Düsteres Meisterwerk aus Schottland

Der Bruch
© Polar

Der siebzehnjährige Tyler Wallace lebt zusammen mit seiner Mutter Angela und der siebenjährigen Halbschwester Bean in Niddrie, einem der härtesten sozialen Brennpunkte Edinburghs. In der Nachbarwohnung leben weitere Halbgeschwister; Barry und Kelly, mit denen Tyler nachts durch die Gegend zieht, um in Häuser einzubrechen. Tyler ist von kleiner Statur und somit ideal geeignet, durch schmale Fenster einzusteigen und danach seinen Geschwistern die Tür zu öffnen. Doch eines nachts gerät ein Bruch völlig aus dem Ruder, denn Hausherrin Monica überrascht das Trio, woraufhin Barry diese niedersticht. Tyler angelt sich deren Mobiltelefon, mit dem er wenig später heimlich den Rettungsdienst alarmiert.

Der titelgebende Bruch ist nur der Anfang, die große Katastrophe wird durch diesen erst ausgelöst. Denn Monica, die nun im Koma liegt, ist die Ehefrau von Deke Holt, Chef der übelsten kriminellen Großfamilie Edinburghs; eine Legende in Niddrie. Deke hat kein Interesse daran, die Polizei einzuschalten, dass regeln er und seine Leute schon selber. In der Haut der Täter möchte man jedenfalls nicht stecken, denn deren baldiges Ableben scheint sicher. Tyler sieht sich zunehmend der Gewalt seines Bruders ausgesetzt, will mit allen Mitteln Bean schützen und gerät zudem von der Polizei unter Druck. Detective Inspector Pearce ahnt, wer die Einbrecher waren und hofft, mit Tylers Hilfe endlich Barry aus dem Verkehr ziehen zu können. Tyler verweigert jede Hilfe, denn an diese glaubt er nicht. Die Polizei kann ihn nicht schützen; weder vor Barry noch vor Deke.

„Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen, und ich bin schon hier. Wir haben noch nicht mal die Überwachungskameras von der Straße ausgewertet. Und die Spurensicherung. Bei einem Einbruch würden wir normalerweise keinen großen Aufwand betreiben, aber versuchter Mord ist etwas völlig anderes. Und Menschen reden. Wenn sie nicht mit uns reden, dann werden sie mit Deke Holt reden, und das weißt du. Die Uhr tickt.“

Als er bei einem Soloeinbruch zufällig die fast gleichaltrige Flick trifft, die aus Rache in das Haus ihres Ex-Freundes einbrechen wollte, freunden sich die beiden an. Doch damit werden Tylers Probleme keineswegs kleiner.

Dysfunktionale Familien und die Frage warum Verbrechen entstehen?

Tyler Wallace ist ein tragischer Held. Verzweifelt kümmert er sich liebe- und aufopferungsvoll um seine kleine Schwester und wird doch von seinem Halbbruder, einem sadistischen Psychopathen, immer wieder gegen seinen Willen in die Kriminalität hineingezogen. Dass Barry und Kelly ständig Drogen und Alkohol nehmen macht es nicht besser; ihr inzestuöses Verhältnis erst recht nicht. Mutter Angela ist keine Hilfe, sondern eine weitere Belastung. Auch sie ist seit langem Opfer von Alkohol und Heroin, meist völlig weggetreten. Ihre früheren Männerbekanntschaften zur Finanzierung ihres Drogenkonsums erklären Tylers Halbgeschwister.

Sie war ein kluges Mädchen und wusste genau, was los war. Wenn man hier aufwuchs, wurde man entweder schnell erwachsen oder abgehängt. Drogensüchtige und gewalttätige Eltern gab es in diesem Viertel überall, drei Generationen kaputter und ausrangierter Loser von vorne bis hinten. Über die Hälfte der Kids in Beans Klasse hatten nur einen Elternteil, und die Hälfte von denen wiederum galt als gefährdet.

„Der Bruch“ ist kein gewöhnlicher Krimi, sondern ein Noir der Extraklasse, der seine Leser direkt zu dem Bodensatz der Gesellschaft führt. Wer in Niddrie lebt, hat von Beginn an verloren, denn selbst diejenigen, die die Schule abschließen, können sich eine teure Ausbildung für einen besseren Job nicht leisten. Die Jungs landen häufig bei der Armee, die diese eifrig als billiges Kanonenfutter für Auslandseinsätze umwirbt, oder driften in jene Kriminalität ab, mit der sie von klein an aufwuchsen. So wundert sich Tyler, dass sich Flick scheinbar zu ihm hingezogen fühlt, denn Flick besucht das Eliteinternat von Inveresk, welches allein jährlich dreißigtausend Pfund an Schulgeld abruft. Ihre Eltern sind steinreich, machen Karriere in der Armee und leben überwiegend im Ausland. So ist die scheinbar privilegierte Flick ebenfalls auf sich allein gestellt, was sie mit Tyler gemein hat. In einer düster und brutal erzählten Geschichte, in der sich die Frage stellt, wie viele Opfer die Gewaltspirale am Ende mit sich reißen wird, erscheint die zarte Liebesbande ein kleiner Lichtstreif am Horizont zu sein.

„Selbstmordgedanken?“

„Ich hab nie … du weißt schon. Aber ich hab drüber nachgedacht. Als einen Ausweg.“

„Einen Ausweg“, wiederholte Tyler. Er dachte darüber nach. Genau das war es, was er brauchte, einen Ausweg aus allem.

Was den vorliegenden Roman auszeichnet ist vor allem, dass er die Frage aufwirft, wie Kriminalität entsteht und dies nicht literarisch, sondern knallhart an der Realität orientiert. Die Mär, dass jeder seinen eigenen Weg gehen kann, wenn er sich nur Mühe gibt, ist schnell widerlegt. Aufstiegschancen sind für Menschen der Unterschicht kaum möglich, ein Überleben im den Alltag verdrängenden Drogen- und Alkoholrausch scheint der verlockendere Weg, zumal wenn man durch kriminelle Subjekte wie Barry mit brutaler Gewalt zum Mitmachen gezwungen wird. Weigert sich Tyler, gerät Bean in Gefahr. Die Polizei ist machtlos, ein Teufelskreis. Wer verstehen will, warum Tyler macht was er macht, muss sich den sozialen Problemen am unteren Ende der Gesellschaft stellen. Doug Johnstone, der übrigens ein promovierter Astrophysiker ist, stellt sich dieser Thematik mit eindringlicher Härte und erzählerischer Intensität. So wird „Der Bruch“ ein packender Noir mit nachhaltiger Wirkung!

  • Autor: Doug Johnstone
  • Titel: Der Bruch
  • Originaltitel: Breakers. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger
  • Verlag: Polar
  • Umfang: 308 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Februar 2021
  • ISBN: 978-3-948392-20-8
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung:  13/15 dpt 


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