Freude hüpft.

Starkes Gesamtkonzept getragen von der Vielfältigkeit der Natur

Doch wie klingen nun die einzelnen Titel? Gibt es da gute und schlechte Tracks? So richtig einzuordnen ist das nicht, da alle etwas Besonderes an sich haben und jeder mit seiner eigenen Hörerfahrung ausmachen muss, welchen er Gefallen entgegenn bringt und welche eher nicht so gut funktionieren. Beim ersten Durchhören fällt auf, dass dieses Album entgegen den Vorgängern sehr ruhig geraten ist und eher nicht auf die Tanzflächen der hiesigen Clubs schielt. Ein zweiter Punkt, der positiv ins Auge fällt, ist die Länge des Albums und der einzelnen Titel. Entgegen dem Trend der letzten Monate hat dieses Album eine Gesamtlänge von 87 Minuten und bis auf zwei Tracks sind alle länger als 6 Minuten. Bis es jedenfalls soweit ist, dass der erste tanzflächenfüllende Beat ertönt, ist schon gut eine halbe Stunde vergangen (sofern sich an die Trackliste gehalten wird – was unbedingt zu empfehlen ist). Doch wer meint, dass in dieser ersten halben Stunde nichts passiert und die Langeweile Einzug hält, der irrt gewaltig, denn gerade lange Tracks sind Eulbergs Spezialgebiet.
Da schwirrt sehr zart die „Eintagsfliege“ um einen herum, säuselt der „Zweibrütige Scheckenfalter“ Melodien ins Ohr, tanzt der „Dreizehenspecht“ keck um einen herum oder lässt der Vierfleck das große Streicherkino auffahren. Bis hierhin ist alles noch sehr ruhig gehalten und trotzdem sehr eingängig und großartig gestaltet. Der erste etwas schnellere Track, zumindest in seiner zweiten Hälfte, ist das „Fünffleck-Widderchen“, welches mit seinen polyrhythmischen Sequenzen (der Rezensent hat sich das vom Künstler mal erklären lassen – eine Art Mehrstimmigkeit der Tonspuren, die übereinander gelegt werden) den Eindruck erweckt, dass hier kein üblicher 4/4 Takt vorliegt und sich erst später mit dem in den Vordergrund rücken des Beats eine klare Linie bekommt. Einer der ganz starken Tracks unter vielen starken, der so richtig unter die Haut geht, vielleicht etwas irre klingt, aber gerade deswegen sehr einprägsam ist. Nachdem das Widderichen im letzten Drittel das Tempo ein wenig angezogen hat eröffnet dann die „Sechslinien-Bodeneule“ die Tanzfläche mit dem für Eulberg so typischen melodischen, rockenden Techno, der sich auch beim „Siebenschläfer“ wiederfindet, allerdings mit einem fetten Grinsen im Gesicht (nach dem Hören werdet ihr Wissen warum). Zum Ausschütteln der Beine eignet sich dann die „Goldene Acht“ ein zartes, aber dennoch reichhaltiges Buffet an Sequenzen, welches seinem Namensgeber alle Ehre macht und mit das stärkste Stück auf dem ganzen Album ist, reichhaltig und emotional. Das dazugehörige Video, welches vom bekannten Naturfilmer Jan Haft („Die Wiese“, „Magisches Island“) stammt ist dazu auch sehr sehenswert und weckt besondere Emotionen. Bevor es danach wieder ruhiger wird, haut der „Neuntöter“ mit minimalistischen Mitteln auf die Zwölf. Der „Zehnpunkt-Marienkäfer“ steht ebenfalls auf dem Treppchen der richtig guten Tracks. Ein 11minütiger ruhig vor sich hin pluckender Titel, der aber zu keiner Sekunde langweilig wird, da innerhalb dieser Zeit immer wieder neue Melodien oder Synthiesounds dazu kommen oder gehen und diesem Tier ein kleines musikalisches Denkmal setzen. Das „Elfenbein-Flechtenbärchen“ und der „Zwölfpunkt-Spargelkäfer“ geleiten dann ruhig und gewitzt aus dem grandiosen Hörerlebnis heraus. Gerade letzterer Titel erinnert mit seinem Pluckern ein wenig an den „Aeronaut“ von Diorama, allerdings variiert Dominik Eulberg dieses Grundsäuseln so geschickt und kreiert daraus eine gänzlich andere Charakteristik.

Album des Jahres – mindestens

Es ist sehr gut zu erkennen, dass dieses Album die Vielfältigkeit der Natur widerspiegelt, was in der Arbeit von Dominik Eulberg immer wieder seine Fortsetzung finden wird. Als Schreiber solcher Zeilen lehnt man sich oft mit Ankündigungen weit aus dem Fenster, dass dieses oder jenes das Album des Jahres ist und vielleicht darüber hinaus prägend für einer längere Zeit sein wird. Bei „Mannigfaltig“ kann diese Aussage getrost getroffen werden, zumindest im persönlichen wird dieses Album eines auf Lebenszeit und immer wieder gehört, doch auch für in der öffentlichen Meinung sollte diesem Album mindestens in den Jahresrückblicken Beachtung geschenkt werden, gerade in Verbindung mit diesem grandiosen Gesamtkonzept. Es wäre Dominik Eulberg zu wünschen, dass auch die großen Feuilletonressorts der Zeitungen auf dieses Werk aufmerksam werden, damit er seine Ziele in Sachen Naturschutz und den Menschen ökologisches Verständnis näher zu bringen, noch besser verfolgen kann (was in der Zwischenzeit mit einem Artikel in der Zeit geschehen ist).

P.S.: Eine etwas ungewöhnliche Darreichungsform

Und damit nicht genug. Wenn das Wort Gesamtkonzept in den Mund genommen wird, dann darf auch eine etwas ungewöhnliche Darreichungsform für das Album nicht unerwähnt bleiben. Weiter oben wurde schon das Quartett „Fliegende Edelsteine“ erwähnt, was nun im Kontext des Albums eine Art Fortsetzung gefunden hat. Für „Mannigfaltig“ wurde ein Memoryspiel erdacht, welches alle zwölf Tierarten des Albums enthält und dazu noch einen Code, über den man kann sich die Tracks auf die eigenen Abspielgeräte ziehen und nebenher eine Partie Memory spielen kann. Eine etwas andere, sehr gründlich durchdachte Herangehensweise Musik und Spiel miteinander zu verbinden. Volle Empfehlung.

Wertung: 13/Dreizehn – Streifenhörnchen

(um das Tier innerhalb der vom Album vorgegebenen Zählweise unterzubringen, wurde die Wertungsskala ein wenig umgedeutet – 100% bleibt es trotzdem)

  • Tracklist:
    • Eintagsfliege
    • Zweibrütiger Scheckenfalter
    • Dreizehenspecht
    • Vierfleck
    • Fünffleck-Widderchen
    • Sechslinien-Bodeneule
    • Siebenschläfer
    • Goldene Acht
    • Neuntöter
    • Zehnpunkt-Marienkäfer
    • Elfenbein-Flechtenbärchen
    • Zwölfpunkt-Spargelkäfer

Über den Autor

Marc Richter


„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“ (Stephen King „Der Mann in Schwarz“) – wenn ich sage, dass ich von Kindesbeinen an lese, dann ist das sicher verklärt durch Erzählungen der Eltern/Großeltern oder auch das schwache Langzeitgedächtnis. Vielmehr war ich ein Lesemuffel, nicht anders lässt sich erklären, warum ich lieber Lustige Taschenbücher statt richtige Bücher gelesen habe.
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von Marc Richter Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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