Anna Ballbona – Joyce und die Hühner (Buch)


Anna Ballbona – Joyce und die Hühner (Buch)

Ein Huhn lernt fliegen

© Karl Rauch Verlag

Diese in Barcelona angesiedelte Selbstfindungs-Geschichte um die Mitdreißigerin Dora überrascht auf ganzer Linie. Warum? Weil Autorin Ballbona mit jeder der üblichen Erwartungshaltungen bricht, die eine solche Story weckt. Nicht in Bezug auf den Plot, sondern aufgrund ihrer Erzählweise. Ballbona verwendet einen Humor, der sich niemals anbiedert. Ihr Ton ist direkt, bodenständig und witzig. Sie zeigt das Absurde im Alltäglichen und deckt dabei hintergründig auf, woran es ihren Figuren mangelt.

Der nur 224 Seiten starke Roman ist extrem kompakt. Ballbona bezieht auch das Setting mit ein, packt Anspielungen auf aktuelle lokalpolitische Begebenheiten zwischen die Zeilen, ohne den Erzählfluss zu stören. Sie erzeugt ein von glamourösen Klischees völlig befreites Bild Barcelonas, einen für Außenstehende ungewohnten Blick von unten.

Ballbonas Erzählweise ist anekdotenhaft. Wie Mosaiksteinchen fügen sich Doras Erlebnisse zusammen. Immer wieder bringen Kleinigkeiten Dora dazu, in ihre Vergangenheit zurückzukehren und sowohl das Erinnerte als auch die Gegenwart neu zu bewerten.

Ballbona hat ihre humorvolle Geschichte um Titelheldin Dora in drei Teile gegliedert, von denen jeder Teil einen wesentlichen Entwicklungsschritt in Doras Leben beschreibt. Frustration und Stagnation beschreiben den ersten Teil, Reflexion bestimmt den zweiten Teil, um im dritten Teil in Aktion zu münden.

Dora hat genug. Sie dümpelt durch ihren öden Job als Lokalredakteurin, führt eine farblose Beziehung, erlebt kein echtes Leben. Seit Kindertagen fühlt sie sich dazu verdammt wie ein Huhn zu sein. Denn Hühner sind in den Augen ihrer Mitmenschen unwichtige unbeachtete ausgebeutete Lebewesen, denen niemand, auch Dora selbst nicht, etwas zutraut.

Eine Reise nach Dublin und die Begegnung mit dem exzentrischen Joyce-lesenden Hühnerliebhaber Murphy wird zum Wendepunkt in Doras Leben und im Roman.

„Die Dubliner Hühnererleuchtung verlangte nach Taten. Murphys Geständnis seiner Leidenschaften war ein erstes Zeichen gewesen, ein leichtes Kribbeln des gewaltigen Wandels, der sich in Dora vollzog. Nun entwirrte sich das Knäuel nach und nach. Der Spalt, der sich (…) aufgetan hatte, war ein wenig breiter geworden und ließ jetzt mehr Licht und eine frische Brise hindurch, die Dora zu neuen Ufern trieb, zum Traum von einem neuen Leben.“
<span class="su-quote-cite">Seite 83</span>

Doras Entwicklung ist keine Geschichte, bei der eine Protagonistin über sich hinaus wächst. Vielmehr wächst Dora in sich hinein, wobei sie ihre eigene Tiefe entdeckt. Bezeichnenderweise lässt Ballbona ihre Figur allein agieren. Dora ist und bleibt eine Einzelgängerin, die ihre Wandlung ohne aktives Zutun anderer bewirkt. Die entscheidende Energie findet Dora in der Kunst.

Tatsächlich ist „Joyce und die Hühner“ eine Hymne auf die befreiende Kraft der Kunst. Das Debüt der katalanischen Autorin sprüht vor Interdisziplinarität. Immer wieder lässt die Autorin ihre Protagonistin auf der Suche nach den Lebens-Antworten zur Lektüre greifen. In der Eingangsszene des Romans versucht es Dora mit Paveses Roman „Handwerk des Lebens“ und scheitert. Das Leben selbst kommt der Lektüre im Zug dazwischen. Dora lauscht unfreiwillig den Gesprächen einer mitreisenden Therapiegruppe.

„Jeder anständige Schriftsteller hätte alles mitgeschrieben, was sie [die Mitglieder der Therapiegruppe] gesagt haben, und wäre ihnen gefolgt, als sie(..) ausstiegen.“ (Seite 15), lässt Ballbona ihre Dora feststellen.

Kunst, das ist die eindeutige Erkenntnis, muss scheitern, wenn sie das echte Leben nicht erfasst. Das Leben ist chaotisch und absurd. Die Zusammenhänge sind oft unklar, manchmal gibt sie auch nicht.

Mit der Lektüre von Joyce kommt Dora schließlich dem echten Leben näher. Denn ebenso wie Joyce „Ulysses“, der für viele schlicht als unlesbar und kaum interpretierbar gilt, repräsentiert er wie kein anderes Werk das Mysterium namens Leben.

Dora entdeckt ihre Hauptinspiration schließlich in den Werken Banksys. Schlagartig legt sie ihre Passivität ab und verändert ihr Leben. Durch die Kunst verleiht Dora ihrer Rebellion ein Gesicht. Ihrem Vorbild folgend wird sie zur heimlichen Aktionskünstlerin, die die nächtlichen Vororte Barcelonas durchstreift und Hühner-Graffitis auf Hauswände sprüht.

„Joyce und die Hühner“  – mit 224 Seiten auf den ersten Blick ein eher schmales Buch – gehört es zu den Romanen, die während der Lektüre eine ungeahnte Tiefe entfalten.

  • Autor:  Anna Ballbona i Puig
  • Titel:  Joyce und die Hühner
  • Originaltitel:  Joyce i les gallines
  • Übersetzer:  Kirsten Brandt
  • Verlag:  Karl Rauch Verlag
  • Erschienen:  September 2022
  • Einband:  Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN:  978-3792002681


Wertung: 13/15 dpt


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