Red Screening – Blutige Vorstellung (Film, DVD, Blu Ray)

“Red Screening” ist einer jener Filme, denen man nicht böse sein kann, obwohl sie keine Geschichten zu erzählen haben, die Darstellerriege zwischen halbwegs okay und kläglich rangiert, was ebenso für die Dialoge gilt. Was hat der Film, der im uruguayischen Original “Al morir la matinée” heißt (“Als er während der Matinée starb” – seltsam, da die Vorführung offensichtlich Abends stattfindet) also zu bieten, das ihn ansehnlich macht? Ist ganz einfach: Er ist eines jener Werke, die von einer tiefen Liebe zum Kino erzählen und aus jeder Pore Enthusiasmus ausschwitzen. Viel mehr hat “Red Screening” nicht zu bieten, aber das reicht aus.

“Red Screening” reist zurück ins Jahr 1993, nach Montevideo (was ziemlich egal ist, da kaum Außenaufnahmen vorkommen) ins Kino “Opera”. Dario Argento trapst nicht nur hier sehr laut herum. Dort läuft in der Spätvorstellung der Gruseler “Frankenstein: Day Of The Beast”. Dessen Regisseur Ricardo Islas spielt im vorliegenden Film den Killer.
Studentin Ana löst ihren erschöpften Vater am Filmprojektor ab, um einem spärlichen und wenig interessierten Publikum (Ausnahme, ein älterer Mann und ein Junge, der sich aus der vorigen Vorführung ins Kino geschmuggelt hat) die Zeit zu vertreiben.

Das hat auch ein Messerschwinger im schwarzen Ölmantel vor, wenn auch auf unangenehme und blutige Art. Er metzelt sich durch die Zuschauerränge, sammelt die Augen seiner Opfer in einem großen Einmachglas, um sich daran zu delektieren. Er steht unter dem Schutz magischer Kinomächte, denn sein gewalttätiges Treiben im Kinoschatten bleibt lange unentdeckt. Zum Ende hin kommt es dann doch zu einem Schreien, Rennen, Kämpfen, Flüchten. Dürfte nicht schwer zu erraten sein, wer das Final Girl ist. Die tapfere Filmvorführerin steht ihre Frau.

Ein Nichts an Handlung, blutige Morde, von Hand gebastelt und nicht aus dem Computer, ein Soundtrack irgendwo zwischen John Carpenter und Goblin (beides in Güteklasse B), visuelles Geschick, Logiklöcher, die kein erzählerisches Garn stopfen kann sowie mäßige bis nicht vorhandene Schauspielerführung ergeben eine überdeutliche Hommage an Slasher im Allgemeinen und den argentoesken Giallo im Speziellen. Neben dem bereits erwähnten Namedropping mittels “Cine Opera” ziert ein “Opera”-Filmplakat das Foyer des Kinos, weitere Verweise auf Dario Argento finden sich in den Requisiten. Der Film selbst ist voller Anspielungen auf “Opera”, “Tenebrae” und vor allem “Demoni” (hierzulande “Dämonen 2”), jener in Berlin spielende cineastischen Schauermär, die von Argento produziert wurde, während Lamberto Bava auf dem Regiestuhl saß.

Noch eindeutiger gemahnt “Red Screening” an Bigas Lunas fabelhaften “Im Augenblick der Angst”, der ebenfalls einen mordenden Augensammler (lange vor Sebastian Fitzek. Und viel besser) im Visier hatte. Dessen Missetaten aber immerhin durch eine verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung unterfüttert wurden. Eine derartige Hintergrundgeschichte fehlt “Red Screening” völlig. Ebenso wie ein Ermittlungsmoment, das in fast allen Giallos zu finden ist. Auf solch schnödes Beiwerk verzichtet Maxi Contenti völlig.

Amerika bekommt seine Hommage durch Anspielungen auf “Scream”, das unverhohlene Schielen auf John Carpenter-Soundtracks und den schwarzen Ölmantel, der direkt aus “Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast” gemopst wurde. Dezenz und hintergründiges Zitieren sind Contentis Sache nicht.


Dass der Film 1993 spielt ist nur dem Umstand geschuldet, dass man ein wenig mit großen Filmprojektoren herumhantieren kann und über die besondere Beschaffenheit und Brennbarkeit von Zelluloid sinniert. Unterminiert wird der Zeitstrahl durch die Vorführung von “Frankenstein: Day Of The Beast”, der aus dem Jahr 2011 stammt. Was man den gezeigten Ausschnitten aber nicht ansieht.

Des Metzgermeisters Mordmotivation spielt keine Rolle. Zwar gehört zu den ausgewählten Opfern ein Trio Jugendlicher, die erst nach Filmbeginn eintreffen und lärmig herumpoltern. Besonders der nervigen Ángela, Julieta Spinelli im hyperaktiven Wodka-Red Bull-Modus chargierend, wünscht man das Schlimmste an den Hals und zwar schnell. Doch dieser Wunsch wird nicht erfüllt. Neben dieser Pest jedes Kinoerlebnisses, trifft es jedoch auch solche Zuschauer, die einfach nur in Ruhe einen unterschnittigen Horrorfilm anschauen wollen. Gut, alle haben Augen, das muss als mörderischer Beweggrund reichen.

Dass die graphisch recht drastischen Morde nicht bemerkt werden, ist trotz der riesigen Lücken in den Sitzreihen nicht besonders glaubwürdig, aber solch kleinlichen Einwände haben keinen Platz in dieser grobmotorischen, aber innigen Liebeserklärung ans Horrorkino. Nur selten spannend, dafür plakativ und in Stereotypen verliebt, vermag “Red Screening” auf eine unbeholfene, liebenswerte Art zu unterhalten. Die freudvolle Suche nach Verweisen auf andere Filme und die mit Schmackes und einer ordentlichen Menge Blutsuppe inszenierten Mordszenen tun ihr Übriges. Und immerhin Luciana Grasso als Hauptfigur Ana schlägt sich ganz wacker. Kein Meilenstein der Filmgeschichte, ein augengefälliger Snack für zwischendurch aber allemal.

Bild und Ton der Blu ray sind klar und kräftig, die Bonussektion ist neben Trailern mit einem fidelen Making Of und einem Special Effects-Videoclip bestückt. Da wäre interessanteres Material möglich gewesen.

Cover & Szenenfotos  © Pierrot Le Fou

  • Titel: Red Screening
  • Originaltitel: Al morir la matinée
  • Produktionsland und -jahr: Uruguay, 2020
  • Genre: Horror, Giallo, Slasher
  • Erschienen: tt.mm.jjjj oder mm/jjjj
  • Label: Pierrot Le Fou
  • Spielzeit:
    84 Minuten auf 1 DVD
    88 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller: Ricardo Islas
    Luciana Grasso
    Franco Duran
    Julieta Spinelli
    Bruno Salvatti

  • Regie: Maximiliano Contenti
  • Drehbuch: Maximiliano Contenti
    Manuel Facal
  • Kamera: Benjamin Silva
  • Schnitt: Santiago Bednarik
  • Musik: Hernán González
  • Extras: Trailer, Behind the Scenes, Special Effects Making-of. Nur Mediabook: 24-seitiges Booklet, Poster
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9 – 2.35:1
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Spanisch, DTS-HD MA 5.1
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2.35:1 (1080p)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Spanisch, DTS-HD MA 5.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 9/15 dpt


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