Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Der Kranz (Buch)

Sigrid Undset: Kristin Lavranstochter. Der Kranz Cover: © Kröner Verlag

Der Roman spielt im Norwegen des 14. Jahrhunderts und nimmt uns mit in das Leben von Kristin, Tochter von Lavrans Bjørgulvssohn. Sie lebt mit ihrem Vater, der Mutter und ihren Geschwistern auf dem Jørundhof. Ihr Alltag ist geprägt von der harten Arbeit des Landadels und doch ist sie glücklich: Sie vergöttert ihren Vater und die Familie genießt hohes Ansehen. Doch schon bald sieht sich Kristin Lavranstochter vom Schicksal herausgefordert: Ihre Schwester verunglückt, ein Mord geschieht und sie verliebt sich in einen Mann, der für sie nicht vorgesehen ist …

Die norwegische Autorin Sigrid Undset (1882-1949) veröffentlichte „Der Kranz“ bereits im Jahr 1920. Mit ihren starken Frauenfiguren sorgte sie damals für Skandale und wurde durch ihr antifaschistisches Engagement zur Zielscheibe der Nationalsozialisten, vor denen sie sich nach der Besetzung Norwegens durch eine Flucht auf Skiern (!) durch das Gebirge retten konnte.
Der Kröner Verlag gab im Mai dieses Jahres eine Neuübersetzung des Romans von Gabriele Haefs heraus: Die erste deutsche Fassung aus dem Erscheinungsjahr des Romans legt den Verdacht nahe, dass die damalige Übersetzung aus dem Dänischen und nicht aus dem Norwegischen erfolgte.
„Der Kranz“ ist der erste Teil einer Trilogie um das Leben von Kristin Lavranstochter, wofür die Autorin „für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter“ 1928 den Literaturnobelpreis erhielt. Der zweite Band wird im Oktober 2021 bei Kröner erscheinen.

Hintergrund

Schauplatz der Handlung ist das heutige Mittelnorwegen, rund um den Binnensee Mjøsa. Die Christianisierung ist bereits abgeschlossen, das Pflegen heidnischer Kulte und Bräuche wird verfolgt und spielt im dramatischen Geschehen des Romans am Rande eine Rolle. Die Wikingerzeit ist vorüber, mehr oder weniger friedlicher Handel sorgte für wachsenden Wohlstand im Land. (vgl. Glossar im Anhang des Romans.)

Eindrucksvoll entführt die Autorin alle Leserinnen und Leser in eine ferne Zeit: Kinder trinken Met und Bier und man erkennt Ritter an goldenen Sporen. Briefe werden per Bote zu Pferd übermittelt und unverheiratete Frauen (Jungfrauen) dürfen nie ohne Begleitung den heimatlichen Hof verlassen. Geistliche üben gleichzeitig den Beruf des Arztes aus und Hierarchien des Standes bestimmen das soziale Leben. Frauen müssen sich in ihre Rolle fügen und dem vorgesehenen Plan folgen: Der Vater entscheidet über die beste Partie für die Tochter, an Liebesheirat ist nicht zu denken. Ist die Tochter körperlich versehrt, kann diese nicht verheiratet werden und ist für ein Leben im Kloster vorgesehen. Die Ehre der Familie zu bewahren, gilt als höchstes Ziel der Frauen.

Handlung

Kristin Lavranstochter liebt es als kleines Mädchen, von ihrem Vater Lavrans auf seinem Pferd Gullsvein auf Streifzüge mitgenommen zu werden. Der als mutiger Mann und tüchtiger Bauer geschätzte Lavrans hütet die kleine Tochter mit den langen blonden Haaren wie seinen Augapfel und erklärt ihr die Welt. Ihr bester Freund ist der Knecht Arne Gyrdssohn von Finsbrekken, mit dem sie viel Zeit verbringt. Ihre Mutter Ragnfrid gilt als schwermütig und zeigt sich auch der Tochter gegenüber zurückhaltend. Auf einer der Reisen trifft Kristin den Mönch Bruder Edvin, der ihr schon bald ein Vertrauter wird und bei dem sie als junge Frau Rat sucht.

Von ihrer Kindheit muss Kristin sich spätestens bei der Verkündung ihrer Verlobung mit Simon Andressohn verabschieden. Da Kristin bereits zwei große Schicksalsschläge erleiden musste, holt sie sich von ihrem Vater die Erlaubnis, noch vor der Hochzeit ein Jahr in einem Kloster zu verbringen. In dieser Zeit passiert ihr das, was niemals hätte passieren dürfen. Sie verliebt sich unsterblich in einen anderen Mann und steht vor der Entscheidung: Entsagt sie dem persönlichen Glück und bewahrt ihre Tugend oder flieht sie mit dem Geliebten und stürzt ihre Familie in Schande? Oder kann sie vielleicht sogar ihren Vater davon überzeugen, dass sie und Erlend Nikulaussohn zusammengehören?

‘Mein Vater hat so oft gesagt, dass er uns Töchter nicht zwingen will’, sagte Kristin. […] Ihr kam eine Ahnung, dass es vielleicht nicht ganz so leicht sein würde, aber diesen Gedanken unterdrückte sie sofort.'Der Kranz', S. 172

Fazit

Dass der Roman vor etwas mehr als hundert Jahren geschrieben worden ist, merkt man ihm nicht an, er liest sich flüssig. Vermutlich liegt das auch an der gelungenen Neuübersetzung von Gabriele Haefs, die für ihre Arbeit unter anderem mit dem Königlich-Norwegischen Verdienstorden (2011) ausgezeichnet wurde.
Durch viele unvorhersehbare Ereignisse bleibt der Plot spannend und auch wenn die Handlung pausiert: Langweilig wird es dank wunderbarer Landschafts- und Alltagsbeschreibungen oder der Einführung neuer Charaktere nie. Der Anhang des Buches enthält ein Glossar mit der Einordnung der Handlung in den historischen Kontext sowie Begriffserklärungen – diese werden im Fließtext nicht markiert, es lohnt sich also, vorher schon einmal durchzublättern. Das Hardcover punktet durch seine schöne Gestaltung des Titelbilds sowie einem Buchrücken aus Leinen und Lesebändchen. Eine Leseempfehlung (natürlich) nicht nur für Frauen und Fans mittelalterlicher Geschichte. Mit Freuden kann der zweite Teil der Trilogie, dieser erstaunlichen Wiederentdeckung der norwegischen Literaturnobelpreisträgerin, in Kürze erwartet werden …

  • Autorin: Sigrid Undset
  • Titel: Kristin Lavranstochter. Der Kranz
  • Band der Reihe: 1 von 3
  • Originaltitel: Kristin Lavransdatter. Kransen
  • Übersetzer: Gabriele Haefs
  • Verlag: Kröner Verlag
  • Erschienen: Mai 2021
  • Einband: Hardcover (Halbleinen)
  • Seiten: 382
  • ISBN: 978-3-520-62101-6
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


Wertung: 15/15 dpt


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