Viel Raum für Sprache

Koban & Groh (Hrsg.) - Denkzettelareale - junge Lyrik (Cover © Reinecke & Voß)

Das bereits 2020 erschienene Hardcover „Denkzettelareale – junge Lyrik“
umfasst eine Auswahl an zeitgenössischen Gedichten von jeweils 33 Poetinnen und Poeten aus dem deutschsprachigen Raum. Das außergewöhnliche an der im Leipziger Einmann-Verlag „Reinecke & Voß“ publizierten Anthologie ist ihr Rahmen: Allen lyrischen Beiträgen geht eine Einführung in das Schaffen oder eine Vorstellung der folgenden Gedichte voran. Im Anschluss an ihre Texte kommen die jeweiligen Lyrikerinnen und Lyriker selbst zu Wort und geben Auskunft über ihr Schreiben. Mit einem Nachwort von Kurt Drawert zur jungen Lyrik.

Mehr Einladung als Kanon

Das Vorwort der Herausgeber stellt klar, dass die Auswahl der Autorinnen und Autoren, die es in die Anthologie geschafft haben, eine rein subjektive ist. Das Ergebnis ist weniger, einen vollständigen Kanon der aktuellen deutschsprachigen Lyrik vorzulegen, als vielmehr eine Vielfalt an aktuellen Stimmen sprechen zu lassen. Durch diesen Hinweis nimmt sich die Sammlung auf sympathische Art und Weise den Anspruch auf Vollständigkeit und akademische Ernsthaftigkeit. Vielmehr steckt hinter der Veröffentlichung die Idee, bei potenziellen Leserinnen und Lesern die Lust auf Sprache zu wecken und zu zeigen: Lyrik ist eben nicht schwierig, sondern vielseitig. Die Begeisterung für Gedichte steht an oberster Stelle. Ob dies gelingt, liegt im Auge des Betrachters, doch der Ansatz allein ist schon lobenswert und Vielfalt zeigt die Auswahl der Dichterinnen und Dichter allemal: Neben bekannten und etablierten Namen wie Ulrike Almut Sandig, in diesem Jahr Preisträgerin des mit 10.000 Euro dotierten Erich-Loest-Preises, begeistern die Outsider oder bisher unbekannten Dichterinnen und Dichter mindestens genauso. Als Beispiel sei hier Torsten Israel genannt, der in seiner Vita im Anhang des Buches bescheiden nicht viel mehr anführt, als dass er in Dresden einen Spätshop betreibt.
Als Einladung kann auch die Form der Anthologie verstanden werden: Wer die Gedichte unvoreingenommen lesen will, überblättert eben die Einführungstexte. Wer zuerst etwas über die Dichterinnen und Dichter erfahren will, liest zuerst die Interviews und Selbstbetrachtungen. Die klare Gliederung sollte hier nicht als Fluch (So ein dickes Buch!) sondern vielmehr als Segen verstanden werden, denn Springen, Pausieren, Nachschlagen – alles ist möglich.

Lyrische Perspektiven

Inhaltlich auf alle 33 Gedichtsammlungen der rund 432 Seiten umfassenden Anthologie einzugehen oder sie bloß zu benennen, ist nicht nur auf Grund des Umfangs, sondern auch wegen ihrer Vielschichtigkeit an dieser Stelle unmöglich. Die Themen der Poetinnen und Poeten reichen von Natur (ganz klassisch), Tieren und Märchenhaftem über phantastische innere Welten, die staunen machen, bis hin zu Stadtbetrachtungen und Reisegedanken.
Letzteres zu finden bei Ron Winkler, der über sein Schreiben im Interview in „Denkzettelareale“ sagt: „Ich würde nie mit dem Ziel reisen, daraus Literatur zu machen. Aber […] Reisen kann zu Gedichten führen.“ Was ein wenig wie eine Warnung klingt, lässt sich im Ergebnis in Winklers „Souvenirfahrt“ nachlesen, einem seiner acht Gedichte, die in „Denkzettelareale“ vertreten sind und in die man beim Lesen so herrlich eintaucht. Seine Schilderungen von Farben, Geschmack und Geruch wirken stark und versetzen während der Lektüre beinahe in einen Zustand der Meditation. Schnell ist man selbst Teil seines Textkosmos und in dieser Zeit existiert nichts außerhalb. Man blickt nicht über eine Schulter, sondern erlebt selbst grünkohlgrüne Brokatvorhänge („Geweiharchiv“) und Niederschläge wie Licht („Souvenirfahrt“). Sprachlich oft erzählerisch, kraftvoll und sinnlich mit großer Wirkung.

Kleine formale Abenteuer gibt es auch: Swantje Lichtenstein verwendet Zeichen und Symbole im Schriftbild ihrer Lyrik (Wie man das wohl vorlesen mag?), Katharina Schultens beansprucht für „jungs“ eine Buchseite im Querformat und Niklas L. Niskate macht … Ja, was eigentlich? Zumindest mehr Grafik als Text oder vielmehr „Schrift in ihrer grafischen Substanz, als bildgebendes Moment in wortwörtlichem Sinn“, wie Jan Kuhlbrodt es in „Denkzettelareale“ eleganter formuliert.
Natürlich finden sich die gewohnten Strophen am häufigsten, keine Sorge, und Sprach- und Wortspiele ganz unterschiedlicher Natur ebenfalls. So zum Beispiel in den Gedichten von Kristin Schulz, deren Einschübe in Klammern wie Echos durch viele Verse geistern. Mit Groß- und Kleinschreibung oder Satzzeichen hält sie sich gar nicht erst auf und schafft dadurch eine Art atemloses Tempo, das den Gedichten mit Action besonders gut steht („schaumschläge“). Torsten Israels Gedichte befassen sich mit persönlichen Themen, wie die Trennung von seinem Kind oder Tod seines Vaters. Trotz schwergewichtiger Inhalte bleibt die Form stets klar und lakonisch. Jayne-Ann Igel findet in den Gedichten „Berührungspunkte mit Texten aus der Poetry-Slammer-Szene“ und führt dies auf häufige Verwendung von Umgangssprache zurück. Dieser „saloppe Ton“ und das Auf-den-Punkt-Bringen von Beobachtungen und Ereignissen, die Verknappung, erinnert an die frühen Großstadt-Gedichte Bertolt Brechts: Manchmal dreckig, niemals ausschweifend, dafür immer wahr. Und dadurch auf ganz eigene Art poetisch und emotional. Torsten Israel sagt im Interview dazu treffend:

Bertram Reinecke kommt in dieser Anthologie (leider) nicht mit eigenen Gedichten zu Wort, porträtiert jedoch vier Dichter und ihr Schaffen. Und wie gut er das macht! Seine Einführungen schaffen die Balance auf dem schmalen Grat zwischen Erklären (nicht schulmeisterlich) und Neugier-Wecken auf die folgenden Gedichte. Damit trifft er genau den Ton, der den Herausgebern wohl vorschwebte und der Lust macht, Lyrik zu erkunden. Aufschlussreich zum Beispiel der Beitrag zu Titus Meyer, für dessen erstaunliche Texte mit „strenger Form“ (Palindrome!) Reinecke im Vorwort mehr als eine Lanze bricht: Die strenge Begrenzung schaffe „Innovation“, neue Wortkombinationen und noch nie Dagewesenes. Weil Meyer sein Handwerk eben versteht.

Von Dichtern für Dichter?

Dieser Ruf eilt der Lyrik neben anderen Zuschreibungen wie „unzugänglich“ oder „elitär“ leider immer wieder voraus. Und auch in der Praxis findet man die schmalen Bändchen im Buchladen allzu häufig im Regal „Geschenkbücher“. (Meist dominiert von Urgesteinen wie Robert Gernhardt oder Erich Kästner.) Auf ein gut sortiertes Lyriksortiment trifft man zumindest in den namhaften Ketten eher nicht und die Verkaufszahlen sprechen Bände: Im Jahr 2019 machten Lyrik und Dramatik lediglich rund 1,2 Prozent des Gesamtumsatzes der Warengruppe Belletristik aus. (Quelle: www.statista.com) Ein klassisches Henne-Ei-Problem. Umso wichtiger sind Bücher wie „Denkzettelareale“, die zeigen möchten, wie schön und bereichernd Lyrik ist. Und dass einführende Worte helfen können, einen persönlichen Zugang zu anderen Sprachwelten zu finden. Denn das tun sie hier, zumindest in den meisten Fällen. Die theoretischen Einführungstexte von Peter Geist konnten das bei der Rezensentin nicht schaffen: Sie erinnern dafür passagenweise viel zu sehr an trockene Einführungsvorlesungen der Germanistik und bereiten eher Kopfzerbrechen als Vorfreude auf die folgenden Gedichte. Es sind eben Untersuchungen eines Theoretikers. Viel greifbarer sind die Vorstellungen der Dichterinnen und Dichter selbst, die ihre Kolleginnen und Kollegen porträtieren und deren ausgewählte Texte umrahmen. Sie vermögen es, auf das Kommende neugierig zu machen oder eben jenen Verständnishintergrund zu schaffen, der einen angenehmen Aha-Effekt hervorruft und nicht den Drang, ein Fachlexikon zu Rate zu ziehen oder den letzten Schachtelsatz zum x-ten Mal zu lesen.

Das Highlight dieser Anthologie ist definitiv die Entscheidung, alle Dichterinnen und Dichter selbst über sich und ihr Schreiben zu Wort kommen zu lassen. Dies geschieht in Form von (oft sehr unterhaltsamen!) Interviews und ironischen Selbstbetrachtungen, die es vermögen, ihre Arbeitsweise oder Inspirationsquellen besser zu verstehen und damit auch ihr Werk zugänglicher zu machen. Diese intimen Einblicke zeigen, dass Poeten eben auch nur Menschen sind.
Für Sünje Lewejohann ist das Schreiben von Lyrik „eine Liebesbeziehung: Sie kann mich glücklich machen, sie kann mich unglücklich machen. (…) Sie kocht mir Soljanka und bringt manchmal Blumen mit.“ Torsten Israel schreibt seine Gedichte häufig mit „gepflegtem Hintergrundtechno“ und Carl-Christian Elze bringt auf den Punkt:

„Alle Dichter wollen im Grunde Gefühle zeigen und Gefühle erzeugen.“

Alles was man zum Lesen von Lyrik benötigt, ist Herz, Neugier und die Bereitschaft, sich zu öffnen. Und keine akademische Vorbildung. Gedichte haben in unserer hektischen Welt keinen Platz? Umso besser, dann wird dieser Raum eben geschaffen. Die Anthologie „Denkzettelareale“ ist ein Angebot, jetzt damit anzufangen.

  • Autor: Aron Koban und Annett Groh (Hrsg.)
  • Titel: Denkzettelareale – junge Lyrik
  • Verlag: Reinecke & Voß
  • Erschienen: 2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 432
  • ISBN: 978-3-942901-41-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    bestellbar unter info@reinecke-voss.de
    Beteiligte Autorinnen und Autoren: Nico Bleutge + Thomas Böhme + Yevgeniy Breyger + Lydia Daher + Julia Dathe + Kurt Drawert + Carl-Christian Elze + Karin Fellner + Claudia Gabler + Peter Geist + Mara Genschel + Markus Hallinger + Jayne-Ann Igel + Torsten Israel + Alexander Kappe + Aron Koban + Birgit Kreipe + Jan Kuhlbrodt + Gregor Kunz + Sünje Lewejohann + Swantje Lichtenstein + Léonce W. Lupette + Philip Maroldt + Undine Materni + Titus Meyer + Niklas L. Niskate + Marlen Pelny + Teresa Präauer + Kerstin Preiwuß + Robert Prosser + Bertram Reinecke + Tobias Roth + Ulrike Almut Sandig + Kathrin Schmidt + Katharina Schultens + Kristin Schulz + Daniela Seel + Michael Spyra + Sebastian Unger + Anja Utler + Charlotte Warsen + Levin Westermann + Ron Winkler

     

    Wertung: 12/15 dpt


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