Andrea Camilleri – Kilometer 123

Meisterwerk vom Altmeister – Für Krimifans ein „Pflichtkauf“

Kilometer 123
© Kindler

Als Andrea Camilleri am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom verstarb, verlor die Krimiwelt einen ihrer ganz großen Stars. Mit seiner Salvo-Montalbano-Reihe erreichte er ein weltweites Publikum. Im April 2020 erschien bei Kindler sein Roman „Kilometer 123“, ein großartiger Krimi, den jeder Fan des Genres genießen sollte. Die Handlung besteht ausschließlich aus Dialogen, SMS, Zeitungsartikeln und Polizeiberichten und packt von der ersten bis zur letzten Zeile; erst in dieser erlebt man ein Aha-Erlebnis der Extraklasse. Was für eine Auflösung!

2008. Ester schickt ihrem Geliebten Giulio mehrere SMS, da er sich nicht bei ihr meldet. Als sie in ihrer Verzweiflung dessen Frau Giuditta anruft, erfährt sie den Grund. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juni wurde er im Panda seiner Frau von einem großen SUV bei Kilometer 123 der Via Aurelia gerammt. Er verlor die Kontrolle und stürzte eine Böschung hinunter. Jetzt liegt er im Krankenhaus, kann aufgrund eines gebrochenen Kiefers nicht sprechen und nur von Giuditta besucht werden, deren eigener SUV gestohlen wurde. Über den Pfleger Giacomo kann Ester dennoch Kontakt aufnehmen, denn ihre Briefe, später SMS, kann Giulio schriftlich beantworten.

Aufgrund der Aussage eines Augenzeugen war der Auffahrunfall womöglich gar ein Mordversuch und so drängt sich der Verdacht auf, dass die ebenso eifersüchtige wie rachsüchtige Giuditta dahinterstecken könnte, zumal sie im Krankenhaus, zusammen mit anderen Wertsachen, das Handy ihres Mannes übergeben bekam und so auf Esters SMS stieß. Diese hat derweil den Verdacht, dass ihr Mann Stefano hinter ihre Affäre gekommen sein könnte, denn im Borgo Pio, dem Liebesnest der Beiden, taucht Stefano plötzlich auf. Zur Rede gestellt, kann er seine Anwesenheit dort nur halbherzig begründen.  

Ester gerät zunehmend in Panik, befragt ihre Freundin Maria, wie sie sich verhalten soll. Diese lebt mit ihrem Mann Francesco seit geraumer Zeit in Mailand, seitdem funktioniert die Ehe wieder. Doch wenig später kommt es zu einem tödlichen Unfall, welcher die Situation noch unüberschaubarer macht.

Spannung von der ersten bis zur letzten Zeile

Jeder Satz ist haarscharf formuliert, die Dialoge sind der Hammer. Selten wurde man mit derartiger Sogkraft in die Handlung hineingezogen – und nicht mehr entlassen. Man sollte das Buch keineswegs zu schnell, sondern mit Vergnügen und Aufmerksamkeit lesen, aber unbedingt in einem Rutsch, was bei „nur“ 142 Seiten problemlos möglich ist. Lesezeit: Zwei bis drei Stunden.

Gekonnt verführt Andrea Camilleri seine Leser und treibt sie mit zunehmender Sicherheit auf die (womöglich) falsche Spur. Währenddessen diskutiert Ispettore Capo Attila Bongioanni mit seinem Chef den kuriosen Fall. Jeder hat einen klaren Blick auf das Geschehen und begründet nachvollziehbar seine Lösung, von der sich eine wohl mit den Gedanken der Leser decken dürfte; wahlweise die eine oder die andere! Doch dann kommt Camilleri und führt seinen Geniestreich aus. Allein dieser (letzte Satz) lohnt den Roman.

Wie für Camilleri nicht unüblich, beinhaltet „Kilometer 123“ gesellschaftskritische Ansätze. Hier der Bauunternehmer Giulio, für den die gesetzlichen Regeln nach eigener Auslegung noch nie galten, dort ehrliche Krankenpfleger und Obstverkäufer. So geht es folglich auch um die großen Themen: Gier, Betrug, Eifersucht und, ja, um die Liebe.

„Dünnes Buch, dicker Inhalt“, könnte man sagen. Als Krimifan verneigt man sich einmal mehr vor Andrea Camilleri!

 

  • Autor: Andrea Camilleri
  • Titel: Kilometer 123
  • Originaltitel: Km 123. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
  • Verlag: Kindler
  • Umfang: 142 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: April 2020
  • ISBN: 978-3-463-00010-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 

Wertung: 


Wertung: 14/15 dpt


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