Wolfgang Franßen – Mado

“Mado” ist der erste Roman des Verlegers Wolfgang Franßen, dessen Polar-Verlag sich verdienstvoll um den Noir und seine nahen Verwandten kümmert. “Mado” besitzt Merkmale eines Noirs, ist aber kein Kriminalroman. Eher ein ganz spezieller Entwicklungsroman, dessen Besonderheit darin besteht, dass keine Entwicklung stattfindet. Sie ist beständig möglich, wird hinterfragt und geprobt, doch am Ende wartet wieder der Anfangspunkt. Die Hölle mögen die anderen sein, aber da existiert noch die selbst verschuldete, in der man dem Ego und seiner Erwartungshaltung nicht entkommen kann. Oder vielleicht doch?

Mado glaubt ihren gewalttätigen Freund, den Boxer Marcel erschlagen zu haben und flüchtet von Paris in ihre alte Heimat Bordeaux. Dort findet sie Unterschlupf bei ihrer Familie, arbeitet im Gasthof der verachteten Mutter, streitet sich mit ihrer kleinen Schwester, versucht sie ungelenk zu beschützen, und hält Kontakt zu ihrer idealisierten Großmutter Rosa. Die war einst eine große Nummer, verwickelt in Schwarzhandel, Schmuggel und andere illegale Geschäfte. Bis ein Medikamenten-Deal Todesopfer forderte und Rosa für neun Jahre ins Gefängnis brachte. Doch ein Schatten ihrer Macht ist noch erhalten, während sie sterbenskrank dem Tod entgegen taumelt.

Mado arrangiert sich mehr schlecht als recht, hegt große Pläne für ihre Zukunft, plant einen Bankraub mit Thierry, der sie anhimmelt, will wieder zurück nach Paris oder die weite Welt erkunden. Doch alles geht schief, teilweise auf klägliche Weise. In einer der gelungensten Passagen des Romans steht Mado maskiert in einer Bank, und weiß wie so oft nicht, wie sich verhalten soll. Also erstarrt sie zur Salzsäule, bevor ihr die Flucht gelingt. Ohne, dass irgendetwas passiert wäre. Eine Anekdote für die Medien, ein kleines Alltagsrätsel. Kommt eine Maskierte in die Bank und … tut nichts.

Doch Mado hat ein noch größeres Problem. Marcel ist nicht tot, er hat die Attacke überlebt und begibt sich verwirrt, wütend und geplagt von Kopfschmerzen auf die Suche nach Mado. Leichen pflastern seinen Weg, während er sich Mado nähert. Die Konfrontation scheint unausweichlich. Zu Mados Glück ist Marcel nicht der Hellste und es gibt noch Oma Rosa, die im Hintergrund ihre Fäden spinnt.

“Mado” ist ein Roman voller Verlierer, Verirrter und Menschen, die andere missbrauchen. Die Unschuld hat einen schweren Stand, Erwartungen ebenfalls, und es müssen nicht einmal hohe sein. Jeder begehrt etwas von seinem Gegenüber, das nicht erfüllt werden kann. Mittendrin Mado, im trotzigen Glauben, dass das Leben ihr etwas schuldig sei. Doch das Leben kümmert sich um niemanden, und Mado merkt nicht, wie sie die Menschen, die ihr vielleicht guttun könnten, verprellt oder ihnen sogar unwissentlich den Tod bringt. Sie tanzt permanent ums Feuer, und die Funken, die sie aufwirbelt, erhellen zwar die Nacht für wenige Augenblicke, brennen aber hässliche Löcher ins Gefüge.

Sprachlich beherrscht “Mado” die Gratwanderung zwischen Lakonik und stimmungsvollen Schilderungen, die jedoch keine frankophilen Pittoresken abfeiert. Franßens Sprache bleibt angenehm unaufgeregt, während sich seine Protagonist*innen betriebsam abmühen. Es herrscht eine Menge Bewegung in Mados kleiner Welt, immer im Kreis und selten nach vorn. Es wird viel gefühlt und wenig erkannt. Irgendwo im Hintergrund schwebt die vage Ahnung, dass Gefühle trügen. Doch bis zu einer Veränderung ist es – besonders bei Mado – noch weit. Vielleicht im nächsten Leben. Mit dieser Mutter aller wehmütigen Vertröstungen endet der Roman. Eine kleine, stellenweise verstörende wie faszinierende Studie in Verlorenheit.

Mit Claude Sautes gleichnamigem Film verbindet Wolfgang Franßens Buch nur der Titel. Und der seltsame Satz “Schluss mit allen Romy Schneiders dieser Welt”, die im Film “Mado” eine wichtige Nebenrolle bekleidete. Und dabei der literarischen “Mado” gar nicht so fern ist. Denn Romy Schneider, vor allem in ihrer französischen Zeit, war oft von einer ähnlichen, wenn auch verhuschteren, Orientierungs- und Ziellosigkeit geprägt wie Franßens Protagonistin.

Cover © Europa Verlag


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