Marco Malvaldi – Der geheime Auftrag

Leonardo da Vinci ermittelt mit hohem Unterhaltungswert

Der geheime Auftrag
© C.Bertelsmann

Mailand, 1493. Über siebenundzwanzig Jahre ist Francesco Sforza bereits tot, doch eine bronzene Reiterstatur, die ihm zu Ehren auf dem Waffenplatz des Kastells errichtet werden soll, lässt weiter auf sich warten. Ausgerechnet der geniale Maler und Erfinder Leonardo da Vinci scheint hier an seine Grenze zu geraten, was Ludovico il Moro, den unehelichen Sohn Francescos und inzwischen der Herr von Mailand, umtreibt. Stattdessen stolpert eines Morgens ein Schlossknecht auf dem Waffenplatz über eine Leiche. Magister Ambrogio, der Hofastrologe, kann keine äußeren Verletzungen erkennen; auch eine Vergiftung oder eine Krankheit wie die Pest mag er ausschließen. Sein Befund weist auf eine unbekannte Krankheit hin, die Sterne haben es ihm bestätigt. Ludovico zieht Leonardo hinzu, da dieser sich für die menschliche Anatomie interessiert, um seine Gemälde echter aussehen zu lassen und dabei auch vor dem Sezieren von Leichnamen nicht zurückschreckt.

„Ich begreife es ebenso wenig, Ludocivo. Was ich am wenigsten begreife, ist, warum jemand diese Leiche mitten auf dem Hof abgeladen hat, wie eine Katze, die einen toten Vogel heimbringt. Ich verstehe nicht, wieso er das getan hat und was er sich davon verspricht.“ „Du fragst dich, warum, Galeazzo, weil du wie ein Soldat denkst. Ich bin ein Herrscher und frage mich: Wer? Ich frage mich, wer es war. Und ich weiß nicht, wem ich wirklich trauen darf.“

Leonardo untersucht den Leichnam und stellt fest, dass der tote Mann erstickt wurde. Wie Leonardo später zugeben muss, kannte er das Opfer, bei dem es sich um einen seiner früheren Schüler handelt. In dessen Wohnung findet sich das erforderliche Werkzeug, um Falschmünzen herzustellen und ein gefälschter Kreditbrief versetzt Ludovico zusätzlich in Unruhe. Während Leonardo versucht, den denkwürdigen Mord aufzuklären, beschäftigen Ludovico noch andere Sorgen. Seine Allerchristlichste Majestät Karl VIII., seines Zeichens König von Frankreich, plant einen Krieg gegen die Aragoner in Neapel. Zwar hat man noch keine geeigneten Transportmittel, um die schweren Kanonen über die Alpen zu transportieren, doch Ludovico hat bereits zugesagt, dass Karls Truppen durch Mailand ziehen dürfen. Dabei hofft Ludovico auf einen möglichst langanhaltenden Krieg zwischen Frankreich und Neapel, denn Feldherr des französischen Heeres ist der Herzog von Orléans, der Kraft seiner Abstammung Ansprüche auf das Herzogtum Mailand erhebt.

Bild- und wortgewaltiger Ausflug in die Renaissance

Vielleicht die wichtigste Information zu „Der geheime Auftrag“ vorneweg. Wer einen Historischen Kriminalroman „klassischer Prägung“ erwartet, könnte enttäuscht werden, denn Marco Malvaldi erzählt seine Geschichte keineswegs konsequent in der damals üblichen Sprache. Zwar werden zahlreiche, teils schwülstig verklausulierte und für die Renaissance gängigen Dialoge geführt, allerdings fließen auch immer wieder Wörter aus dem 21. Jahrhundert ein, was sicher nicht jedermanns Sache ist. So wird ein heißsporniger Prediger zum Influencer und ein Herzog, von denen es recht viele gibt, brüllt herum „wie der Trainer eines Drittligisten“. Wer sich an solchen modernen Anwandlungen stört sei hiermit gewarnt. Alle anderen werden an dem äußerst amüsanten Schreibstil, Fans des Autors kennen diesen aus seinen Anfängen (die Toskana-Krimis mit Massimo aus der „Bar Lume“), große Freude haben.

„Ich bitte Euch, Bruder Gionacchino, tretet näher. Ich bin neugierig, den Jesuitenprediger kennenzulernen, von dem ganz Mailand spricht.“ „Würdet Ihr diese Neugier verspüren, könntet Ihr in die Messe kommen, Eure Herrlichkeit.“

Der Krimiplot spielt zunächst keine Rolle, denn es gilt zunächst zahlreiche Figuren einzuführen. Zur besseren Orientierung gibt es vor Beginn der Romanhandlung eine Übersicht „Dramatis Personae“, die sich auf stolze acht Seiten erstreckt. Es wird anstrengend, alle Namen und deren Rollen auseinanderzuhalten, wenngleich schon das amüsante Namensregister zeigt, was einem erwartet. Beispiel: „Isabella von Aragòn: seine Braut. Man sieht sie nie, und das ist auch besser so.“

Die Welt der Renaissance, jene Epoche, die den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit darstellt, sowie die Stadt Mailand werden zum Leben erweckt. Es ist die Zeit der Kunst, der Alchemie, der Astrologie, aber auch die Zeit neuer Erfindungen. Einer der genialsten Erfinder ist der Protagonist Leonardo da Vinci, dessen Wirken selbstredend ebenfalls vorgestellt wird. Kein Wunder, dass es die Franzosen auf sein geheimnisumwobenes Notizbuch abgesehen haben, denn darin vermuten sie Skizzen für neue, schreckliche Kriegsgeräte und Wunderwaffen. So ist denn auch durchgängig nie ganz ersichtlich, wer auf welcher Seite steht, wer für und gegen wen intrigiert und seine Fäden zieht. Wie erwähnt spielt das liebe Geld eine zentrale Rolle und so erfährt man einiges über die damals florierenden Geldgeschäfte, vor allem über den Handel und Gebrauch von Kreditbriefen.

Kurzum: Geschichte trifft auf Humor. Marco Malvaldi beherrscht Beides. Ein toller Roman.

 

  • Autor: Marco Malvaldi
  • Titel: Der geheime Auftrag
  • Originaltitel: La misura dell‘uomo. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
  • Verlag: C.Bertelsmann
  • Umfang: 320 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: April 2021
  • ISBN: 978-3-570-10393-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 12/15 dpt


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