Leonard Bell – Der Petticoat Mörder

Unterhaltsamer Krimi aus Westberlin Ende der 1950er Jahre

Der Petticoat Mörder
© Ullstein

Juli 1958. Erster Arbeitstag für Fred Lemke beim LKA Berlin in der Mordkommission, einer Unterabteilung der Abteilung Delikte am Menschen. Sein neuer Vorgesetzter ist Kommissar Auweiler, der von Beginn an einen unsympathischen Eindruck erweckt. Mürrisch-arrogant, schnauzt er die Menschen in seinem Umfeld an, wählt bei seinen eigenen Ermittlungen jedoch gern den bequemsten Weg. Einen neuen Mord gilt es zu untersuchen, denn am Fennsee wurde ein Mann geradezu hingerichtet. Drei Schüsse trafen ihn, einer direkt ins Gesicht, weitere Patronen zeigen die Rage des Täters. Ein Zeuge namens Konrad Stehr, der seinen Hund in Hörweite zur Tatzeit spazieren führte, macht sich verdächtig, da er sich zunächst nur widerwillig äußert. Einen laustarken Streit zwischen dem Toten und einer Frau will er vernommen haben.

„Wir wissen ja noch nicht, ob er ermordet wurde.“ „Der Mann wurde von drei Schüssen getroffen: in die rechte Hand, in den Oberschenkel, ins Gesicht.“ „Klingt nicht wie ein Tod durch Altersschwäche.“

Neu beim LKA ist auch Ellen von Stain, die einzige Frau in der Abteilung und noch dazu als „Sonderermittlerin“ eingesetzt. Während Lemke haarklein Bericht erstatten und alles protokollieren muss, gelten für von Stain offenbar eigene Regeln; nämlich gar keine. Sie kann machen was sie will, die Kommissare sind der mysteriösen Kollegin nicht weisungsgebunden. Die Identität des Opfers steht bald fest: Es handelt sich um Heinz Obermann, Chef einer Installationsfirma und mit einem Faible für Seitensprünge. So rücken neben Konrad Stehr schnell die betrogene Ehefrau wie auch seine aktuelle Geliebte, die Varietétänzerin Mirna Laake, in den Fokus der Ermittlungen. Dabei stellt sich heraus, dass Obermann im Dritten Reich beim Reichssicherheitshauptamt arbeitete und für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich war. Sollte jemand nach dreizehn Jahren für damals begangene Verbrechen Rache geübt haben? Als Lemke diesen Aspekt in die Ermittlungen einfließen lassen möchte, wird er von seinen Vorgesetzten zurückgepfiffen. Man möge die Vergangenheit gefälligst ruhen lassen und sich auf den aktuellen Fall konzentrieren.

„Und wer soll denn bitte sehr dreizehn Jahre nach Kriegsende noch jeden Tag mit einer Pistole durch die Gegend streunen in der irrsinnigen Hoffnung, einem ehemaligen Gestapo-Mann zu begegnen, der ihm vermeintlich sonst was angetan hat, um ihn endlich zu erschießen?“ „Um das richtig einzuschätzen, müssen wir wissen, welche Funktion Heinz Obermann damals hatte. Die Frage ist, wie ich an diese Informationen komme?“ „Sie weigern sich beharrlich, es zu verstehen, Lemke, kann das sein? Was wollen Sie in der Vergangenheit herumwühlen, einer klumpigen, amorphen, unappetitlichen und in jeder Hinsicht undurchdringlichen Masse? Vor Ihrer Nase aufgereiht sehen Sie die Hauptverdächtigen: die Ehefrau., die Tänzerin, der Mann mit dem Hund…“

Krimiserien, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren spielen, gibt es inzwischen mehrere. Eine Krimireihe, die erst Ende der 1950er Jahre spielt, ist hingegen eine wohltuende Ausnahme, denn auch diese Zeit war mehr als spannend. Zwar ist der Mauerbau noch nicht in Sicht, doch die Spannungen zwischen Amerikanern und Russen sind im Alltag stets gegenwärtig. Der Aufbau der DDR schreitet unaufhaltsam voran, immer mehr Menschen denken an ein Leben im Westen, wo es zahlreiche Vergnügungsstätten gibt. Beispielsweise die Varietés, in die es das Ermittlerduo Lemke/von Stain mehrfach hinziehen wird. Die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten jener Zeit werden gut, wenngleich mitunter ein wenig oberflächlich abgebildet. Neue Musik, gespielt im amerikanischen Soldatensender AFN, sorgt für Aufbruchsstimmung, für die auch inzwischen rund 150.000 zugelassene Fahrzeuge sprechen; tägliche Verkehrsprobleme inbegriffen.

Ansprechender Serienstart mit Steigerungspotential

Die Polizeiarbeit wird ebenfalls umfassend dargestellt, wobei sich des Öfteren zeigen wird, dass selbst über ein Jahrzehnt nach Kriegsende noch an vielen Stellen Menschen sitzen, die in der alten Zeit verhaftet sind. Wenngleich sie dieser nicht mehr direkt nachtrauern, so versuchen sie doch zumindest, die damaligen Ereignisse unter den Teppich zu kehren und Betroffene zu schützen. Für Lemke ist dieser Verdrängungsmechanismus ein oftmals unerträglicher Zustand, der ihn noch dazu in seiner Arbeit behindert. Da hat es die selbstbewusste Kollegin von Stain schon einfacher, deren Rolle ebenso geheimnisvoll wie unglaubwürdig ist. Dass sich eine junge Frau in einer tief hierarchisch geprägten Institution, noch dazu in den 1950er Jahren, so frech und forsch verhält, darf getrost der dichterischen Freiheit des Autors zugeschrieben werden. Gespannt sein darf man trotzdem, welches Geheimnis sie verbirgt, das wohl erst im zweiten Teil der Serie aufgelöst wird. „Der weiße Panther“ ist für August 2021 angekündigt.

Insgesamt bietet „Der Petticoat Mörder“ einen bunten Mix aus Zeitgeschichte, Ermittlungstätigkeiten, diversen Verdächtigen und Rückblicken in eine dunkle Ära, die lange nach Kriegsende noch immer nachwirkt. Wenngleich Luft nach oben bleibt, ein ansprechend kurzweiliges Debüt ist „Der Petticoat Mörder“ auf jeden Fall.

  • Autor: Leonard Bell
  • Titel: Der Petticoat Mörder
  • Verlag: Ullstein
  • Umfang: 432 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: August 2020
  • ISBN: 978-3-548-06307-2
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 11/15 dpt


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