Michael Jensen – Totenland (Buch)

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Packende Geschichtsstunde trifft soliden Krimi

April 1945. Kattrup, ein kleines Dorf im Norden Schleswig-Holsteins. An einem Feldweg, der zu Paul Lesslings Hof führt, wird die Leiche von dessen Bruder Gerhard gefunden, dem mit großer Gewalteinwirkung der Schädel zertrümmert wurde. Die Brüder waren verhasst. Paul führte den elterlichen Hof, Gerhard brachte es zum stellvertretenden Kreisleiter der NSDAP von Flensburg-Land. Gerhard Lessling war regelmäßig zu Besuch in Kattrup, gemieden von den Dorfbewohnern, aber auch vom Bürgermeister, der ebenfalls der Partei angehört. Der Polizist Paul Hansen hat normalerweise wenig bis gar nichts zu tun und so wendet er sich im ersten Schock an Inspektor Jens Druwe, den Revierleiter der Ordnungspolizei in Glücksburg, obwohl eigentlich die Kripo Flensburg zuständig wäre. Man kennt sich von früher. Druwe war einst ein großer Name bei der Kripo in Hamburg und in Berlin, doch da er sich weigerte Karriere zu machen, sprich in die SS einzutreten, wurde er an die Front geschickt. In der Nähe von Stalingrad verlor er seine rechte Hand. In Glücksburg fühlt er sich hoffnungslos unterfordert und steigt in die Ermittlung ein. Endlich Action. Paulsen soll es auf die schlechten Telefonverbindungen schieben und Flensburg erst in ein paar Stunden anrufen.

„Sind unruhige Zeiten. Neulich haben irgendwelche Kerle dem Hinnerk seine Hühner gestohlen. Ich mach am Tag drei Runden. Ganze Gemeinde. Das gibt den Leuten Sicherheit, Herr Inspektor.“
„Paulsen.“
„Ja, Herr Inspektor?“
„Was wollen Sie?“
„Oh. Richtig. Hier ist ein Toter.“

Auf dem Hof von Lessling findet Druwe den aus dem Konzentrationslager Fuhlsbüttel geflohenen Ludwig Steinfeld. 1933 verhaftet, da er Jahrelang Mitglied der KPD, später der SPD war. Einen Prozess gab es in den ganzen zwölf Jahren seiner Haft nicht. Um eine ebenfalls bei Lessling versteckte jüdische Familie zu retten, nimmt er Steinfeld als Verdächtigen fest. Sehr zur Freude der Flensburger Ermittler Hans Oberbauer und Peter Jünger. Für Jünger, einen strammen Gefolgsmann des Führers, ist der Fall ohnehin klar: Der Volksschädling war es. Dabei muss selbst Jünger einsehen, dass der völlig entkräftete Steinfeld unmöglich das Tatwerkzeug, einen zwanzig Kilogramm schweren Stein, heben konnte. Oberbauer, der in der SS Karriere machte, war früher zu Druwes Berliner Kripozeiten dessen Assistent. Man schätzt sich und so lässt Oberbauer Druwe weiter ermitteln, zum Entsetzen seines Kollegen. Als Druwe erkennt, wohin die Spur des Mörders tatsächlich führt, geraten alle in tödliche Gefahr…

Die „nördlichen Rattenlinien“ und das Leid aller Beteiligten

Der vorliegende Debütroman bietet gleich aus dreierlei Perspektiven großartiges Lesematerial. Der Kriminalroman ist solide, wenngleich sehr früh feststeht, wer der gesuchte Mörder ist. Die Spannungskurve bleibt dennoch oben, denn unmittelbar vor Kriegsende bleibt die Frage, ob der Mörder tatsächlich seiner Bestrafung zugeführt wird. Dann ist da der schon angesprochene außergewöhnliche Zeitpunkt der Handlung; die letzten Kriegstage. Ein riesiges Durcheinander und jeder versucht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Und drittens bietet der Roman großartige, empathische Einblicke in das Seelenleben aller Beteiligten. Wie gehen Sie mit ihren Kriegserfahrungen, dem ganzen Elend um? Wie mit dem Untergang des Reichs, wie den Kriegsverbrechen oder den Verbrennungsöfen, von denen man jetzt immer häufiger hört? Jeder hat Schuld auf sich geladen, auch Druwe, damals an der Front.

„Der Rote Ludwig. Du wirst gebraucht. Für die Zeit danach. In der BBC sagten sie, dass SPD-Leute nach dem Sieg der Alliierten in den besetzten Gebieten mit Verwaltungssaufgaben betraut werden. Die wollen alle Nazis aus den Ämtern jagen.“
„Ach ja? Dann werden sie aber schnell Personalmangel haben.“

Das Thema „Rattenlinien“ ist bekannt, allerdings eher im Zusammenhang mit den südlichen Routen. Aber auch im Norden gab es erfolgreiche Fluchtversuche mit gefälschten Papieren, erhältlich in der Flensburger Kripo oder der Marineschule in Mürwik.

Michael Jensen erzählt die Geschichte seines ambivalenten Helden sehr detailliert, teilweise bleiben Wiederholungen nicht aus. Das Kriegsgeschehen, die Polizeiarbeit, aber auch die politische Lage werden großartig wiedergegeben. Der Selbstmord Hitlers steht kurz bevor, Heinrich Himmler sieht sich schon als dessen Nachfolger und strebt einen Separatfrieden mit den Briten an. Offenbar glaubt er allen Ernstes, man könne in ein paar Jahren in einem wiedergestärkten Deutschen Reich an der Seite von Amerikanern und Briten gegen die Bolschewisten kämpfen. Himmler bietet die Entlassung von KZ-Häftlingen als Gegenleistung für einen Frieden. Derweil legt Hitler jedoch Großadmiral Dönitz als seinen Nachfolger fest.

Ein eindringlicher Debütroman, der vielfach die Frage nach Moral und Anstand stellt. Was hätte ein Einzelner verhindern können, wann wird jemand mitschuldig durch Wegsehen oder Mitlaufen? „Totenland“ als Schullektüre im Geschichtsunterricht, das hätte was!

Cover © aufbau Verlag

  • Autor: Michael Jensen
  • Titel: Totenland
  • Verlag: aufbau Verlag
  • Erschienen: 07/2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 392
  • ISBN: 978-3-7466-3460-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

     

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Michael Jensen – Totenland (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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