Keigo Higashino – Heilige Mörderin (Buch)

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Keigo Higashino - Heilige Mörderin (Buch) Cover © Klett-CottaAuf Inspektor Kusanagi wartet ein neuer Fall: Mashiba, ein äußerst angesehener Unternehmer, von reichlich Erfolg gekrönt, liegt tot im Wohnzimmer. Vergiftet. Arsen im Kaffee. Der Verdacht fällt unweigerlich auf die bildschöne Ehefrau Ayane, denn die hatte von ihrem Mann offenbar genug und erwartungsgemäß die Scheidung verlangt. Doch im Grunde kann es unmöglich sein, dass sie Mashibas Mörderin ist, denn als der Mord begangen wurde, war Ayane verreist.

Kusanagi gerät bald an seine Grenzen, möchte sich das allerdings noch nicht so recht eingestehen – also versucht er das Heft in die Hand zu nehmen und zeigt sich bei seiner jungen Assistentin Utsumi von seiner dominanten Seite, sprich, er hat das Sagen, sie hilft. Utsumi macht gute Miene zum wenig aufregenden Spiel und holt den Physikprofessor Yukawa zur Hilfe. Der hatte mit seiner imposanten Kombinatorik und beeindruckenden Intelligenz bereits den Fall des ersten Kriminalromans dieser Reihe, „Verdächtige Geliebte“, gelöst, und nun hofft die Assistentin, dass er auch dieses Mal wieder die entscheidenden Deduktionen und Schlüsse liefert, die den Mörder oder die Mörderin des Geschäftsmannes in Zukunft gesiebte Luft atmen lassen.

Der Inspektor zeigt sich nicht besonders begeistert von Utsumis Eigeninitiative, muss aber bald einsehen, dass er den Fall offenbar nur mit Yukawas Hilfe lösen können wird. Doch auch der clevere Physiker scheint sich die Zähne diesbezüglich auszubeißen, denn selbst er kann sich trotz Extremgrips und komplexester Gehirnwindungen ob der Indizien und Verstrickungen keinen Reim aus dem Ganzen machen. Oder eben doch? So richtig Sinn mögen all die losen Fadenenden nämlich nicht ergeben. Wenn nur ersichtlich wäre, welche Fäden zusammengehören…

Spielte sich Higashinos erster Yukawa-Krimi noch in eher einfachen  bürgerluchen Verhältnissen ab (Nachbar in einem Mehrfamilienhaus bekommt mit, wie die Frau in der Wohnung nebenan mit ihrer Tochter den gewalttätigen Ehemann mit einem Kabel erdrosselt), wechselt der japanische Autor die sozialen Schichten und nimmt den Leser auf eine andere Ebene des kulturell hochinteressanten Nippon mit, welcher den Europäer eben auch in der High Society mit faszinierenden Eindrücken zu begeistern weiß, und auch in „Heilige Mörderin“ transportiert Higashino das japanische Lebensgefühl, die Mentalität und das Wesen der Einwohner des ostasiatischen Inselstaates perfekt in Schriftform.

Während im Vorgängerwerk allerdings die Pforten für den Zugang zum Buch weit offen standen und man sich sehr schnell in die Charaktere einfinden konnte, hält vorliegender Roman den Leser auf eine eigenwillige Art auf Distanz, denn viele der Figuren bleiben unantastbar und undurchsichtig. Das kann für Neugier sorgen, doch in Verbindung mit der teilweise doch eher bewusst profilarmen, fast oberflächlichen – oder besser gesagt: nicht tiefer auf die Person eingehenden – Art des Schreibens wird es schwierig, zu irgendeiner der überschaubaren Menge an Personen einen Draht zu entwickeln, da sie obendrein teilweise beinahe etwas zu „typisch“ (sprich „klischeehaft“ in abgeschwächter Form) skizziert werden.

Man wird hierdurch zwar angespornt, genau und zwischen den Zeilen zu lesen, doch die Ausbeute an Informationen, Wesenszügen und Gedankengängen der Charaktere bleibt gering, und das wirkt durchaus latent frustrierend, denn nicht selten fühlt man sich hierdurch etwas ausgeschlossen, so als dürfe man manchmal lediglich durch den Türspalt lugen oder durch die dünnen Wände mithören. Das wirkt anfangs noch interessant, doch mit zunehmender Dauer verzäht sich der Lesefluss ein wenig. Letztendlich ist es dem Genie des coolen Professoren Yukawa zu verdanken, dass „Heilige Mörderin“ aus der grauen Durchschnittsmasse herausragt – denn ansonsten versprüht das Ganze einen recht gewöhnlichen columboesken Spirit, den man in dieser Form bereits in den verschiedensten Varianten kennen lernen durfte.

„Heilige Mörderin“ darf demnach als zwar mehr als solider Kriminalroman tituliert werden, doch an die Klasse von „Verdächtige Geliebte“, das atmosphärisch deutlich dichter war und durch seine ungleich menschelndere Art zu begeistern wusste, mag es nicht heranreichen.

Cover © Klett-Cotta

 

  • Autor: Keigo Higashino
  • Titel: Heilige Mörderin
  • Teil/Band der Reihe: Teil 2 der Professor Yukawa-Reihe
  • Originaltitel: Seijo no Kyūsai
  • Übersetzer: Ursula Gräfe
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: 01/2014
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 316
  • ISBN: 978-3-608-98012-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 9/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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