Martin von Arndt – Wie wir töten, wie wir sterben (Buch)

Wie wir töten, wie wir sterben
© ars vivendi

Deutsche Nachkriegszeit und der Algerienkrieg

Spätherbst 1961. Dan Vanuzzi, einst für den amerikanischen CIC, den britischen MI6 sowie den israelischen Mossad tätig, nennt sich inzwischen „unabhängiger Informationsbeschaffer“ und ist mal wieder pleite. Als Boxer verdient er sich mit abgesprochenen Showkämpfen etwas Geld, doch nachdem er sich in seinem letzten Kampf nicht an die Absprachen gehalten hat, sind nun einige Leute sauer, da sie viel Geld beim Wetten verloren haben. Da kommt ein neuer Auftrag natürlich genau richtig, wenngleich dieser nicht ganz dursichtig erscheint. Sélestat, so nennt sich sein Auftraggeber, der für den französischen Auslandsnachrichtendienst SDECE arbeitet, beauftragt Vanuzzi zwei in Deutschland untergetauchte Algerier namens Youssef Ben Kemali und Said Djefal aufzutreiben und diese in Frankreich dem Geheimdienst zu übergeben.

Ich möchte Sie vor 1964 nicht mehr sehen.“
„Warum 1964?“
„Dann endet meine Akkreditierung in der BRD. Die Sache, an der Sie dran sind, ist très délicat. Um nicht zu sagen: Sie stinkt zum Himmel! Und ich habe eine sehr feine Nase.

Währenddessen befindet sich der Mossad-Agent Ephraim Rosenberg auf einem privaten Rachefeldzug, denn der frühere SS-Standartenführer Arthur Hermann Florstedt, einstiger Erster Lagerführer von Buchenwald und späterer Kommandant im Vernichtungslager Majdanek, ist auch für die Ermordung von Rosenbergs Familie verantwortlich. Vanuzzi und Rosenberg kennen sich von ihrer gemeinsamen Zeit beim Mossad und laufen sich in Deutschland eher zufällig über den Weg. Gemeinsam führt ihre Spurensuche nach Bonn, Köln sowie ins Ruhrgebiet.

Anspruchsvoller Politthriller im Stil eines Hardboiled

Martin von Arndt ist ein Autor dessen Namen man kennen sollte, sofern man gerne zeithistorische Politthriller liest. „Die Tage der Nemesis“ (Hintergrund ist der Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/1916), „Rattenlinien“ (Fluchtrouten deutscher Kriegsverbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg nach Übersee) und „Sojus“ (Ungarischer Volksaufstand im Spätherbst 1956) sind im Verlag ars vivendi erschienen, der auch sein aktuelles Werk „Wie wir töten, wie wir sterben“ verlegt hat. Hierin geht es vor allem um den Algerienkrieg (1954-1962) und zum Teil um dessen Auswirkungen auf die Bundesrepublik. Diese hat noch gut die Aktionen der „Roten Hand“ (empfehlenswert: Jürgen Heimbach „Die Rote Hand“) in Erinnerung, eine terroristische Organisation innerhalb des französischen Geheimdienstes, die in den 1950er Jahren auch Anschläge gegen algerische Unterstützer auf deutschem Boden verübte. Ein solcher Skandal soll sich aus politischen Gründen nicht wiederholen, daher sollen die beiden gesuchten Algerier in Frankreich übergeben werden.

Sie meinen die FNF…?“
„Porca Madonna! Verschonen Sie mich mit diesen Abkürzungen, Veedee.“
„Die Fédération de France du FLN.“
„Warum agiert die von der BRD aus?“
„Vor drei Jahren ist der FNF der Boden in Frankreich zu heiß geworden, also haben sie ins Wilaya Deutschland gewechselt.“
„Wilaya?“
„Der FLN hat ganz Europa informell in Wilayas, Provinzen, unterteilt.

Am Ende des Buches befindet sich ein dreiseitiges Glossar, in dem zahlreiche Abkürzungen wie ALN, FLN, OAS und viele mehr erläutert werden, was hilfreich ist, sollte man während des Romans mal den Überblick verlieren. Doch dies ist kein Grund zur Abschreckung, denn der Thriller kommt im Stil eines hardboiled daher. Der abgebrannte Ermittler, der auf einen Auftrag dringend angewiesen ist, dabei eine ebenso geheimnisvolle wie attraktive Frau kennenlernt, tage- und nächtelang langwierige Observierungen und Befragungen vornimmt und dabei selbstredend eine Waffe bei sich trägt, für den Fall, dass die Fäuste allein nicht ausreichen; dies kommt einem bekannt vor. Raymond Chandler lässt stellvertretend grüßen.

Neben reichlich Action erfährt man interessante Hintergründe über den Algerienkrieg und dessen Auswirkungen auf die Franzosen und eben auch auf Deutschland, denn hierhin ziehen sich viele Algerier zurück, wohlwissend das die BRD sie nicht an Frankreich ausliefern wird. Die angekündigte Zusammenarbeit zwischen Vanuzzi und Rosenberg findet reichlich spät statt, wobei insbesondere jener Erzählstrang, der Rosenberg gewidmet ist, sicher nicht jedem Leser gefallen dürfte. Dessen Auflösung ist natürlich Geschmacksache, über die sich aber im vorliegenden Fall trefflich streiten lässt. Gleichwohl ein klares Fazit: „Wie wir töten, wie wir sterben“ ist für Freunde des Politthrillers eine klare Empfehlung.

  • Autor: Martin von Arndt
  • Titel: Wie wir töten, wie wir sterben
  • Verlag: ars vivendi
  • Umfang: 302 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: November 2021
  • ISBN: 978-3-7472-0329-3
  • Produktseite  


Wertung: 12/15 dpt


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