„Hieronymus Holstein, g’schamster Diener“*

Donaumelodien - Totentaufe
© Gmeiner

Wien, Herbst 1876. Geisterfotograf Hieronymus Holstein sucht gemeinsam mit seinem Freund Franziskus Maria Rudolphi, kurz der bucklige Franz, nach Leos Svoboda, dem Ehemann ihrer Vermieterin Anezka. Dieser hat sich nun schon seit gut vier Wochen nicht mehr blicken lassen, wobei Anezka weniger ihrer trunk- und gewaltsüchtigen Mann vermisst als vielmehr dessen finanzielle Unterstützung für sich und die sechs Kinder. Franz hilft gerne, wenngleich mit gemischten Gefühlen, denn mehr als einmal hat er mit Anezka inzwischen die Bettstatt geteilt. In den Ziegelwerken, wo Leos zuletzt arbeitete ist er seinen Job losgeworden und so führt die einzige Spur in die Kanalisation, wo die Obdachlosen und Strotter, jene Menschen, die in Abfällen nach Verwertbarem stöbern, tief unter der Erde wohnen. Während Franz in die Dunkelheit hinabsteigt, hofft Hieronymus auf ein Lebenszeichen seiner großen Liebe Karolina. Unlängst glaubte er, sie kurz in einer Menschenmenge gesehen zu haben, bis dahin war er fest davon überzeugt, dass sie vor neun Jahren starb. Die einzige Spur führt über Frantisek, Karolinas Bruder, der womöglich in Wien lebt. Doch in das melderechtliche Register erhalten Zivilisten keinen Einblick.

Hieronymus, der dem Wiener Polizeipräsident Wilhelm Marx auf spezielle Art eng verbunden ist, bittet diesen um Hilfe. Eine Gelegenheit, die Marx zu nutzen weiß, denn seit Tagen treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Waren die ersten beiden Opfer noch einfache Leute, so ist das aktuelle Opfer ein angesehener Arzt. Liefert Hieronymus den Mörder, erhält er im Gegenzug Frantiseks Adresse. Alle Opfer, so findet Hieronymus heraus, haben im Irrenturm der Stadt gearbeitet. Dieser wurde allerdings vor einigen Jahren geschlossen.

„Schluss mit dem Trachinieren!“**

„Totentaufe“ setzt zweieinhalb Monate nach „Praterblut“ die lesenswerte Reihe um den Geisterfotografen Hieronymus Holstein und den buckligen Franz fort, wobei natürlich viele Personen des Debüts wieder mit von der Partie sind, allen voran Anezka und Roswitha. Bei letztgenannter handelt es sich um das Pferd, welches den Schindelwagen der beiden ungleichen Partner zieht. Auf mehrere Ereignisse des Vorgängers wird angespielt, man kann aber auch direkt in den zweiten Teil einsteigen. Ermittelt wird, wie erwähnt, auf gleich drei Ebenen. Die Suche nach Leos, die Suche nach Karolina und vor allem die gemeinsame Suche nach einem Serienmörder, der seine Opfer brutal misshandelt, bevor diese einen qualvollen Tod sterben.

Sehr intensiv führt Autor Bastian Zach dieses Mal das Leben unter der Erde vor Augen, wo die Ärmsten der Ärmsten in einer Stadt in der Stadt vor sich hinvegetieren; überwiegend im Dunkeln und ohne jegliche Hygiene. Den Schmutz und den von den Fäkalien ausgehenden Gerüchen kann man förmlich sehen und riechen, Zach versteht es großartig, seine Leserschaft in die damalige Zeit zu entführen. Auch die Zustände im ehemaligen Narrenturm, die bis in die Gegenwart hineinwirken und das Motiv des gesuchten Mörders prägen, werden gut beleuchtet.

„Niemand mag Einiraunzer“***

Die Donaumelodien-Reihe ist für Fans historischer Kriminalromane ein Leckerbissen, denn sie stellt nicht nur ausgewählte Themen intensiv vor, sondern bietet auch mit Wien eine großartige Kulisse. Über deren (Sozial-)Geschichte und Bauwerke erfährt man einiges, zudem sind es aber natürlich die Figuren, die die Reihe aus der Masse hervorheben. Hieronymus wirkt nach dem Verlust seiner großen Liebe ein wenig verloren, hat aber das Herz am rechten Fleck, ebenso wie der bucklige Franz, der einst als Mönch tätig war, bevor er dem Alkohol verfiel und trunken unter ein Fuhrwerk geriet. Ein tolles Gespann, welches nicht selten durch bissige Dialoge zu gefallen weiß.

Zum Schluss ein Mini-Spoiler: Die Suche nach dem Serienmörder ist nach der Hälfte des Romans final aufgeklärt. Doch Hieronymus möchte mehr über das Motiv, die Ereignisse im Narrenturm und in der Folgezeit wissen. Somit geht es munter in die zweite Hälfte, wo die beiden Helden einmal mehr Kopf und Kragen riskieren.

* g’schamster – gehorsamster

** Trachinieren – Faulenzen

*** Einiraunzer – Schleimer

 

  • Autor: Bastian Zach
  • Titel: Donaumelodien – Totentaufe
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 313 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2021
  • ISBN: 978-3-8392-0021-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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