Jörg Kirschstein – Auguste Victoria

Opulentes Werk über die letzte deutsche Kaiserin

Auguste Victoria
© be.bra

Der 11. April 2021 ist zugleich der 100. Todestag von Auguste Victoria, einer Kaiserin, deren Leben bislang nur unzureichend erforscht ist. Geboren am 22. Oktober 1858 hatte sie bereits namhafte Paten, darunter die späteren Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III., nach deren Ehefrauen sie benannt wurde. Ihrem Vater, Herzog Friedrich VIII., verdankte sie eine streng religiöse Erziehung, später galt sie als die Verkörperung der bigotten Moralvorstellung am kaiserlichen Hof. Der Weg dorthin war keineswegs selbstverständlich. Zwar verliebte sich Wilhelm II. direkt bei ihrer ersten Begegnung im August 1878, doch war der Weg zu einer gemeinsamen Ehe steinig. Als Oberhaupt des Preußischen Königshauses hatte Großvater Wilhelm I. das letzte Wort und dieser hatte gleich zwei schwere Bedenken. Zunächst forderte er von Friedrich VIII. den Verzicht auf die Herzogtümer Schleswig und Holstein, was dieser bis zu seinem überraschenden Tod am 14. Januar 1880 verweigerte. Sodann war da noch die schwerwiegende Frage zu klären, ob denn eine solche Ehe überhaupt dem Gebot der Ebenbürtigkeit entspräche? Auguste Victoria war sicher nicht die „geeignete Partie“ für einen potentiellen Thronfolger, denn sie stammte aus keinem regierenden oder ehemals regierendem Haus. Selbst Reichskanzler Otto von Bismarck wurde zu Rate gezogen. Entsprechend groß war die Empörung in der Königsfamilie und im Hofstaat als es zur Eheschließung am 27. Februar 1881 kam.

Die wichtigste Aufgabe, die Sicherstellung der Thronfolge durch männliche Erben, war schnell erledigt. In den ersten drei Ehejahren kamen die Söhne Wilhelm, Eitel Friedrich und Adalbert zur Welt. Vier weitere Kinder, darunter die einzige Tochter Victoria Luise, sollten folgen. 1888 kam das Dreikaiserjahr, in dem Wilhelm I. und dessen schwer kranker Nachfolger Friedrich III. verstarben und Wilhelm II. früh zum Deutschen Kaiser und Preußischen König machte. Die Ehe mit Auguste Victoria war zu Beginn der Regentschaft nicht immer leicht, Wilhelm II. fühlte sich von seiner Frau eingegrenzt, floh oftmals in längere Dienstreisen. Auch das Verhältnis von Auguste Victoria zu der Familie, insbesondere zur Schwiegermutter war äußerst angespannt, sehr zur Verärgerung von Queen Victoria, deren Großnichte Victoria Auguste war. Victoria Auguste entwickelte offenbar eine Arroganz gegenüber denjenigen, die sie zuvor als unwürdig für die Ehe mit Wilhelm II. erachteten.

Obwohl Auguste Victoria strenge bis reaktionär-konservative Ansichten vertrat, war ihr Engagement im sozialen und kirchlichen Bereich bemerkenswert. Das zunehmende Desinteresse gegenüber der Kirche begründete die Kaiserin mit dem Erstarken der Sozialdemokratie, einer Bewegung die sie als staatsgefährdend empfand und die es somit aufzuhalten galt. So gründete sie unter anderem den Evangelischen Kirchenhilfsverein, engagierte sich für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und setzte sich für den Bau neuer Kirchen ein. Es folgten der Erste Weltkrieg, die Novemberrevolution 1918, die Ausrufung der Republik sowie die Abdankung des Kaisers mit Flucht ins holländische Exil, wo Auguste Victoria in Schloss Doorn nach längerer Krankheit im Alter von 62 Jahren verstarb.

Großartige Recherche und beeindruckendes Bildmaterial

Jörg Kirschstein studierte Archivwesen in Potsdam, arbeitet derzeit als Kastellan des Schlosses Babelsberg und gilt als Experte des deutschen Kaiserhauses. Für den vorliegenden Band, dessen umfangreiches, teils erstmals veröffentlichtes Bildmaterial besonders zu erwähnen ist, konnte er auf mehrere archivische Bestände zugreifen (auch hiervon einige erstmals zugänglich). Allein die eingangs geschilderte „Quellenlage“ liest sich spannend. Die Schwerpunkte des Werkes liegen in der Familie Auguste Victorias, ihrer Rolle als „Landesmutter“ und ihrem ehrenamtlichen Engagement. Es werden aber auch erstmals die Mitglieder ihres Hofstaates biografisch beschrieben, so dass es schon ein gutes Namensgedächtnis erfordert, will man nicht schnell überfordert sein. Dabei fängt es schon mit dem Geburtsnamen der Kaiserin an: Auguste Viktoria Friederike Luise Feodora Jenny von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg.

Jörg Kirschstein schenkt auch anderen Aspekte reichlich Raum, wie beispielsweise den Räumlichkeiten im Berliner Schloss, welches Wilhelm II. als erster Kaiser zeitweise als Wohnsitz nutzte und welches aufgrund seiner Lage in der Mitte der Residenzstadt eine herausgehobene Stellung hatte. Einige Fotos aus dem Inneren des Gebäudes vermitteln einen guten Eindruck.

Wer sich für das Deutsche Kaiserreich, große Herrschaftsfamilien oder das Leben am Hofe, wo Auguste Victoria ihre Galakleider – jedes im Wert eines Jahresgehaltes eines Arbeiters im Jahr 1900 – maximal ein- bis zweimal trug, interessiert, findet hier einen sehr fundierten und bildgewaltigen Band, welcher der letzten deutschen Kaiserin würdig ist.

  • Autor: Jörg Kirschstein
  • Titel: Auguste Victoria
  • Verlag: be.bra Verlag
  • Umfang: 192 Seiten, 151 s/w Abbildungen
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: März 2021
  • ISBN: 978-3-86124-739-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 15/15 dpt

 


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