Max Korn – Talberg 1977 (Buch)

Talberg zieht Verbrechen magisch an

„Talberg 1977“
© Heyne

Maria Steiner, zweiundsiebzig Jahre alt, lebt allein in einem Haus auf einer Lichtung, welches sie von ihrer Tante Brunhilde erhalten hat. Bruni ist seit zwanzig Jahren tot, genauso wie Marias Ehemänner. Als Jugendliche musste sie den alten Fritz Steiner, einen gewalttätigen Säufer, heiraten, zweieinhalb Jahre später dessen Sohn Jakob, der 1944 in den Krieg zog. Seitdem lebt sie in dem Haus umgeben von Wald, zumal sie bei ihrem Vater und ihrer verhassten Stiefmutter nicht mehr wohnen konnte. Um Maria ist es einsam geworden, eine Ruhe, die sie genießt, zumal sie sich ohnehin mehr zu dem sie umgebenden Wald hingezogen fühlt. Das nächstgelegene Dorf Talberg ist fünf Kilometer entfernt, die Einheimischen dort sehen in ihr wahlweise eine Hexe oder ein Kräuterweib, deren Nähe man meidet.

Die Leute reden, das war schon immer so. Das macht es für den einen oder anderen einfacher. Man braucht die Schuld dann nicht bei sich selber suchen

Besuch bekommt Maria so gut wie nie, daher hat es ein Montag im Jahr 1977 in sich. Zunächst kommt der Jäger um Marias Schäferhund zu erschießen, nachdem dieser einen Menschen angefallen hat. Kaum ist der Jäger weg erscheint Heike Wasner, die fünfzehnjährige Tochter des Talberger Metzgers und bittet Maria um ein Mittel, da sie ungewollt schwanger wurde. Und wäre dies nicht schon aufregend genug, erscheint noch ein bibeltreuer Pilger, der darum ersucht, in Marias Stall die kommende Nacht verbringen zu dürfen.

Am nächsten Morgen ist der Pilger verschwunden und dies nicht nur aus dem Stall, sondern ganz allgemein, was wenig später die Polizei in Person von Kriminalinspektor Walter Göhring auf den Plan rufen wird. Dann kommt überraschend der Postbote mit einem Brief für Maria. Dies gab es schon lange nicht mehr und dennoch erkennt Maria die Handschrift sofort. Obwohl der Brief nur fünf Tage zurückdatiert ist, ist er offensichtlich von Bruni. Maria hat kaum Zeit zu begreifen, was alles um sie herum geschieht, da steht schon der aufgebrachte Metzger vor der Tür.

Packender Suspense Thriller mit grunddüsterer Stimmung

Das in Bayern gelegene Talberg (das reale Thalberg im Landkreis Passau steht geografisch Pate) zieht die Verbrechen magisch an. Dabei sind es vor allem jene, die in der Familie oder in der Beziehung zweier Menschen stattfinden und kaum nach außen sichtbar werden. Wer die grunddüstere Stimmung des ersten Teils der Trilogie kennt, weiß was ihn erwartet. Man kann den Mittelteil für sich allein lesen, ja, allerdings sollte man dies nach Möglichkeit vermeiden. „Talberg 1935“ findet sich hier immer wieder, mal offensichtlich, mal subtil. Doch während im Vorgänger der erste Tote nicht lange auf sich warten ließ, ist man hier erst nach rund zwei Dritteln des Romans sicher, dass überhaupt ein Verbrechen stattgefunden hat; von den Verbrechen und Misshandlungen innerhalb einer Familie respektive Ehe oder gegen Ende des Krieges einmal abgesehen. Bis dahin sucht Inspektor Göhring den vermissten Pilger ohne jeglichen Hinweis darauf, dass dieser unfreiwillig verschwand.  

Sie haben mir geschrieben, du bist tot.“
„Ich weiß nicht, was ich bin.

„Talberg 1977“ ist – wie schon der Vorgänger – ein packender Roman, der sich durchaus als Krimi lesen lässt. Das allerlei Unheil in der Luft liegt wird schnell klar, denn viele schlechte Geschehnisse aus der Vergangenheit wirken in die Gegenwart hinein. Brillant setzt Max Korn (Luis Sellano), den man auch unter seinem richtigen Namen Oliver Kern kennen mag, zahlreiche Cliffhanger. Das bedrohliche Dunkel aus dem Wald sorgt dafür, dass Maria, die ohnehin eher an Waldgeister denn an Gott glaubt, was sie noch mehr für die Dörfler zur vermeintlichen Hexe macht, bald nicht mehr ihrer eigenen Wahrnehmung traut. War jemand in ihrem Haus? Wird sie aus oder gar vom Wald beobachtet?

Die Handlung wechselt überwiegend zwischen zwei Hauptfiguren: Maria und Josef, wobei hier über Letzteren nichts verraten werden soll, außer dass er der Sohn von Mathilde ist, die wiederum die Tochter von Bruni ist und schon 1955 an einer Pilzvergiftung verstarb. Zu der Zeit wohnte sie vorübergehend bei Maria, die als Pflanzen- und Kräuterkundige wohl ein bisschen mehr hätte aufpassen können.

Wir haben schon immer Hexen im Ort gehabt. Oder warum, glauben Sie, passieren in Talberg ständig diese unheilvollen Dinge?

Die Familienverhältnisse sind mitunter kompliziert, werden aber sauber aufgezeigt, wenngleich teils zeitlich versetzt. Zahlreiche Rückblenden bringen mehr und mehr Licht in das große Ganze, welches sich erst im „Finale“ aufklärt. Jedenfalls zum großen Teil und dies durchaus konsequent im Ergebnis; will sagen, es bleiben für Kriminalinspektor Göhring einige Fragen offen. Zum Beispiel jene, wer den letzten Mord, es gibt derer zwei (womöglich sogar drei), begangen hat? „Talberg 1977“ ist ein Roman, auf den man sich einlassen muss und der mit erhöhter Aufmerksamkeit zu lesen ist. Nochmals die Empfehlung, zuvor „Talberg 1935“ zu lesen!

Auch an dieser Stelle der Hinweis: Im vorderen Innenteil der Klappbroschur befindet sich ein hilfreiches Namensregister, das man leicht überschlagen kann.

Und zu guter Letzt: Hier finden Sie eine Rezension zu „Talberg 1935“.

  • Autor: Max Korn
  • Titel: Talberg 1977
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 384 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2022
  • ISBN: 978-3-453-42460-9
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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