Mafiaroman mit intellektuellem Anstrich

Ciros Versteck
© Folio

Klavierlehrer Gabriele Santoro lebt in Forcella, einem Stadtviertel von Neapel, welches die Camorra beherrscht. Gabriele, ein intellektueller Feingeist und Perfektionist, lebt sehr zurückgezogen in seiner Wohnung, ohne großen Kontakt zu seiner Nachbarschaft. So übersieht er, dass der über ihm lebende Carmine Acerno ein Camorrista ist, was sich eines Tages grundlegend verändert, als er dessen Sohn, den zehnjährigen Ciro, in seiner Wohnung entdeckt. Ciro bittet Gabriele um Hilfe, ohne jedoch zu verraten, warum er sich verstecken will. Wenig später schnappt Gabriele durch Zufall einen Gesprächsfetzen auf, wonach Rosario, Ciros Freund, bereits gefasst wurde.

Er war in Neapel, am Rand der Welt, verfolgte einen Mann, von dem er nichts wusste, und versuchte verzweifelt, einen kleinen Jungen vor einem Verbrechen zu retten, das alle für unausweichlich hielten.

Plötzlich verändert sich der Zustand in Gabrieles Haus. Fremde Männer sitzen in der Pförtnerloge oder im Treppenhaus, bewachen offenbar das Geschehen. Diego, ein ehemaliger Schüler von Gabriele, besucht diesen unter fadenscheinigen Aussagen, um sich gründlich in dessen Wohnung umzusehen. Ein anderes Mal merkt ein bulliger Mann im Treppenhaus an, dass Gabriele recht viel Hausmüll produziere, dafür, dass er allein lebe. Ciro findet derweil Zutrauen zu seinem Helfer und erklärt ihm, dass er mit seinem Freund Rosario einen Handtaschenraub verübt habe, bei dem eine ältere Frau gestürzt sei. Diese liegt nun schwer verletzt im Krankenhaus. Damit nicht genug, handelt es sich schließlich um Donna Marianna, einflussreiche Mutter von Camorra Boss Alfonso De Vivo, der in Forcella das Sagen hat. Als sich Gabriele der Polizei anvertrauen will, bemerkt er gerade noch rechtzeitig, wie der Vizekommissar sich offenherzig von zwei Camorrista verabschiedet und selbst sein verhasster Bruder, Staatsanwalt Renato Santoro, gibt ihm nur den Tipp, sich der Gerechtigkeit zu stellen. Eine Option, die für Gabriele aufgrund der offensichtlichen Konsequenzen für Ciro nicht in Frage kommt. 

Camorra, Klavierspiel, Weltliteratur

Roberto Andò, Autor und Regisseur, legt einen äußerst lesenswerten Roman vor, in dem die Arbeitsweise der Camorra eindrucksvoll beschrieben wird und deren Schergen wie eine alles umschlingende Gefahr stets präsent sind. Am Beispiel Diegos wird deutlich, dass selbst Jugendliche und Kinder für die Camorra arbeiten. Das Durchschnittsalter wird stetig jünger und offenbart das damit einhergehende Staatsversagen, verkörpert durch Renato, der vermeintlich für Recht und Gesetz eintritt. Der Gegensatz zu Gabriele könnte größer nicht sein, denn für ihn stehen Liebe und Barmherzigkeit an erster Stelle, wenngleich er selbst die Einsamkeit bevorzugt. Oder, um es mit den Worten des Autors zu sagen; der Konflikt der Brüder ist der Konflikt zwischen Kreon und Antigone.

Der Schlaf ist die Vorpremiere des Todes, dachte er. In Neapel verwechseln sie die Agonie mit dem Tod, dabei hat das eine nichts mit dem anderen zu tun, sinnierte er. Die Sizilianer und die Spanier sind da genauer.

Andò selbst ist zweifellos ein großer Intellektueller, der sich in seinem Protagonisten widerspiegelt. Ausflüge in die Weltliteratur mit zahlreichen Zitaten und Querverweisen sind allgegenwärtig und ein gewisses Faible für klassische Klaviermusik ist zur Erhöhung des Lektüregenusses von Vorteil. Anders gesagt, wer hierzu keinen oder nur geringen Bezug hat, dem werden etliche Anspielungen, wie der Verweis auf Kreon und Antigone, entgehen. Mit dem Werk von Konstantinos Kavafis (1863-1933), einem bedeutenden griechischen Lyriker, macht man ebenso ausreichend Bekanntschaft.

Der Maestro schloss die Augen und überlegte, wie vernagelt man sein musste, um die eigene Hellsichtigkeit zu ignorieren, diese jedem gegebene, wiewohl uneingestandene Fähigkeit, in sich hineinzuhorchen und das Kommende zu erahnen. Und er dachte, wie hinterhältig das Verbrechen ist, das sich armlos gibt, das Böse, das, nachdem es seine Gewalt verbreitet hat, gebietet, dass die Welt es wie einen Schicksalsschlag ergeben hinnehme. Und wie schändlich das Schweigen jener ist, die das Verbrechen nur für eine Abart des Menschlichen halten, für das zwingende Resultat der verderbten menschlichen Natur.

Andòs vorliegendes Werk zeugt zudem von der großen Kraft der Liebe und verinnerlicht, dass ein zehnjähriger Junge nicht zwingend im organisierten Verbrechen enden muss. Dass der sich anbahnende Kampf zwischen Gabriele und Ciro einerseits und den Schergen De Vivos andererseits, höchst ungleich ausfällt, ist keine allzu schwere Prognose. Trotz oder gerade wegen der teils beklemmenden Stimmung ist „Ciros Versteck“ ein in vielerlei Hinsicht lesenswerter Roman, dessen Verfilmung dieses Jahr in die Kinos kommen soll. Die Regie führte Roberto Andò.

  • Autor: Roberto Andò
  • Titel: Ciros Versteck
  • Originaltitel: Il bambino nascosto. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
  • Verlag: Folio
  • Umfang: 232 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Februar 2021
  • ISBN: 978-3-85256-826-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 

Wertung:  12/15 dpt 


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