Was nicht sein darf

Verlorene Engel
© dtv

Oktober 1956. Genosse Helfrich, Leiter der Sitte bei der Kriminalpolizei Dresden, jagt einen Serienvergewaltiger, dem bereits einige Frauen zum Opfer gefallen sind. Doch da es so etwas in der DDR nicht geben darf, zögert man mit einer Warnung der Bevölkerung. Stattdessen treibt die Mundpropaganda ihr Unwesen, was sich noch steigert, als unter der Fußgängerbrücke über Prießnitz-Bach nahe der Elbe eine tote Frau gefunden wird. Oberkommissar Max Heller und sein Kollege Werner Oldenbusch übernehmen die Ermittlungen, die vor allem darunter leiden, dass die betroffenen Frauen traumatisiert sind und nicht mit der Polizei reden wollen. Mit zunehmender Dauer steigt nicht nur der Frust der Polizisten, sondern auch der Druck aus der Bevölkerung, denn es bildet sich ein Lynchmob, angestachelt vom Vater einer betroffenen Jugendlichen.

Dann gibt es erste Verdächtige. Ein durch Kriegsgeschehnisse schwer entstellter Mann, der seitdem als Krüppel und somit gerne als Sündenbock gilt. Der Nachbar der ermordeten Marie Pressler, der dieser gelegentlich im Haus half und der womöglich auch mit dem Verschwinden von Sabine Koch zu tun hat. Pressler und Koch waren unzertrennlich, doch kaum haben die Ermittlungen im Mordfall Pressler begonnen, verschwindet Koch von der Bildfläche. Die Jagd nach dem Vergewaltiger und Mörder fordert den Beamten alles ab, denn im Hintergrund schart das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mit den Füßen und selbst die Russen zeigen verstärkt Präsenz, was aber eher mit dem aktuellen Aufstand in Ungarn zusammenhängt. Und als wäre der ermüdende Dauereinsatz für Heller nicht schon anstrengend genug, bahnt sich zuhause eine Katstrophe an. Die Schulleistungen von Adoptivtochter Anni werden schlechter und als diese gar herausfindet, dass Karin und Max nicht ihre leiblichen Eltern sind, droht die Lage zu eskalieren.

Ermittlungen treffen auf familiäre Probleme

„Verlorene Engel“ ist der bereits sechste Fall für Oberkommissar Max Heller, der erstmals im November 1944 in „Der Angstmann“ auftrat und vermutlich zum letzten Mal in „Feind des Volkes“ in Erscheinung treten wird (erschienen im September 2021); so lässt es jedenfalls der Untertitel „Max Hellers letzter Fall“ vermuten. Eigentlich schade, denn die Reihe von Frank Goldammer gibt interessante Einblicke in die Nachkriegszeit und die Gründungsjahre der DDR. Ersteres bieten andere Serien zwar auch, allerdings spielen diese in der Regel in Westdeutschland.

„Dieser Mann muss gestoppt werden. So etwas darf es hier bei uns nicht geben. Und ehrlich gesagt, die Idee mit dem Lockvogel scheint mir bei genauerer Betrachtung immer besser. Wir müssen agieren, anstatt zu reagieren. Wir müssen Ort und Zeit vorgeben. Es kann nicht jede Person überprüft werden.“
Heller entfuhr ein leises Schnauben. Es gab ein ganzes Ministerium, das sich genau damit beschäftigte, dachte er bei sich.

Im vorliegenden Fall gibt es die üblichen Konstruktionen, wenngleich mit leichten Abweichungen. Klaus Heller ist weiterhin ein eifriger Verfechter des Sozialismus und dessen Errungenschaften, macht bei der Staatssicherheit Karriere und hält womöglich im Hintergrund ab und an die Hand über seinen Vater, der partout nicht in die SED eintreten will. Dabei könnte dies seine Karriere fördern, denn sein Chef Niesbach, Leiter der Kripo Dresden, wird zum Jahresende in den Ruhestand gehen. Dass das Verhältnis zwischen Max und Klaus stark unterkühlt ist, ist aus den Vorgängern hinlänglich bekannt und so verzichtet der Autor im aktuellen Fall auf erneute politische Streitereien zwischen den beiden.

Wie erwähnt gerät das Privatleben von Karin und Max ins Wanken, da Adoptivtochter Anni plötzlich Schwierigkeiten macht. Oder liegen diese an ihrer besten Freundin Vera, die direkt gegenüber der Hellers wohnt und aus deren Haus ständig Schreie zu hören sind. Ihr kleiner Bruder, noch ein Säugling, hat große Magenschmerzen, während die Mutter völlig überfordert ist und ihre Tochter vernachlässigt. Mit viel Empathie wird das Familienleben der Kellers beschrieben, welches nahezu zwangsläufig Auswirkungen auf das Erzähltempo beim Krimiplot hat. Soll heißen, dass es einige Längen gibt, die dadurch verstärkt werden, dass vor allem zu Beginn die Handlung wenig Fahrt aufnimmt. Nachts wird mit vollem Einsatz patroulliert und beobachtet, um den gesuchten Vergewaltiger zu entdecken, doch da sich dieser nicht greifen lässt, passiert de facto wenig. Allerdings wird der Polizeialltag recht realistisch geschildert, der eben nicht nur durchgehend aus Action besteht.

Auffällig zurückhaltend sind auch der MfS sowie die Russen. Der Volksaufstand in Ungarn dient nur zum zeitgeschichtlichen Hintergrund und wird kaum näher thematisiert. Klaus tritt nur in einer Situation in Erscheinung und auch Alexej Saizev vom russischen Geheimdienst – Lesern der Reihe bestens vertraut -, hat nur minimale Kurzauftritte. Dennoch, wer die Serie kennt und mag, bleibt am Ball und wird mit gemischten Gefühlen „Feind des Volkes“ entgegensehen.

  • Autor: Frank Goldammer
  • Titel: Verlorene Engel
  • Verlag: dtv
  • Umfang: 399 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: April 2021
  • ISBN: 978-3-423-21995-2
  • Produktseite


Wertung: 11/15 dpt


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