Michael Jensen – Totenwelt (Buch)

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Der Krieg ist zu Ende, die Morde gehen weiter

Erst wenige Tage ist es her, da konnte Jens Druwe von der Ordnungspolizei in Glücksburg den Mord an einem SS-Bonzen aufklären. Dabei kam er in den Besitz einer hochbrisanten Liste, die ranghohe Nazis um den früheren Reichsführer Heinrich Himmler noch immer in ihren Besitz bringen wollen. Denn die Liste enthält den Schlüssel zu viel Geld und neuen Papieren, welche ihnen die Flucht ins Ausland ermöglichen soll. Doch die allgemeine Situation ist grotesk. Die „Regierung“ unter Führung des Reichspräsidenten Karl Dönitz hat ihren Sitz in der Marinesportschule in Flensburg-Mürwick und dokumentiert noch immer den Größenwahn des Dritten Reichs. Keitel und Jodl sind mit dabei, schon morgens anständig betrunken, damit der gute Stoff nur ja nicht dem Feind in die Hände fällt; im vorliegenden Fall den Briten. Der Marinestützpunkt ist noch deutsches Gebiet, die restliche Stadt im Besitz der Engländer. Während Dönitz und Konsorten in den eigenen Reihen aufräumen, Himmler aller Ämter entheben und so tun, als hätten sie noch etwas zu sagen, taktieren die Briten. Man will Härte zeigen, gleichwohl ist allen klar, dass es ohne die Deutschen nicht geht.

Die vielen Gerüchte um die Regierung wirkten haarsträubend. Dönitz. Ein neuer Führer? Hier in Flensburg? Die Sache wirkte auf ihn wie eine Lachnummer aus einem Berliner Kabarett, von der Wilden Bühne oder aus dem Café Größenwahn.

Dieses Problem hat auch Jens Druwe, der in den Rang eines Kriminalrats gehoben wird und eine neue deutsche Polizeieinheit aufbauen soll. Druwe will unbelastete Männer, damit er diese gegenüber den Briten durchsetzen kann. Doch woher soll er sie nehmen und vor allem, wie will er damit umgehen, dass die neue Reichsregierung möglichst vielen ehemaligen Kameraden eine Weiterbeschäftigung bei der Polizei ermöglichen will? Major Hal Griffith, Leiter der britischen Militärpolizei, bietet Druwe eine Zusammenarbeit an, denn er will an brisante Unterlagen kommen, um einige Nazigrößen jagen zu können. Werner Grell, ein alter Bekannter von Druwe, der zuletzt für Abwehrchef Canaris arbeitete, konnte entsprechende Akten aus Berlin schmuggeln und bietet diese nun gegen seine Freiheit und ein kleines Startgeld für den Neuanfang an. Doch bei einer geplanten Übergabe kommt es zu einer Schießerei an deren Ende Grell und ein britischer Captain erschossen werden. Es sieht aus, als hätten sich beide gegenseitig erschossen, aber dies kann nicht stimmen. Druwe ermittelt unter Hochdruck und gerät einmal mehr in jedes vorhandene Fettnäpfchen. Wenn er doch nur wüsste, wem er trauen kann? Weitere Morde folgen und selbst Druwe gerät wiederholt in Lebensgefahr.

Wie schon beim ersten Band „Totenland“ geht es um die Erlebnisse in einer höchst aufregenden Zeit. Waren es bei „Totenland“ die Tage unmittelbar vor Kriegsende, so sind es jetzt die Tage zwischen der deutschen Kapitulation und der Verhaftung der „Regierung Dönitz“. Da „Totenwelt“ somit unmittelbar am Vorgänger anschließt, ist dessen Kenntnis sicher von Vorteil, wobei es dann – wie in solchen Fällen üblich – zu zahlreichen Wiederholungen kommt. Auch sonst sind Duplikationen leider vermehrt festzustellen; sei es bei der Darstellung bekannter Ereignisse oder den Eigenschaften bestimmter Personen. Dies ist allerdings der einzige Minuspunkt neben jenem, dass der Protagonist Jens Druwe mitunter arg moralinsauer rüberkommt. Sein Credo lautet: Wer mitmachte, hatte ohnehin Schuld. Und wer wegsah, hat die Taten nicht verhindert und somit erst möglich gemacht. Eine gewagte These, denn bei geringsten Verdächtigungen drohten bekanntlich Konzentrationslager, Ostfront oder Erschießung. Dass Druwe seine Vorwürfe selbst gegenüber einer Familie äußerst, die unter höchster Lebensgefahr eine jüdische Familie versteckt hielt, macht ihn unsympathisch. Dabei ist Druwe vor allem von Selbstzweifeln geplagt, denn schließlich hat er selber ja an der Ostfront Schuld auf sich geladen, die ihm heute noch in Albträumen begegnet und täglich umtreibt.

„Wie gesagt, von den Kriegsaktionen wusste ich. Und von den KLs haben wir schließlich auch alle gewusst. Wir hätten uns ja fragen können, wo plötzlich die Berliner Juden geblieben waren. Oder die aus Hamburg, München, Stuttgart oder Köln. Die Synagogen haben sich auch nicht von allein angesteckt. Geahnt haben wir es, Werner. Und Leute wie Canaris haben die Einzelheiten gekannt. Aber hat irgendjemand etwas dagegen unternommen? Ich sitze hier und treffe überall nur Männer, die sich verwundert die Augen reiben, mit den Schultern zucken und sagen: Ich war es nicht.“

„Totenwelt“ ist eine sehr interessante Zeitaufnahme jener Tage, in der das Chaos herrschte, jeder versuchte seinen Vorteil zu finden und dies in den meisten Fällen bei gleichzeitiger Leugnung der eigenen Begeisterung für Führer und Vaterland. Was dies aus den Menschen, Tätern wie Opfern, auf deutscher und britischer Seite machte, ist in den beiden Romanen „Totenland“ und „Totenwelt“ eindringlich nachzulesen. Am Ende weicht bei Druwe die Wut darüber, dass es scheinbar immer so weitergeht, und macht Platz für einen immer stärker ansteigenden Fatalismus. Spannende Zeitgeschichte!

Cover © aufbau Verlag

  • Autor: Michael Jensen
  • Titel: Totenwelt
  • Verlag: aufbau Verlag
  • Erschienen: 05/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 376
  • ISBN: 978-3-7466-3676-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

     

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Michael Jensen – Totenwelt (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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