Wiederentdeckte Literaturperle

Coverbild. Die Abenteuer des Müllers Crispin (c) Elsinor-Verlag

Schon mal von Juliane Karwath gehört? Oder sogar etwas von ihr gelesen?
Ich vermute nein. Denn die Schriftstellerin, die 1877 in Straßburg geboren wurde, in Schlesien und später Thüringen lebte und arbeite, bis sie 1931 in Weimar starb, besitzt noch nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag.
Dabei hat sie 10 Romane und einige Novellen publiziert, darunter auch die vorliegende Erzählung „Die Abenteuer des Müllers Crispin“, die im November 2021 im Elsinor-Verlag neu aufgelegt wurde.

Hinter der Neuauflage steht der Schriftsteller und Literaturarchäologe Martin A. Völker, der mit dieser Ausgabe und seinem ausführlichen Nachwort der in Vergessenheit geratenen Karwath ein kleines literarisches Denkmal setzt.

Ganz wie der Titel „Die Abenteuer des Müllers Crispin“ suggeriert geht es in der Erzählung um einen jungen Müller, der auf seiner Wanderschaft einige Abenteuer erlebt.

“Aber der Crispin ist ein Müller, und die Müller erleben von alters her immer das Meiste!”

Karwath kleidet die märchenhafte Handlung in eine sehr kraftvolle Prosa, die die Grenze zwischen Natur und Sagenwelt aufhebt.

Die Autorin kombiniert den traditionellen Plot mit einem überraschend modernen expressionistischen Stil. Ihre Phantastik nährt sie mit regionalen Sagenlementen. Crispin begegnet Werwölfen und anderen magischen Wesen. Dabei erzeugt Karwath eine Erlebniswelt, die dem Wunderhaften, dem Unerklärlichen, einen eigenen geschützten Raum erlaubt, wodurch sie das Zauberhafte, das Archaische, in ihre Moderne überträgt und der universellen Frage nach der Identität des Einzelnen zuordnet.

Karwaths Texte entsprachen nicht dem, was man damals unter weiblicher Literatur verstand. So blieb die Autorin bereits zu Lebzeiten dem großen Lesepublikum eher unbekannt. Unter den Nationalsozialisten wurde ihr Werk noch weiter ins Abseits gedrängt. Man störte sich an der polnischen Abstammung ihres Vaters. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Karwath schließlich gänzlich in Vergessenheit geraten.

Auch 100 Jahre nach der ersten Veröffentlichung ist Karwaths Erzählung unterhaltsam und gut lesbar. Fans klassischer Literatur werden in ihrer Sprache echte Wortperlen entdecken.

Die Neuauflage von Karwaths Erzählung erscheint wie eine Reaktion auf Nicole Seiferts Forderung, endlich den Autorinnen ihren vorenthaltenen Platz in der Literaturgeschichte einzuräumen. Der Elsinor Verlag ist diesem Anliegen tatsächlich sogar zuvorgekommen . Und vielleicht erhält Juliane Karwath jetzt auch endlich den verdienten Wikipedia-Eintrag.

  • Autor: Juliane Karwath
  • Titel: Die Abenteuer des Müllers Crispin
  • Herausgeber: Martin A. Völker
  • Verlag: Elsinor Verlag
  • Erschienen: Novmber 2021 (Neuauflage; Original von 1921)
  • Einband: Flexibler Einband
  • Seiten: 160 Seiten
  • ISBN: 9783942788588


Wertung: 12/15 dpt


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