Willi Wottreng – Ein Irokese am Genfersee (Buch)

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Ein Bündnisvertrag mit König George III. aus dem Jahr 1784 garantiert den Irokesen ihre Unabhängigkeit, woraufhin diese ihre Waffen begraben. Nach dem Ersten Weltkrieg leben die Six Nations, die Völkergemeinschaft der Mohawk, Oneida, Seneca, Cayuga, Orondaga und Tuscarora auf einem zehn mal zehn Quadratkilometer großem Arial zwischen Kanada und der Konföderation der Staaten von Amerika. Sie lehnen Kanada ab, was zu Konflikten führt, denn Kanada sieht sich als Nachfolger der britischen Krone und somit die Irokesen als Bürger Kanadas. Diese fordern weiter hartnäckig ihre Unabhängigkeit, während die kanadische Regierung endlich Nägel mit Köpfen machen will. Mit Hilfe eines Rechtsanwaltes schicken die Irokesen ihren Häuptling Deskaheh, ein ehemaliger Kleinbauer namens Levi General, 1923 nach Genf, wo er vor dem Völkerbund für die Unabhängigkeit seines Volkes streiten soll.

Und dann erzählt Levi General gern die Geschichte vom Irokesen-Chief Joseph Brant, der das heimatliche Land am Grand River als Anerkennung für die Verdienste seines Volkes in den Kriegen Großbritanniens gegen die amerikanischen Sezessionisten erhalten hatte. Von der britischen Krone. Von der Königin. Als Leihgabe. Die Irokesen waren freiwillig hierhergezogen. Das war kein Reservat. Das war ihr Land. Und Levi General fügte an: “Die Six Nations sind nie von einer europäischen Armee besiegt worden!”

Jahrzehnte später findet die Staatsanwältin Ursula Haldimann bei einer Hausdurchsuchung ein Foto, welches den Häuptling zeigt. Allerdings nicht in der Prärie, sondern in Genf. Da sie sich seit ihrer Kindheit dank den Romanen von Karl May für die Indianer interessiert, beginnt sie mit Nachforschungen über den charismatischen Mann und dessen Mission.

Der Roman “Ein Irokese am Genfersee” des Schweizer Autors Willi Wottreng basiert auf wahren Begebenheiten, wie ein abschließender Quellennachweis belegt. Ich-Erzählerin Haldimann berichtet zunächst vom Leben der Indianer, den Stamm der Irokesen und deren Verhältnis zur kanadischen Regierung. Ein spannender Einstieg in dieses eher unbekannte Kapitel der Geschichte der Indianer. Schnell zeigt sich, dass die Irokesen gefangen sind zwischen ihren alten Traditionen und dem Wandel der Zeit. Gleiches gilt umgekehrt für das Büro für indianische Angelegenheiten, wo man die traditionellen Bedürfnisse der Indigenen verkennt und sie mit modernem Fortschritt und Bildung beehren möchte.

Was das Wort Deskaheh bedeutet, habe ich mich gefragt. Es soll “Mehr als elf” heißen und bezieht sich auf eine indigene Story, in der von einem Dutzend Männer die Rede ist, die fischen gingen und dabei entdeckt wurden. Doch der Anführer entkam. Wie viel sie gewesen seien, hatten die Inspektoren gefragt. Und die Antwort hatte etwas diffus gelautet: “Mehr als elf.” Und so wurde von nun an der Anführer bezeichnet. Deskaheh war also ein Fischdieb.

Nach den eher allgemeinen Einführungen startet Deskaheh seine Reise nach Europa, wo er zunächst in London wenig Gehör findet. Kolonialminister Winston Churchill befindet, dass es sich um eine Angelegenheit in der ausschließlichen Kompetenz der kanadischen Regierung handele. So muss Deskaheh sein Glück in Genf vor dem im Januar 1920 gegründeten Völkerbund suchen. Doch allein in Europa gibt es genügend strittige Fragen, beispielsweise die irische, so dass man kaum Zeit hat für die Interessen einer Gemeinschaft mit gerade einmal fünftausend Menschen. Deskaheh gewinnt einflussreiche Freunde, die ihm eine Reihe von Vorträgen ermöglichen, die ihm eine breite Öffentlichkeit bescheren. Unermüdlich kämpft er um die Interessen seines Volkes, doch nicht alle sind begeistert. Warum war Deskaheh nach seinem Aufenthalt in der Schweiz so plötzlich gestorben?

“Daran hat sich noch kein Staatsanwalt gewagt. In unserer Familie gab es Gerüchte.”
“Was für Gerüchte?”
“Na ja.”

“Ein Irokese am Genfersee” ist ein vielschichtiger Roman, den man in vielerlei Hinsicht lesen kann. Als desillusionierende Parabel über die Machenschaften der Politik, in denen intrigante Strippenzieher, einflussreiche Lobbyisten und spitzfindige Juristen das Geschehen bestimmen. Als (ein wenig weit hergeholt) Politthriller, denn kurz nach Deskahehs Rückkehr nach Amerika, stirbt dieser am 27. Juni 1925 im Alter von 52 Jahren. Steckte womöglich der kanadische Geheimdienst dahinter, der eine Rückkehr Deskahehs zu dessen Volk am Grand River unter allen Umständen vermeiden wollte? Wie auch immer: “Ein Irokese am Genfersee” ist eine spannende Lektüre in Form eines dokumentarischen Romans, der ein interessantes Kapitel der “Geschichte der Rothäute” beleuchtet, die Mechanismen der Machtpolitik entblößt und in Form einer dezent angedeuteten Liebesbeziehung für einen kleinen Lichtblick sorgt. Empfehlenswert!

Cover © Unionsverlag

Wertung: 13/15 hochverbeugungsvolle Punkte

 


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Willi Wottreng – Ein Irokese am Genfersee …

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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